600-Megawatt-Block im Weisweiler Kraftwerk wird genau untersucht

Von: Patrick Nowicki
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Blick in den 600-Megawatt-Block „Heinrich”: Im Kraftwerk Weisweiler laufen der zeit aufwändige Wartungsarbeiten. 800 Fachleute arbeiten an dem gigantischen Stahlkoloss . Foto: P. Nowicki

Stolberg/Weisweiler. Still ruht Heinrich. Wo sonst Temperaturen von bis zu 520 Grad Celsius herrschen und Kohlemühlen einen ohrenbetäubenden Lärm verbreiten, springt hier und da ein Funken. Wenn Revision ansteht, dann nimmt sich Heinrich eine Auszeit. Zwei Monate lang.

Das gilt natürlich nicht für die zahlreichen Arbeiter: Etwa 800 Leute zusätzlich sind damit beschäftigt, Heinrich auf Herz und Nieren, pardon: auf Leitungen und Schrauben zu untersuchen. Alle drei Jahre wird der 600-Megawatt-Block im Weisweiler Kraftwerk heruntergefahren, um Teile auszutauschen und zu reparieren. In diesem Jahr ist Block H an der Reihe. Richtig: Die 600 Mitarbeiter im Kraftwerk kennen ihn nur als Heinrich.

Es gibt zahlreiche Unterschiede zum Gesundheitscheck einer Person, so menschlich auch sein Name erscheinen mag. Die Gebühr beträgt satte 35 Millionen Euro und die Untersuchung ist von langer Hand vorbereitet. Sind größere Teile zu ersetzen oder werden modernere technische Standards installiert, dann können von der Planung bis zur Revision Jahre ins Land ziehen. Die Fäden laufen in diesen Fällen immer bei der RWE Power AG zusammen. „Wir bedienen uns der eigenen Leute, die sämtliche Arbeiten überwachen”, betont Weisweilers Kraftwerksdirektor Gerhard Hofmann. Nur so lasse sich die Qualität garantieren.

Wenn ein Block in dieser Größe abgeschaltet wird, müssen andere Kraftwerke mehr Strom ins Netz geben. Um den Ausfall möglichst gering zu halten, stehen Revisionen immer in den Sommermonaten an. „Im Sommer wird weniger Strom verbraucht”, erläutert Gerhard Hofmann. Eine bestimmt Menge, die sogenannte Grundlast, muss garantiert sein. Bei Engpässen - was allerdings sehr selten vorkommt - wird Strom aus dem Ausland hinzugekauft.

Während im Inneren des Kessels nur noch Restarbeiten zu erledigen sind, herrscht außerhalb des Stahlkolosses Betriebsamkeit wie auf einem Ameisenhaufen. Etwa 35 Firmen und mit ihnen 800 Mitarbeiter zusätzlich sind an der Revision beteiligt. Nur etwa ein Drittel davon stammt aus der Region, die übrigen Menschen sind in Pensionen und Hotels untergebracht. In zusätzlichen Containern besteht auf dem Kraftwerksgelände Gelegenheit zu duschen.

Um die Arbeiten zu koordinieren, muss die Revision bis ins Detail vorbereitet sein. Im Block selbst behält die RWE Power AG die Oberaufsicht, nur die Sanierung des Kühlturmes wurde vollständig in andere Hände gegeben. Alle Teile, die zu dem Block aus dem Jahre 1976 gehören, werden untersucht. Manchmal steht auch vorher fest, welche Apparate ausgetauscht werden. „Wir kennen ja die durchschnittliche Lebensdauer der einzelnen Komponenten”, erläutert Gerhard Hofmann. Diesmal wird der Kondensator vollständig ersetzt, während die Turbinenräder zur Aufarbeitung nach Berlin geschickt werden.

Diese Millioneninvestition rechnet sich für den Konzern, denn durch moderne Teile steigt in der Regel auch der Wirkungsgrad. Im Falle des Kondensators erhoffen sich die Fachleute eine Steigerung um drei bis vier Megawatt, auf die gleiche Menge verbrannter Kohle gerechnet.

