35-Stunden-Woche für den Karambol-Tisch

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Willi Stockem ist seit 35 Jahren Vorsitzender des Billardclubs Dorff, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert und durch neue Wege Erfolge in der Jugendarbeit erzielt. Foto: D. Müller

Stolberg. Seit 54 Jahren ist das Karambol-Billard seine Leidenschaft. Willi Stockem gewann sechs Landesmeistertitel und mehr als zehn Kreismeistertitel in verschiedenen Disziplinen der Sportart. Seit 1976 ist er im Billardclub Stolberg-Dorff aktiv, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, und bekleidet seit dreieinhalb Jahrzehnten das Amt des Vorsitzenden.

Dirk Müller sprach mit ihm über die Entwicklung des Karambol-Billards und die erfolgreiche Jugendarbeit des BC Dorff.

Wie hat sich der Karambol-Billard-Sport in der Region innerhalb der vergangenen 54 Jahre entwickelt?

Stockem: Der Trend ist stark rückläufig. Als ich anfing, gab es mehr als 1000 aktive Karambol-Spieler in Aachen Stadt und Land. Heute schätze ich die Anzahl in der Städteregion auf weniger als 100.

Der BC Dorff ist von der Negativentwicklung aber nicht betroffen...

Stockem: Naja, auch bei uns gibt es Höhen und Tiefen. Zum Beispiel als in Dorff die letzte Gaststätte geschlossen hat, und wir heimatlos wurden. Glücklicherweise fanden wir eine neue Herberge im Vereinsheim der DJK Sportfreunde Dorff. Dieses Domizil hat auch den Vorteil, dass wir eben nicht mehr in einer - wie früher üblich - verqualmten Kneipe spielen, und so eine bessere Ausgangslage für Jugendarbeit haben. Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr in eine Wirtschaft gehen, sondern in ein Sportheim. Trotzdem mussten wir die Erfahrung machen, dass die Jugendlichen nicht von alleine zum BC Dorff kommen. Daher sind wir selbst initiativ geworden.

Welche Initiativen hat der BC Dorff ergriffen?

Stockem: Wir haben Flyer drucken lassen und eine Internetseite eingerichtet, auch um mit dem modernen Medium bei der Jugend zu punkten. Seit zehn Jahren bieten wir zudem Karambol-Billard im Rahmen der Ferienspiele der Stadt Stolberg an. Die Resonanz war leider meist sehr bescheiden, aber wir haben langen Atem bewiesen. Derzeit sind zwei junge Spieler im BC aktiv, die wir auf diesem Weg für den Karambol-Billard-Sport gewinnen konnten. Den Durchbruch hinsichtlich der Jugendarbeit haben wir vor vier Jahren eingeleitet, indem der BC Dorff im Ritzefeld-Gymnasium seine Arbeit aufnahm.

Bitte beschreiben Sie das Wirken des BC im Ritzefeld-Gymnasium genauer.

Stockem: Als in der Schule eine neue Mensa gebaut und dadurch Raum frei wurde, haben wir die Schulleitung angesprochen, ob wir ein Karambol-Billard während der Übermittagsbetreuung anbieten können. Wir erhielten grünes Licht und haben zwei Karambol-Tische aufgestellt. Seit vier Jahren ist der BC Dorff jetzt von montags bis freitags im Ritzefeld-Gymnasium präsent. Heinz Sommer, Willi Jansen und ich sind wechselweise vor Ort, so dass immer zwei Clubmitglieder interessierte Schüler anleiten können. Seit dem 1. März haben wir mit dem Sozialdienst katholischer Frauen einen neuen Kooperationspartner für dieses Angebot während der Übermittagsbetreuung.

Wie positiv hat sich dieses Engagement ausgewirkt?

Stockem: Im vergangenen Jahr, dem 49. Clubjahr, hat der BC Dorff erstmals in seiner Geschichte eine Jugendclubmeisterschaft mit sieben Teilnehmern ausgespielt. Momentan freuen wir uns über acht Jugendliche in unseren Reihen, deren Interesse am Karambol-Billard bei der Übermittagsbetreuung im Ritzefeld-Gymnasium geweckt wurde.

Darunter ist auch eine besonders erfolgreiche Spielerin...

Stockem: Ja. Seit zwei Jahren arbeiten wir mit Leonie Zillmann, und sie hat in beiden Jahren jeweils den Landesmeistertitel in der Freien Partie in ihrer Altersklasse U15 gewonnen. Am 7. April wird die heute 13-jährige Leonie zum ersten Mal bei den Deutschen Billard-Jugendmeisterschaften in Bad Wildungen antreten. Es ist ein toller Erfolg, dass sie bei den Deutschen Meisterschaften spielen kann. Und bei diesem Erfolg muss es nicht bleiben, denn Leonie hat große spielerische Qualität und meiner Einschätzung nach realistische Chancen auf eine Medaille. Für den BC ist es natürlich toll, eine derart talentierte Spielerin in der Jugend zu haben, aber noch wichtiger ist es für uns, dass wir in der Jugend breit aufgestellt sind, was die Altersstruktur im Club verbessert.

Wie stellt sich das Altersverhältnis im BC Dorff dar?

Stockem: Die Aktiven teilen sich in 20 Erwachsene und zehn Jugendliche auf. Insgesamt ist die Altersstruktur gesund und spricht für den langfristigen Fortbestands des Clubs, der uns am Herzen liegt. Dennoch wollen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern versuchen, weiterhin für Jugendliche attraktiv zu sein. Auch indem wir neue Ideen entwickeln.

Zum Beispiel?

Stockem: Geplant ist etwa, mit einer Videokamera künftig das Training zu filmen. So wird den Spielern der Blick von außen auf sich selbst in Aktion ermöglicht. Das kann sehr hilfreich bei der Analyse des eigenen Spiels sein und beispielsweise Fehler in der Körperhaltung zeigen. Clubeigene Fachliteratur ist bereits vorhanden. Während meine Generation sich noch nach dem Motto „Learning by doing“ mit dem Karambol-Billard-Spiel vertraut gemacht hat, wollen wir heute den Spielern mehr Möglichkeiten bieten. Der Spaßfaktor und der Aspekt der Geselligkeit sollen selbstverständlich erhalten bleiben, aber auch der sportliche Aspekt soll einen höheren Stellenwert haben können, so dass unterm Strich jedes Clubmitglied für sich selbst entscheiden kann, welcher Gesichtspunkt im Vordergrund steht, beziehungsweise, wie die Gewichtung ist.

Der BC hat in Dorff einen Karambol-Tisch zur Verfügung. Wird die Spielstätte der positiven Entwicklung der Mitgliederzahl noch gerecht?

Stockem: Tatsächlich sehen wir ein Problem auf uns zu kommen, wobei wir auf hohem Niveau klagen, denn zunächst sind 30 Aktive, von denen zehn Jugendliche sind, großartig für den BC. Aber unser Vereinstisch ist stark ausgelastet, seit geraumer Zeit wechseln wir jedes halbe Jahr das Tuch. Unser Tisch hat inzwischen eine 35-Stunden-Woche: Er wird an sieben Tagen in der Woche durchschnittlich fünf Stunden bespielt. Wir sind durchaus gut organisiert; es gibt auf unserer Homepage einen Online-Tisch-Belegungsplan. In dieser Tabelle tragen die Clubmitglieder sich im Vorfeld ein und verabreden sich zu Partien. Trotzdem kommen wir mit nur einem Tisch an die Kapazitätsgrenze.

Bedeutet das im Umkehrschluss einen abzusehenden Mitglieder-Aufnahmestopp?

Stockem: Nein, wir möchten unbedingt offen für neue Mitglieder bleiben und streben stattdessen einen zweiten Tisch an. Auch bei Begegnungen auf Verbandsebene wäre ein zweiter Tisch für uns wichtig, um einen vernünftigen zeitlichen Rahmen zu gewährleisten. Das Problem dabei ist die Raumfrage. Wir arbeiten mit verschiedenen Ansätzen an der Problematik. Eines steht allerdings außer Frage: Wenn wir einen Raum außerhalb von Dorff finden, der Platz für ein oder besser zwei Tische bietet, dann kann dies nur ein zusätzlicher Standort sein. Quasi eine „Niederlassung“, denn der „Hauptsitz“ unseres Billardclubs bleibt definitiv in Dorff. Der BC genießt großen Rückhalt in der gesamten Dorffgemeinschaft und das Miteinander der Ortsvereine in Dorff ist hervorragend. Schön wäre allerdings, wenn sich auch Dorffer Jugendliche für das Karambol-Spielen beim BC begeistern könnten. Aber das kommt vielleicht noch, zumal der Club mit einer zehnköpfigen Jugendabteilung sicherlich interessanter für weitere Jugendliche geworden ist.

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