2500 Menschen setzen Zeichen gegen Rechts

Von: gro/jül
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Eindrucksvoller Protest gegen Rechts. Foto: Grobusch

Stolberg. Nach Schätzungen der Stadt Stolberg als Veranstalter nahmen an dem Demonstrationszug vom Kaiserplatz bis zum Stadtteil Mühle rund 2500 Menschen teil.

Insgesamt beteiligten sich etwa 6000 Stolberger und Auswärtige an den Veranstaltungen und Aktionen „Für ein nazifreies Stolberg” in der Innenstadt teil.

Zum Auftakt hatten der evangelische Pfarrer Uwe Loeper und sein katholischer Kollege Hans-Rolf Funken am Morgen bei einem ökumenischen Gottesdienst mit rund 300 Teilnehmern in der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt eindringlich zu Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit aufgerufen. „In dieser erschreckend fremdenfeindlichen Zeit müssen wir die Freude und die Neugierde auf das Fremde wecken. Wir sollten auf das vertrauen, was der Fremdenfreund in uns sagt”, appellierte Loeper in seiner Predigt.

Bei der Auftaktkundgebung auf dem Kaiserplatz gratulierte NRW-Integrationsminister Armin Laschet Stolberg zu seinem Mut. „Es ist wichtig, dass es solche Tage gibt, an denen man auf die Straße geht”, erklärte Laschet und verwies zugleich auf die Gefahren durch den Rechtsextremismus. „Die Zahl der rechtsradikal motivierten Straftaten in Nordrhein-Westfalen ist im vergangenen Jahr um 25,7 Prozent gestiegen. Das ist keine abstrakte Zahl, sondern eine konkrete Bedrohung unserer Gesellschaft”, wertete der Minister die Statistiken, die zu Wochenbeginn im Rahmen des Verfassungsschutzberichtes veröffentlicht worden waren.

Zugleich mahnte er, dass die aktuelle Wirtschaftskrise nicht von den Rechten ausgenutzt werden dürfe. „Wenn Jugendliche verführt und ihnen Rassenkunde erteilt wird, muss man hart durchgreifen”, kommentierte Laschet mit Genugtuung das von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verhängte Verbot der Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ).

Beeindruckt zeigte sich derweil Recep Kindam, Vorsitzender der Türkischen Mittelständischen Betriebe in Stolberg (Side), von der Solidarität der Stolberger und der vielen Gäste, die aus der gesamten Region angereist waren. „Vielen Dank, dass Sie hier sind, um uns beizustehen”, erklärte Kindam bei einer Zwischenkundgebung auf dem Mühlener Markt sichtlich ergriffen.

Ferdi Gatzweiler wertete die Großveranstaltung schon frühzeitig als einen bedeutenden Erfolg. „Das ist unsere Stadt, und wir haben es geschafft, dass die Neonazis hier nicht hinein dürfen”, stellte der Bürgermeister unter dem Beifall der Zuhörer am frühen Nachmittag auf dem Kaiserplatz fest. Um 16.30 Uhr hob Gatzweiler dann offiziell das bis dahin geltende Alkoholverbot auf und stieß mit den Menschen auf den friedlichen und gelungenen Protest an. „Ich bin überwältigt von der Resonanz und erleichtert, dass wir dass als Stolberger so hinbekommen hatte”, stellte er auch mit Blick auf das Rahmenprogramm fest, das von über 80 Vereine, Verbände, Schulen, Kindergärten und Parteien auf die beine gestellt worden war.

Die Aktionen reichten vom Volkslauf des Atscher Turnvereins durch die Altstadt über das Streetsoccer-Turnier des Jugendtreffs Westside vor dem Rathaus bis zu einem siebenstündigen Konzert mit Jugendbands auf dem Jordansplatz. Zudem gab es etliche Infostände und eine große Zahl gastronomischer Angebote, die ebenfalls ein Ausdruck der Vielfalt in der Kupferstadt waren.