Enormer Verschleiß

Die Erneuerung steht allerdings nicht im Vordergrund, sondern die Wartung. Der 120 Meter hohe Stahlkessel mit einem Durchmesser von 21 Metern ist von Rohren ummantelt, die in der Summe 800 Kilometer lang sind. Sie sind extremen Bedingungen ausgesetzt: Zur Temperatur von 520 Grad Celsius gesellt sich auch der mit 170 bar extrem hohe Druck, den die Leitungen aushalten müssen. Dies führt zu enormem Verschleiß in dem Mega-Behälter. Ihn zu kontrollieren und zu reparieren nimmt darum viel Zeit in Anspruch.

Auch in der Turbinenhalle wird emsig gearbeitet. Während der Mitteldruckbereich wieder abgedeckt ist, liegen die sanierten Räder des Niederdruckabschnitts offen. Im Hochdruckbehälter, wo der Wasserdampf aus dem Kessel als Erstes hineinschießt, herrscht hingegen noch gähnende Leere. Der Inhalt, die Turbinenräder, befindet sich noch in Berlin. „Sie werden in den nächsten Tagen zurückerwartet”, hofft Gerhard Hofmann, dass die Zahnräder auch bei der Durchführung der Revision ineinander greifen.

Bei allen Arbeitsschritten spielt die Sicherheit der Mitarbeiter eine große Rolle. Auch die Fremdfirmen werden in den Standards unterwiesen, um Unfälle zu reduzieren. Da einige Arbeiter nicht aus Deutschland kommen und deswegen andere Maßstäbe ansetzen, gewinnen die Schulungen an Bedeutung. Halten sich Firmen nicht an die Anforderungen, droht sogar der Verweis von der Baustelle. „Dies ist in diesem Jahr aber zum Glück noch nicht vorgekommen”, sagt Gerhard Hofmann.

Für zwei Kraftwerksblöcke in Weisweiler wird in Zukunft keine Revision mehr erforderlich sein. Der Essener Stromkonzern hat beschlossen, sämtliche 150-Megawatt-Einheiten der Braunkohlekraftwerke bis zum Jahr 2012 vom Netz zu nehmen. Sie gelten als unrentabel und nicht mehr zeitgemäß.

Auf Block Heinrich dürfte das Ende noch etwas warten: Bereits vor zwei Jahren gab die RWE Power AG ein klares Bekenntnis zum Kraftwerk Weisweiler ab, als die beiden Gasvorschaltturbinen für die beiden 600-Megawatt-Blöcke in Betrieb genommen wurden. In wenigen Wochen wird er seine Arbeit wieder aufnehmen. Etwa zwölf Stunden nimmt der Prozess in Anspruch, bis der Kessel wieder unter Dampf steht. Zunächst wird das Innere mit Öl befeuert.

Bis zu 80.000 Liter Treibstoff, also etwa so viel wie 40 Einfamilienhäuser in einem Jahr, werden dafür benötigt. Bleibt das Feuer konstant und ist eine bestimmte Temperatur erreicht, werden die ersten Kohlemühlen zugeschaltet, die Staub in das Kesselinnere blasen. Zum Schluss lassen die RWE-Mitarbeiter den Wasserdampf in die Turbine, die den Generator antreibt. Dann läuft Heinrich auf Hochtouren. Mit 600 Megawatt. Bis zur nächsten Revision.

Weisweiler soll Energiestandort bleiben

Gerhard Hofmann verfolgt mit Interesse die aktuelle Energiedikussion, die vor allem vor Wahlen losbricht. Es liegt in der Natur seines Berufs, dass er einen vollständigen Verzicht auf Kernenergie eher skeptisch betrachtet: „Etwa 30 Prozent der Stromproduktion in Deutschland stammt aus der Kernkraft. Wenn wir diese Kraftwerke nun abschalten wollen, dann muss man auch sagen, wie diese 30 Prozent dann zuverlässig aufgefangen werden.”

Die RWE Power AG will Weisweiler als Energiestandort erhalten. In welcher Form steht allerdings noch nicht fest. Der Tagebau Inden ist spätestens 2035 ausgekohlt.
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