1907: Stolberger Zeitung will Karneval mit „vornehmem Charakter“

Von: Christian Altena
Letzte Aktualisierung:
14062010.jpg
Stolberger Karnevalsplakat aus dem Jahr 1907. Foto: Stadt Stolberg

Stolberg. Der erste Karnevalszug in Stolberg ist für das Jahr 1881 überliefert. Wie die Bareschesser, Wenkbülle, Lehmjörese oder Atschinesen, wie sich das Narrenvolk später selbstironisch nennen sollte, zuvor feierten, ist nicht überliefert. Auch wie es danach weiterging mit dem jecken Brauchtum der Stolberger Narren, liegt weitgehend im Dunklen.

Wann fanden Umzüge statt, wie sahen sie aus? Viele Jahre fanden keine statt und bis in die 1970er war es längst nicht allen Narrenherrschern vergönnt, mit einem Rosenmontagszug durch die Straßen zu ziehen. Das Wechselspiel des Stolberger Karnevals zeigte sich aber noch auf andere Weise: so wechselte nicht nur die Marschrichtung am Rosenmontag, sondern auch die Schlüsselübergabe des Rathauses. Sie findet seit 179 Jahren vor dem städtischen Machtzentrum statt.

Was sich aber im Stolberger Karneval nie ändert, steht in der „Stolberger Zeitung“. Wohlgemerkt in der Ausgabe vom Februar 1907, im damals katholisch geprägten Presseorgan. Der Autor beschwert sich über Feiernde, die dem Wesen des Karneval nicht gerecht werden: „anständig ihres Weges Ziehende“ würden belästigt und deren „Ohr durch unflätige Gesänge“ beleidigt. Statt „echtrheinischem Carneval“ mit von „gesundem, sittenreinem Humor durchwehten Volksliedern“ hörte man „schmutzige Liedtexte“ und „zotige Lieder“. Durchweht ist auch der Zeitungskommentar an sich, nämlich von streng katholischem Geist, der bei heute etablierten Liedern die Hände über dem Kopf zusammenschlüge.

Im Hinblick auf den manchmal spröden Humor der Kaiserzeit könnte man an eine Satire, einen karnevalistischen Ulk denken, liest man die Zeilen. Neben den „zwei- und unzweideutigen Kasernenliedern“ werden natürlich die „polizeilich festgestellten Ausschreitungen von Trunkenen“ beklagt, aber auch Hoffnung auf Besserung gemacht. Schließlich werde auch für Stolberg das bereits anderswo etablierte Verbot von Gesichtsmasken angestrebt, um einen „großen Teil von Unverschämtheit in Kleidung und Lied“ von der Straße zu „fegen“.

Auch das „verwerfliche ‚Wahrheitsagen‘“ solle eingedämmt werden. Haben wir es vor 110 Jahren schon im Stolberger Karneval mit ‚alternativen Fakten‘ zu tun? Oder gar mit „Man wird doch wohl noch sagen dürfen‘? Leider schweigt der Autor zu den fraglichen Wahrheiten der nicht so sortenreinen Karnevalisten, die sich mehr wie „halbe Tiere“ geben würden.

Aber man gibt sich konstruktiv: „zur Verschönerung des Volksfestes“ sollten „auf Stolberger Verhältnisse und Ereignisse (…) zugeschnittene lustige Carnevalslieder“ gedichtet werden, die auf „hier bekannte Melodien singbar“ sein sollten. So weit, so gut. Schließlich bedient sich die rheinische Stimmungsdichtung seit Jahrzehnten tatsächlich bekannter Melodien aller Epochen und Stilrichtungen. Die „Nur-so-da-Brücke“ an der Zweifaller Straße, die „Spielstraße“ Burgstraße oder andere lokale „Tor“heiten wurden bisher aber nicht in der Kupferstadt besungen. Und ob nun „die Behörde gegen jeden Versuch Front macht, unanständige Parodien“ zu singen, wird in dem Artikel nicht festgestellt.

Dass Alkohol die Stimmung hebt, ist auch 1907 eine unausgesprochene Binsenweisheit, schließlich ist die Liste lang mit Gaststätten, wo man karnevalistische Unterhaltung bekam: „Zur Krone“, „Zum Treppchen“, das „Konzerthaus Bavaria“, der „Burgkeller“, „auf Scheufen“ oder „Kaiserhof“, um nur einige zu nennen. Wer es allzu bunt und heftig trieb, landete gleich in der Spalte mit Meldungen daneben. „Büsbach. Am Fastnachtsmontag nachts kam ein hiesiger Arbeiter total betrunken aus dem Fastnachtstrubel nach Hause und jagte seine Frau (…) vor die Türe, wo sie bis zum Morgen in der grimmigen Kälte und nur notdürftig gekleidet, ausharren musste“.

Positiv wurden die Ambitionen des Carnevalsvereins § 11 aufgenommen, einen Rosenmontagszug auf die Beine zu stellen, die aber, wie so oft, scheiterten. Schließlich fuhren die jecken Unterstolberger mit einem „schön dekorierten Wagen“, eine „Biertaverne“ darstellend und mit Clowns auf den drei Zugpferden, gen Oberstolberg, begleitet von einem Musikkorps mit „lustigen Marschklängen“. Angeführt vom „Hauptmann von Köpenick“, einer klassischen kaiserzeitlichen Figur, fuhr man auch wieder zur heimischen „Bierhalle“ zurück.

Drei Tage währte der Karneval, von Karnevalssonntag bis Veilchendienstag. Wie berichtet wird, war das Treiben 1907 durchschnittlich oder sogar zurückgegangen. Am Wetter lag das nicht, Sonnenschein herrschte vor und erst am Dienstag kam Sprühregen auf, der das Wanderkonzert einer Kapelle auf Prunkwagen mit Klavier, Schlag- und „Spektakelinstrumenten“ empfindlich störte. Regelkonform endeten die Feierlichkeiten vor Null Uhr und „die Nacht verlief in wünschenswerter Ruhe“.

Der fromme Schreiber war wenigstens etwas versöhnt. Anständige Lieder, ein Maskenverbot, Prunkwagen, „die etwa Stolbergs Vergangenheit zur Grundlage nehmen“, sollten dem Stolberger Karneval einen „vornehmeren Charakter verleihen“. Jedenfalls wollte man sich im Voraus nicht mehr wünschen müssen „Ach wenn er doch schon vorüber wäre!“

Ob nun ein vornehmerer Charakter zu Karneval so erstrebenswert ist, kann hier nicht beantwortet werden. Aber viele Anregungen haben sich in über hundert Jahren durchgesetzt. Die Forderung nach weniger zotigen und (un-)zweideutigen Liedern aber nicht unbedingt.

Und es bleibt festzustellen, dass der Export des rheinischen Karnevals in die Bundeshauptstadt ist auch kein ganz so neues Phänomen. Schon 1907 steht geschrieben, dass „in Berlin der Rheinische Carnevalsverein“ dort auch den rheinischen Frohsinn importierte. Egal ob Berlin oder Stolberg, am Aschermittwoch war wieder „die Zeit des Ernstes, der Arbeit und der Abtötung (theologisch für das symbolische Sterben des „sündigen Menschen“, Anm. d. Autors) gekommen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert