Städteregion - Wohnprojekte für ein individuelles Leben

Wohnprojekte für ein individuelles Leben

Von: Jutta Geese
Letzte Aktualisierung:
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Individuelle Betreuung in kleinen Wohngruppen mitten in der Stadt: Weil es so etwas für junge Schwerstbehinderte in der Städteregion nicht gibt, werden jetzt Eltern aktiv. Auf weitere Mitstreiter freuen sich (v.l.) Susanne, Max und Mathias von Eßen, Ann-Jasmin Tiffert, Martha Neumann und Wolfgang Tiffert. Foto: Ralf Roeger

Städteregion. Fünf Jahre lang hat Ann-Jasmin in einem Wohnheim gelebt. Dann haben ihre Eltern ihre schwerstmehrfachbehinderte Tochter nach Hause geholt, weil sie sehr unzufrieden mit der Betreuung dort war. „Gespräche haben nicht gefruchtet“, sagt Martha Neumann.

 „Da haben wir die Reißleine gezogen. Heute denken wir, wir hätten das früher tun müssen. Aber zu der Zeit haben wir noch viel gearbeitet, da ging das nicht.“ Heute ist die Mutter von Ann-Jasmin zwar immer noch erwerbstätig, hat aber Mitstreiter gefunden, die wie sie nach neuen Wohnformen für ihre behinderten und schwerstbehinderten Kinder suchen. Und da es bislang in der Städteregion keine Angebote gibt, die sie überzeugen, nehmen sie die Sache jetzt selbst in die Hand: Sie planen ein Wohnprojekt und führen bereits Gespräche mit potenziellen Betreuungsanbietern.

Strikt nach Plan

Den Knackpunkt bei der Suche nach einer adäquaten Wohnform für ihre inzwischen 25-jährige Tochter beschreibt Martha Neumann so: „Es werden zwar immer mehr betreute Wohngruppen außerhalb von Heimen eingerichtet, aber vor allem für die fitten jungen Erwachsenen, die nur ein paar Stunden Betreuung am Tag brauchen.

Die Folge ist, dass in den Wohnheimen nur die alten Schwerbehinderten bleiben. Die jungen Schwerstbehinderten bleiben dabei auf der Strecke.“ Auf deren Bedürfnisse könne in einer solchen Umgebung meist nicht eingegangen werden, sagt sie, auch aufgrund des häufig schlechten Personalschlüssels. Und dann gehe es in den Einrichtungen eben strikt nach Plan, was unter anderem dazu führe, dass die jungen Leute ihre Freizeit am Wochenende kaum nach ihren Bedürfnissen gestalten können.

Ähnliche Erfahrungen haben andere Eltern schwerstbehinderter Kinder auch gemacht. Beispielsweise Susanne von Eßen, die ihren Sohn Max auch aus der Werkstatt für Behinderte herausgenommen hat. „Vor etwa eineinhalb Jahren haben wir schon einmal einen Anlauf genommen, etwas zu initiieren“, sagt Martha Neumann. „Das hat dann aber nicht geklappt.“ Doch jetzt ist für sie der Punkt gekommen, da sie viel Zeit und Energie in das Projekt steckt.

„Mein Frust ist so groß, jetzt muss etwas passieren“, sagt sie. Ihr Ziel: kleine Wohngemeinschaften zu gründen, in denen jeweils vier junge Frauen und Männer mit unterschiedlich schweren Behinderungen zusammenleben, rund um die Uhr betreut werden. „Die 24-Stunden-Betreuung brauchen alle“, erklärt Martha Neumann. „Aber sie soll individuell sein und auf die jeweiligen Bedürfnisse und Interessen unserer Kinder eingehen.“ Und die Wohngruppen sollen – wegen der guten Infrastruktur – mitten in der Stadt eingerichtet werden.

Dass so etwas möglich ist, wissen Neumann, von Eßen und inzwischen rund 15 weitere Eltern von schwerst mehrfachbehinderten Kindern im Alter von 20 bis 33 Jahren von ihren Besuchen bei anderen Projekten. „Da müssen die Bewohner nicht um fünf Uhr abends schon essen. Und da gibt es tolle Freizeitangebote für die jungen Leute.“ Die evangelische Hephata-Stiftung Mönchengladbach hat viel Erfahrung in der Initiierung und Begleitung solcher Wohnprojekte, berichtet Neumann, die vor einiger Zeit mit dem dortigen Fachberater Kontakt aufgenommen hat. Ähnliches gilt für den ISB Düsseldorf.

In mehreren Arbeitstreffen haben sich Neumann und ihre Mitstreiter mit dem Thema Wohnprojekt intensiv auseinandersetzt. Dabei ging es um Fragen wie: Braucht jeder WGler ein eigenes Bad? Muss ein Garten sein? Wo sind geeignete Standorte? Aber es ging auch um die Finanzierung. „Die ist hinzukriegen“, sagt Neumann entschieden. Natürlich sei ein solches Wohnprojekt teurer als eine Heimunterbringung. „Aber es ist notwendig.

Der Fokus liegt auf Individualität und nicht darauf, was praktisch ist.“ Inklusion ist das passende Stichwort in diesem Zusammenhang: Es geht darum, auch schwerstbehinderten Menschen größtmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, nicht darum, die bestehenden Strukturen anzupassen. „Man muss aus dem starren Denken herauskommen, dann wird vieles möglich“, ist Neumann überzeugt. Sie hofft, dass sich viele Eltern ihrer Idee anschließen und dass sie weitere Förderer findet, die das Projekt ideell, durch tatkräftige Mithilfe, aber auch finanziell unterstützen.

Treffen am Samstag

Die Hephata-Stiftung wissen Martha Neumann und Susanne von Eßen zumindest schon mal beratend an ihrer Seite. Ob mehr daraus wird, wird sich nach einem Treffen am kommenden Samstag, 23. August, ab 14.30 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum, Jülicher Straße 109 in Würselen-Broichweiden, zeigen. Dort wird der Fachberater der Stiftung die jungen Leute sowie ihre Familien kennenlernen und einen ersten Einblick gewinnen, wie eine Wohngruppe zusammengestellt werden kann.

Eingeladen zu diesem Treffen sind nicht nur die schon aktiven Mitstreiter von Neumann und ihre Kinder, sondern auch neue Interessenten. Die sollten sich jedoch vorher telefonisch anmelden, bittet Martha Neumann, entweder bei ihr unter 02404/69912 oder bei Susanne von Eßen unter 02404/671780.

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