Stolberg - 16,4 Millionen Euro Umsatz werden verteilt

16,4 Millionen Euro Umsatz werden verteilt

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Auch bei der Bürgeranhörung am 17. Oktober 2013 im Rathaus gab es nur eine einzige kritische Stimme zur Umsatzumverteilung. Foto: J. Lange

Stolberg. Ein Aufschrei bleibt aus, als unsere Zeitung im August letzten Jahres exklusiv über das Gutachten berichtet, das die Auswirkungen des Strabag-Projektes auf den übrigen Handel im Stadtgebiet prognostiziert. Lediglich E-Center-Betreiber Ender Cevik äußert seine Befürchtungen. Nicht einmal der Politik sind die Zahlen ein Wort wert, als Fachausschüsse und Stadtrat im September die frühzeitige Bürgerbeteiligung beschließen.

Und auch dort dreht sich im Oktober vieles um den Schornstein; Dieter Koll ist der einzige, der auf die Auswirkungen auf den übrigen Handel hinweist. Erst der „Victor-Schock“ und die Verfügung der Regierungspräsidentin zum Zentrenkonzept der Stadt rücken die Prognosen zur Umsatzverteilung in den Blickpunkt – zumindest in den des Einzelhandels. Hier noch einmal die Ergebnisse des im Juli 2013 vorgelegten Gutachtens der Kölner GMA – Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung im Auftrag der Strabag im Überblick:

EErrichtet werden sollen als Ersatz für den „Toom“ an der Mauerstraße (mit 3500 m2 Verkaufsfläche) ein Bau- und Heimwerkermarkt (6800 m2 ), ein Verbrauchermarkt (Rewe; 2500 m2 – davon 250 m2 Drogerie-, 50 m2 Haushaltswaren, 30 m2 Heimtextilien), ein Lebensmittel-Discounter (Penny oder Aldi ; 1000 m2 – davon 50 m2 Drogerie-, 50 m2 Aktionsware) und ein Drogeriemarkt (z. b. Müller; 1000 m2 – davon 200 m2 Spiel-, 130 m2 Schreibwaren, 40 m2 Bekleidung, 150 m2 Multimedia) nebst 350 Parkplätzen.

EZiel soll es neben der Sanierung und Belebung der Industriebrache sein, den Abfluss von Kaufkraft aus Stolberg durch die Etablierung moderner Betriebsformen mit marktgerechten Verkaufsflächengrößen zu reduzieren. Erwartet wird ein Umsatz von insgesamt rund 28,3 Millionen Euro.

E Der Einzugsbereich wird mit rund 104.020 Einwohner angeben, davon 47.560 Einwohner aus Eilendorf, Brand, Kornelimünster und Wahlheim (Zone III), die in erster Linie als potenzielle Kunden des Bau- und Gartenmarktes gesehen werden. Die wesentliche Wettbewerbsauseinandersetzung erfolgt im Kernbereich (Zone I) mit 36.120 Einwohnern von Atsch, Büsbach, Donnerberg, Münsterbusch, Ober- und Unterstolberg sowie in übrigen Stadtgebiet (Zone II) mit 20.250 Einwohnern.

E Die GMA geht von einer für das Projekt relevanten Kaufkraft von 319,2 Millionen Euro – davon 110,4 in Zone I sowie 146,9 Millionen Euro in Zone III. Die Schwerpunkte liegen bei Nahrungs- und Genussmittel (183,6), gefolgt vom Baumarktbedarf (46,2), Multimedia (25,7), Drogerie (37,8), Schreibwaren (11,7), Haushaltswaren (10,4), Spielwaren (3,8)

E Kalkuliert wird für Stolberg ein prognostizierter Umsatz (inklusive Kistenplatz-Projekt und Praktiker, der erst im November schloss) von insgesamt 120,2 Millionen Euro auf 33 620 m2 Verkaufsfläche: Nahrungs- und Genussmitteln 82,9 Millionen / 21.350 m2, Drogerie 15,9 Millionen / 1730 m2, Baubedarf 10,6 Millionen / 8130 m2, Haushaltswaren 7,4 Millionen / 2200 m2, Spielwaren 1,5 Millionen / 100 m2, Multimedia 1,4 Millionen als Randsortimente in Mehrbranchenfilialen und Schreibwaren 1,1 Millionen Euro Umsatz / 110 m2 Verkaufsfläche. Auf den Bereich der Innenstadt entfallen 31,8 Millionen Euro Umsatz bei 7125 m2 Verkaufsfläche.