Während auf dem Kaiserplatz das gelungene Aufbegehren der Bürger gefeiert wurde, beendeten die insgesamt 530 Neonazis ihre Kundgebung in Unterstolberg. Die Rechten setzten sich erst mit etwa dreistündiger Verspätung in Bewegung. Die Anreise aus ganz Deutschland ­ eine Euregiobahn wurde zudem nach Weisweiler umgeleitet ­ und scharfe Polizeikontrollen zeigten ihre Wirkung.

Nach der Auftaktkundgebung vor dem Haltepunkt Schneidmühle setzte sich der „Trauermarsch” der vorwiegend jungen 530 Extremen schweigend in Bewegung ­ über die publicityarme Eisenbahnstraße, aber begleitet von einem starken Aufgebot an Polizeikräften. Weitgehend von der Öffentlichkeit ignoriert wurde auch die Kundgebung am Tatort des Vorjahres auf der Birkengangstraße.

Sodann zeigten die Rechten auf dem Rückmarsch ihr anderes Gesicht und skandierten lauthals vorwiegend ausländerfeindliche Parolen. Als an der Einmündung der Eschweilerstraße eine Tomate flog, ging ein Ruck durch die schwarzgekleidete Masse, aber die Polizei hatte den Protestzug im Griff. Ohne Vorkommnisse erreichte er wieder den Ausgangspunkt an der Schneidmühle. Von dort aus treten die Rechtsextremen die Heimreise mit der Bahn zügig an. Der Veranstalter, Ingo Haller aus Düren, kündigte zuvor eine dritte Kundgebung der Rechtsextremen in diesem Jahr in Stolberg an ­ ebenso wie er bei dem Fackelzug vom Vortag erklärt hatte bis 2018 stets an zwei Tagen eine Gedenkveranstaltung abhalten zu wollen.

Nichts zu sagen hatte derweil bei beiden Kundgebungen der Stolberger NPD-Vorsitzende: Willibert Kunkel hatte keine Gelegenheit, das Wort zu ergreifen.

Die Stolberger Feuerwehr verbrachte nach Aussage ihres Leiters Toni Sturz einen ruhigen Tag und hatte lediglich einen größeren Einsatz, nachdem am Mittag fünf Jugendliche am Hauptbahnhof Schwächeanfälle erlitten hatten. Sie stammten überwiegend aus einer Gruppe von rund 200 linken Gegendemonstranten, die vormittags auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs von der Polizei festgesetzt worden waren, weil sie den Auflagen nicht nachkommen wollten. Um Auseinandersetzungen zwischen anreisenden Rechten und am Bahnhof wartenden Linken zu vermeiden, hatten sich die Polizeikräfte des Bundes und aus Nordrhein-Westfalen massiv am Stolberger Hauptbahnhof formiert.

Aufgrund absehbarer Gefahren durch den Zugverkehr erteilte die Polizei den Linken Platzverweise vom Bahnhof, denen sie jedoch nicht nachkamen. Daraufhin verbrachten die Beamten etwa 200 Personen zum Bahnhofsvorplatz.

Auch dem von der Polizei erteiltem Gebot, Stolberg zu verlassen, wurde weitgehend nicht gefolgt, so dass etliche Demonstranten zur Feststellung der Personalien ins Gewahrsam genommen wurden. Im Ergebnis nahmen die Einsatzkräfte zwölf Personen vorübergehend in Gewahrsam, vier Rechte sowie acht Linke.

„Die Deeskalationsstrategie im Zusammenhang mit der konsequenten Verfolgung von Rechtsverstößen ging auf”, wertete Polizeipräsident Klaus Oelze in einer ersten Bilanz. So konnten ernsthafte Zusammenstöße zwischen den rund 200 Linken und den etwa 530 Rechten vermieden werden. Oelze lobte erneut „die professionelle Arbeit der eingesetzten Polizeikräfte sowie das Engagement und das Verständnis der Stolberger Bürgerinnen und Bürger.”
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