530 Meter Solidarität in der Innenstadt

Von: Heike Eisenmenger
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Hunderte Luftballons senden eine farbenfrohe und friedliche Botschaft vom Jordanstadt in die weite Welt: „Stolberg hat keinen Platz für Nazis”.

Stolberg. Mit 530 Metern ist es wohl das längste Solidaritätsbanner der Welt, das im Kampf gegen Fremdenhass und Intoleranz gefertigt wurde. Es ist ein beeindruckendes Symbol dafür, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe, Kultur und Alter zusammen Rechtsradikalen die Stirn in Stolberg bieten.

800 Menschen folgen am Samstag auf dem Kaiserplatz dem Aufruf des „Bündnisses gegen Radikalismus” zur friedlichen Demonstration gegen die Aufmärsche von Neonazis. Nach ihrem Fackelzug am Freitag, formieren sich Rechtsextreme vor den Toren der Innenstadt für einen sogenannten Trauermarsch. Dass für ihre Propaganda kein Platz in Stolberg ist, beweist die große Kundgebung des Bündnisses, und das bei einem friedlichen Demonstrationszug entrollte Solidaritätsbanner belegt dies unmissverständlich.

1,20 Meter breit ist dieses Banner, bemalt mit bunten Schriftzügen und Bildern. Es reicht von der Villa Lynen mitten in der Rathausstraße bis hin zum Jordanplatz, markiert so fast den kompletten Weg, den die Demonstration „Kein Platz für Nazis” beschreitet.

„Unser Erwartungen sind übertroffen worden. Es haben so viele an dem Soli-Banner mitgearbeitet, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann”, bedankt sich Beatrix Opree, Sprecherin des „Bündnisses gegen Radikalismus”, bei der Auftaktveranstaltung auf dem Kaiserplatz. Mitgemacht haben Schulen, Kindergärten und Jugendgruppen, Vereine, Organisationen und Parteien aus Stolberg und Umgebung. Besonders bemerkenswert ist, dass allein 100 Meter von Bürgern aus dem überschaubaren Dorff „beigesteuert” wurde - auch ein Rekord. Zusammengenäht wird es während der Tage vor der Veranstaltung in der Textilwerkstatt der Jugendberufshilfe. Es ist so groß und schwer.

Ob mit Taten, Worten, Bildern, Musik oder Luftballons - es gibt viele Möglichkeiten, Ausländerfeindlichkeit gewaltfrei zu bekämpfen und deutliche Zeichen zu setzen für Toleranz, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Alle, die sich an diesem Tag zum gemeinsamen friedlichen Protest eingefunden haben, eint dieser Gedanke.

Blauer Himmel, Sonnenschein und warme Temperaturen, Live-Musik, Infostände und kulinarische Genüsse, der Nachwuchs tobt sich auf einem Soccerfeld aus oder spielt mit dem Breiniger Turnerbund Volleyball. Es ist ein fröhlich stimmendes Bild von Freundlichkeit, Respekt und einem friedlichen Miteinander von Kulturen und Generationen. „Traurig stimmt nur der Anlass”, sagt ein 79-jähriger Teilnehmer. „Es ist das alte Problem. Der Zweite Weltkrieg hat uns doch die fürchterlichen Konsequenzen von Rassenhass und Größenwahn vor Augen geführt. Wenn ich die Hetzparolen der Neonazis heute höre, dann klingt das genauso wie damals, als Hitler an der Macht war.”

Rechtsradikalismus ist nicht nur ein Thema, das Stolberg betrifft. Viele Nachbarstädte zeigen mit ihren Bürgermeistern Solidarität; deshalb sind auch Parteien, Verbände und Institutionen vertreten, um Stolberg beizustehen in seinem Kampf gegen rechtsradikale Vereinnahmung.

Das Recht auf Meinungsfreiheit sei einer der Grundlagen in einer Demokratie, erklärt Stolbergs Bürgermeister Ferdi Gatzweiler. Dieses Recht dürften zwar auch die Rechten in Anspruch nehmen, auch wenn das schmerzlich sei. „Wir müssen mit allen demokratischen Mitteln dafür sorgen, dass sie keine Lust mehr haben, nach Stolberg zu kommen.”

Gatzweiler zeigt sich froh über jeden Einzelnen, der seinen Protest gegen die Neonazis zum Ausdruck bringe. Dies mit einer Sitzblockade zu tun, finde er „in Ordnung, sofern nicht an Straftaten angedockt wird.”

Sorge bereitet dem Bürgermeister die zunehmende Ausländerfeindlichkeit, die sich unterschwellig an Stammtischen ausbreite. „Diese Leuten sind keine echten Rechtsradikalen. Vielen von ihnen ist gar nicht bewusst, dass sie mit ihrem Gerede andere verletzen. Ich suche immer das Gespräch und ermuntere auch Sie dazu”, unterstreicht Gatzweiler.

Klare Worte findet auch der Oberbürgermeister aus der Kaiserstadt: „Wir müssen braunes Gedankengut verbannen”, sagt Marcel Philipp. „Deswegen ist es so wichtig, dass wir in Aachen den Bau der Moschee unterstützen.”

Im Alsdorfer Stadtrat ist zwar nicht wie in Stolberg die NPD vertreten, „aber wir haben die Republikaner. Das macht auch keinen Spaß”, berichtet Alfred Sonders, Bürgermeister der Stadt im Nordkreis, die vom Bergbau geprägt ist. „Unter Tage waren alle schwarz, da zählte nur, ob man ein Kumpel ist und nicht, woher man kam.”

Auch wenn er durch und durch Würselener ist - an diesem Tag wird Arno Nelles zum Stolberger: „Wenn die Rechtsradikalen aufmarschieren, bin ich einer von Euch”, versichert der Bürgermeister der Düvelstadt und spricht damit seinen Amtskollegen aus Roetgen, Monschau, Herzogenrath und Eschweiler ebenso aus dem Herzen wie den Abgeordneten aus dem Städteregions-, Land- und Bundestag, die hier für Demokratie und Toleranz Flagge zeigen.

Das macht auch die Jugendorganisation „Jump” und stellt sich mit rund 35 Aktiven auf die Bühne: „Wir wollen keine Gewalt ins Stolberg, und sind gegen einen solchen Hass. Die Rechten haben doch gar keinen Grund, uns nicht zu wollen”, formuliert der 16-jährige Norbert. Gegen 14 Uhr geht die Demo vom Kaiserplatz friedlich los zum Jordanplatz, wo die Abschlusskundgebung sein wird. Aus Sicherheitsgründen muss er für einige Zeit in Höhe des Bastinsweiher anhalten - nach einem Zwischenfall zwischen Linksautonomen und Polizei.

Auf dem Jordanplatz angekommen, lassen die Zugteilnehmer Luftballons in den Himmel steigen - ein weiteres Zeichen für ein multikulturelles Miteinander. Die Vielfalt der Kulturen in Stolberg wird auch beim Programm auf dem Jordanplatz deutlich. Besonders gut gefällt die Vorführung einer türkischen Folkloregruppe. Die jungen Mädchen tanzen mit einer solchen Freude zur mitreißenden Musik, dass man sich dem Rhythmus nicht entziehen kann. Das steckt an. Schnell finden sich Stolberger zusammen, die mittanzen zu den türkischen Klängen.

Die Türkei ist das Geburtsland von Turgay Sacu, Vorsitzender der Ditib-Moschee an der Rathausstraße. Im Alter von neun Jahren kommt er nach Deutschland. „Meine Frau und meine Kinder sind alle in Deutschland geboren.” Als er kürzlich ein Formular für eine seiner Töchter ausfüllt, in dem nach der Herkunft der Eltern gefragt wird, sagt seine Tochter lachend: „Papa, Du bist der einzige Ausländer in der Familie.” Das ist ganz normaler deutsch-türkischer Alltag. „Mein Mutterland ist die Türkei, mein Vaterland ist Deutschland”, erklärt Turgay Sacu. „So einfach ist das”.

Einfach Kontakte knüpfen können die Besucher auf dem Mühlener Markt. Dort lädt die „Side”, der Verein der türkischen Geschäftsleute in Stolberg ein zu Tee und Essen, zu Gesprächen und einem friedlichen Ausklang des Tages. Derweil legen auf dem Kaiserplatz junge Bands los und setzen mit ihrer Musik ein weiteres Zeichen: Stolberg ist friedlich, multikulturell und weltoffen.
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