E Für das gesamte Stadtgebiet Stolberg (siehe Grafik) erwartet die GMA durch das Strabag-Projekt eine Umsatzumverteilung von bis zu 16,4 Millionen Euro (16 ). Die höchsten Quoten werden bei Schreib- und Spielwaren (20 ), Drogerieartikel (19) sowie Lebensmittel (14) erwartet. Dabei hat die GMA auch die Auswirkungen auf einzelne Lagen ermittelt.

Innenstadt

In den Sortimenten Spielwaren und Schreibwaren sind mit rund 20 Prozent und jeweils um 200.000 Euro die höchsten Umverteilungsquoten zu erwarten. Sie betreffen das Randsortiment von Mehrbranchenanbieter (vor allem Kaufland und Woolworth) sowie jeweils einen Fachanbieter, für die eine nachhaltige betriebliche Schwächung die Folge sein kann.

Im Sortiment Drogeriewaren werden mit ca. 1,1 Millionen Euro (17 ) ebenfalls hohe Wettbewerbswirkungen ermittelt. Betroffen wären vor allem die beiden Rossmann-Filialen und der noch nicht eröffnete dm-Markt auf dem Kistenplatz. Ein wirtschaftlicher Betrieb aller drei Märkte wird mittelfristig nicht möglich sein.

Mit rund 1,5 Millionen Euro (9 ) sind im Nahrungs- und Genussmittel-Segment hohe Wettbewerbswirkungen zu erwarten. Nach der Schließung von Rewe vor einem Jahr können fast nur noch Aldi und Kaufland betroffen sein. Würde in Münsterbusch eine Aldi-Filiale etabliert, würden sich die Umsatzumverteilung auf rund 1,8 Millionen Euro (10 ) erhöhen. Dennoch sehen die Gutachter keine unmittelbare Gefährdung auf Aldi in der Rathaus-Passage, weil es der einzige Discounter in der Innenstadt ist.

Im Sortiment Haushaltswaren würde eine Umverteilung von 200.000 Euro (4 ) vor allem Kodi, Tedi, Woolworth und Kaufland betreffen; teilweise wäre auch Victor betroffen gewesen.

Bei Bau-, Heimwerker- und Gartenbedarf wären nur untergeordnete Randbereiche der vorhanden Filialisten gering betroffen. Gleiches gilt auch für Multimedia (CD/DVD/Spiele) mit einem Volumen von 200.000 Euro. Wenige Fachanbieter würden kaum tangiert, weil sie andere Schwerpunkte hätten.

Münsterbusch

Eine Umsatzumverteilung von 4,4 Millionen Euro (19 ) geht fast ausschließlich zu Lasten von E-Center, Netto und Lidl, davon 3,8 Millionen Euro (19) bei Nahrungs- und Genussmitteln, weitere 500.000 Euro (20) bei Drogeriewaren in den Randsortimenten. Für das E-Center Cevik wird wegen der Nähe sowie des gleichen Systemhintergrunds die Konkurrenz deutlich spürbar sein. Die Gutachter gehen davon aus, dass trotz der Wettbewerbsverschärfung der Betrieb aufrecht erhalten werden kann. Verstärkt betroffen sein werden die beiden Discounter: Netto mehr bei einer Penny-Ansiedlung, Lidl mehr bei einer Aldi-Ansiedlung. Langfristig wird ein wirtschaftlicher Betrieb von Netto in Frage gestellt.

Prattelsack und weitere Lagen

Die höchsten Wettbewerbswirkungen sind bei Nahrungs- und Genussmitteln mit bis zu 900.000 Euro (11 ) zu erwarten, was vor allem die Aldi- und Lidl-Filialen trifft. Diese sind in ihrem Randsortiment auch bei Drogeriewaren mit etwa 100.000 Euro (17) betroffen. Für weitere Sortimente gelten Auswirkungen als rechnerisch nicht nachweisbar. Für die übrigen Lagen in Zone I werden die höchsten Umverteilungseffekte bei Nahrungs- und Genussmitteln mit 1,5 Millionen Euro (9 ) angegeben. Sie würden sich auf eine Reihe von Anbietern verteilen, im Wesentlichen jedoch auf den zukünftigen Standort Kistenplatz mit Edeka (1500 m2), Trinkgut (680 m2), Netto (800 m2) und dm (800 m2). Beim Baubedarf sind die früheren Wettbewerber Praktiker und RTS durch Schließung entfallen.

Übriges Stadtgebiet

Außerhalb der Kernstadt wird die Umverteilung insgesamt mit 3,6 Millionen Euro beziffert, dabei 2,7 Millionen Euro (13) bei Lebensmittel und 0,5 Millionen Euro (27) bei Drogeriewaren. Betroffen sind die Nahversorgungszentren Breinig, Büsbach, Mausbach und Gressenich. Der Wettbewerbsdruck werde sich verschärfen; Betriebsaufgaben seien aber nicht zu erwarten. Anders sieht‘s beim Toom Baumarkt (2000 m2) in Breinig aus. Er gilt längst als nicht mehr zeitgemäß, ein wirtschaftlicher Betrieb dürfte nicht mehr aufrecht zu erhalten sein. Aussagen über einen weiteren Wettbewerber (Schmitz) werden nicht getroffen.

Außerhalb Stolbergs

Der Aachener Randbereich werde nur marginal betroffen sein mit Ausnahme des Baubedarfs: 1,4 Millionen Euro (7 ) treffen vor allem Obi an der Debyestraße.

Ein Rückfluss von derzeit aus Stolberg abfließender Kaufkraft in Höhe von 6,8 Millionen Euro wird für die Bereiche außerhalb der drei Zonen prognostiziert. Etwa 4,8 Millionen Euro werden gegenüber den Anbietern in den Sortimenten Lebensmittel und Drogeriewaren generiert. Dies wirke sich auf eine Vielzahl von Wettbewerbern in der Region wie Eschweiler, Würselen, Düren und Aachen aus. Beim Bau- und Gartenbedarf wird eine Rückholung von 1,6 Millionen Euro Kaufkraft nach Stolberg kalkuliert. Dies treffe vor allem Baumärkte im regionalen Umfeld mit bis zu vier Prozent unterhalb einer kritischen Größenordnung.

Rückschlüsse

Die Umverteilungen von Umsatz werden sich am deutlichsten auf die Stolberger Innenstadt und Münsterbusch beziehen, der Wettbewerbsdruck wird höher. Beeinträchtigungen von Städtebau und Versorgungsstruktur sind möglich für die Branchen Spiel- und Schreibwaren bedingt durch den Drogeriemarkt, der diese Sortimente im Randbereich führt. Gleichwohl werde die Versorgungsfunktion der Kupferstadt als Mittelzentrum verbessert. Die Zielsetzung, Kaufkraftabfluss zu minimieren, werde erreicht.

Allerdings ist die Vereinbarkeit des Vorhabens mit den Prüfkriterien des städteregionalen Einzelhandelskonzeptes „Strikt“ in Teilen nicht gegeben, so die GMA. Der Vorhabenstandort liegt außerhalb des zentralen Versorgungsbereiches, und sein Einzugsbereich überschneidet sich wesentlich mit dem des Nahversorgungszentrums Münsterbusch. Eine Überarbeitung des städtischen Zentrenkonzeptes ist erforderlich, denn der Projektstandort müsste in den zentralen Versorgungsbereich Münsterbusch aufgenommen werden und das kann er nicht, erklärt die Städteregion Aachen auf Anfrage, denn das Strabag-Projekt ist nicht konform mit „Strikt“, dem städteregionalen Einzelhandelskonzept.

„Wir sind uns völlig einig in der Bewertung mit der Regierungspräsidentin“, sagt die zuständige Abteilungsleiterin Ruth Roelen. Eine Entwicklung des Zincoli-Geländes mit Einzelhandel sei nicht verträglich mit einer Reaktivierung der Innenstadt. „Beides geht nicht“, betont Roelen.

Bernd Engelhardt (FDP) sieht sich in der Einschätzung seiner Fraktion bestätigt. Die Liberalen hatten das Strabag-Projekt in seiner aktuellen Ausprägung mit Verweis auf die Auswirkungen auf den bestehenden Einzelhandel stets abgelehnt. „Wir sollten uns von dem Vorhaben in dieser Form verabschieden“. Die FDP setzte dagegen klar auf eine Förderung der Innenstadt.

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