Wo Jazz mehr als nur hippes Beiwerk ist

Von: Verena Müller
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Bald (wieder) in Alsdorf zu sehen: Die Jazz-Bigband Big Bandits mit Gast-Sängerin Melane Nkounkolo. Diesmal geht die Reise nach Afrika. Foto: Veranstalter
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Bald (wieder) in Alsdorf zu sehen: Die Jazz-Bigband Big Bandits mit Gast-Sängerin Melane Nkounkolo. Diesmal geht die Reise nach Afrika. Foto: Veranstalter

Alsdorf. Die Jazz-Bigband Big Bandits wird am Samstag, 16. April, mit ihrem aktuellen Programm Mama Africa im Fördermaschinenhaus des Alsdorfer Energeticons zu Gast sein. Seit über zwanzig Jahren leitet sie Werner Hüsgen. Im Interview er darüber, was diese Bigband von anderen unterscheidet, und über das außergewöhnliche Ansinnen, sich mit Musikern aus der Region auf die Suche nach den Wurzeln afro-amerikanischer Musik zu machen.

Herr Hüsgen. „Mama Africa“ ist nicht das erste, sagen wir, themenorientierte Projekt der Big Bandits.

Hüsgen: Nein. Jimi Hendrix auf eine Bigband zu übertragen ist eines, Glen Miller, Miles Davis oder Roger Cicero sind ebenfalls Namen, bei denen der Zuhörer direkt eine bestimmte Erwartungshaltung hat. Das weckt Assoziationen und steckt einen bestimmten Rahmen. Die Musiker empfinden das als inspirierend, der Besucher goutiert, dass er vorab eine Vorstellung davon hat, was ihn erwartet.

Wieso diesmal der schwarze Kontinent?

Hüsgen: Afrikanische Musik ist an sich schon ein Faszinosum, außerdem kommen gerade viele Nordafrikaner hierher. Menschen, die sich in Jazzkreisen bewegen, sind tendenziell offener, sich mit Fragen, die beispielsweise auf den – auch musikalischen – Hintergrund von Flüchtlingen abzielen, zu beschäftigen.

Deshalb haben Sie aber nicht „Mama Africa“ ins Leben gerufen.

Hüsgen: Nein. Die Initiationsphase wurde angestoßen durch eine Anfrage, ob wir bei einem Festival mit afrikanischer Musik auftreten wollen. Das macht man nicht en passant. Wir haben erst einmal recherchiert, überlegt, ob wir uns darauf einlassen wollen. Außerdem hatte ich gerade privat eine Reise nach Südafrika unternommen, das ist so etwas wie das musikalische Zentrum für Jazz auf dem Kontinent.

Weil es in anderen Ländern an einer Infrastruktur dafür fehlt, kommen ins Südafrika viele Musiker zusammen. Das ist eine Art Schmelztiegel. Das ist die eine Schiene. Die andere ist, dass wir gemerkt haben, dass das Afrikanische mit seiner Fröhlichkeit etwas Anziehendes für uns hat. Das sieht man bei Größen wie Phil Collins oder Elton John, aber auch bei gänzlich unbekannten Komponisten. Das ist die Spannbreite, in der wir uns bewegen. Das wollten wir darstellen.

Sie sagen „wir“: Wer war, neben Ihnen, an der Recherche und dem Erstellen des Programms beteiligt?

Hüsgen: Im Wesentlichen das Bandmitglied Peter Radmacher. Und natürlich hat sich auch die gesamte Band bei den Proben immer wieder eingebracht.

Welche Mischung erwartet das Publikum im Energeticon?

Hüsgen: Ein Drittel internationale Stars aus, zwei Drittel original afrikanische Musik. Letztere erkennt man sofort. Zum Teil sind das recht einfache, eingängige Stücke, die zum Tanzen geradezu auffordern. Afrikanische Musik ist immer gleich Tanzmusik, das wird nicht getrennt.

Es klang eben so, als verfolgten Sie damit auch einen Bildungsauftrag.

Hüsgen: Ja, das stimmt. Man recherchiert und begeistert sich selbst auf einmal dafür, erkennt Zusammenhänge, die einem vorher nicht bewusst waren – das wollen wir weitergeben. Ich rede ziemlich viel auf der Bühne. Die meisten finden das recht angenehm, weil jedes Häppchen Information Bilder im Kopf freisetzt.

Spricht die Musik denn nicht für sich?

Hüsgen: Doch, aber um die Hintergründe zu begreifen, muss man beispielsweise wissen, dass Jazz zu Zeiten der Apartheid ein politisches Statement war. Einige Musiker haben in Südafrika im Gefängnis gesessen, weil sie Jazz gespielt haben. Daraus erwächst eine ganz andere Art des Zusammenhalts. Nicht so wie bei uns, wo Jazz irgendwie nett und hippes Beiwerk ist. Da steckte eine ganz andere intellektuelle Power hinter.

Ihr Wirkungskreis hat die Schwerpunkte Euregio, Köln und Amsterdam. Wie kamen Melane Nkounkolo und Alioune Ndoye als Gäste zu dem Projekt?

Hüsgen: Melane stammt aus Ghana, ist als Kind nach Deutschland gekommen und in einer afrikanischen Community in Köln aufgewachsen. Sie hat also schwarz-afrikanische Wurzeln, ist zugleich aber ein kölsches Mädel. Sie sieht – wenn ich das an dieser Stelle sagen darf – wirklich atemberaubend gut aus, was als Sängerin nicht das Schlechteste ist.

Sie ist noch jung, in vielen Genres unterwegs, beispielsweise auch im experimentellen Jazz. Alioune Ndoye ist ein junger Musiker aus Dakar. Dort gibt es eine Musik-Tanz-Gruppe, die Ableger in Deutschland hat, in Köln und Berlin. Alioune hat in Dakar die Trommel- und Tanzschule besucht, er ist teilweise in Dakar, teilweise in Deutschland ausgewachsen und lebt inzwischen in Köln.

Sie sind Mitglied diverser Projekte und Bands, die Big Bandits ist aber eines Ihrer ältesten Projekte.

Hüsgen: Ja, das ist eine Band, die sehr kontinuierlich arbeitet, trotz aller ökonomischer Unzulänglichkeiten.

Inwiefern?

Hüsgen: Es ist nicht leicht, eine Freelancer-Bigband am Leben zu halten. Wir haben kein steuergeldbasiertes Einkommen wie beispielsweise die WDR-Bigband, weder Bundeswehr oder Polizei, noch ein großes Unternehmen als dauerhafte Unterstützung im Rücken.

Und bei 20 Leuten kann man auch keine Gagen von 10.000 Euro erwarten. Das zahlt keiner in der Jazz-Szene. Bei uns zu spielen, muss also von sehr viel Enthusiasmus begleitet sein. Im Moment sind wir froh, von der EWV gesponsert zu werden. Das ist sehr hilfreich. Aber im Grunde ist das eine ständige Gratwanderung.

Wie schafft man es dennoch, zu überleben?

Hüsgen: Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Die einen proben ein Mal monatlich immer sonntags, treten montags an einem bestimmten Ort in wechselnder Besetzung auf und versuchen sich so zu etablieren. Da ist konzeptionell aber wenig drin.

Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden: Wir sind eine working band, wir proben eisenhart durchs ganze Jahr und haben so die Chance, Projekte, Ideen und Konzeptionen zu entwickeln. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Seit rund zehn Jahren konzeptionieren wir Projekte, die griffig sind, sowohl für uns als auch für die Vermarktung.

Ich habe gesehen, dass Sie auch mit Lucas Leidinger zusammenarbeiten, der in anderer Konstellation ebenfalls im Fördermaschinenhaus auftreten wird.

Hüsgen: Der Lucas war sogar eine Zeit lang Mitglied unserer Bigband und er spielt aktuell in meinem akustischen Jazz-Quartett. Wir sind so etwas wie eine Talentschmiede für Musiker aus der Region: Christoph Titz, Micki Meuser, Roman Wollenhaupt, ... Ein fester Stab mit jungen Talenten – so erhält man neue Impulse. Unser ältestes Mitglied ist 60, unser jüngstes Mitglied, der Pianist, ist 16. Er absolviert gerade in Köln ein Jungstudium.

Wie setzt sich die Band zusammen? Wie viele sind Profis?

Hüsgen: Sie meinen, wie viele ihren Lebensunterhalt mit der Musik verdienen können? Etwa die Hälfte. Die andere Hälfte setzt sich aus Musiklehrern und -therapeuten zusammen, daneben gibt es ein paar schillernde Persönlichkeiten wie einen Notar, der nebenbei Musik studiert hat.

Klingt nach einem lustigen Haufen.

Hüsgen: Die Stimmung ist wirklich gut. Das muss sie auch sein, wenn Geld als Motivationsmittel fehlt. Wir feiern einmal im Jahr eine Grillparty, zu der alle mit Partner kommen können, und veranstalten eine Weihnachtsfeier. Wir sind schon so etwas wie eine Familie.

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