Stolberg - „Wir müssen beim Sterben nichts vorweisen”

„Wir müssen beim Sterben nichts vorweisen”

Von: Christoph Hahn
Letzte Aktualisierung:
hospiz_bild
Lockte rund 200 Zuhörer in den Zinkhütter Hof: Willigis Jäger. Foto: Hahn

Stolberg. Wenn es um Menschen in der letzten Lebensphase geht, fallen mehr denn je die Grenzen zwischen Leib- und Seelsorge weg. Dann wird jegliches Arbeiten in Hospizen, Pflegeheimen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen dieser Art zur Grenzbegehung.

Auf seine Weise ist auch Willigis Jäger ein solcher Grenzbegeher, ja sogar -überschreiter. Einerseits ist der 85-jährige Franke katholischer Priester und Mönch. Anderseits praktiziert er buddhistische Formen der Meditation (Zen) und formuliert eine entsprechende Weltsicht.

Wie er aus beiden Quellen schöpft und sie zu etwas Neuem verbindet, verriet der Pater vor rund 200 Zuhörern beim 78. Aachener Hospizgespräch im Museum Zinkhütter Hof in Stolberg.

„Der Tod ist Neubeginn und nicht das Ende”: Mit dieser Philosophie bewegte sich Jäger noch in einem Rahmen, den auch strenggläubige Vertreter der katholischen Kirche teilen können. Das Rede-, Schreib- und Auftrittsverbot, das ihm 2001 von der vatikanischen Glaubenskongregation unter dem damaligen Joseph Kardinal Ratzinger erteilt worden ist, scheint Jäger nicht beeindruckt zu haben.

So gab es denn von ihm An- und Einsichten zu hören, die etwas Provozierendes an sich hatten: „Es gibt kein Jenseits”, erklärte der Benediktiner und Zen-Meister, der sechs Jahre lang in Japan gelebt hat, und ergänzte: „Die Idee des Jenseits ist eine Beleidigung des Lebens im Hier und Jetzt.” Und: „Die Idee des Jenseits ist ein Machtmittel, um die Menschen in Reih und Glied zu halten.” Darüber hinaus äußerte Pater Willigis handfeste Kritik an der christlichen Kultur: „Unsere Religion ist zu sehr eine Karfreitags- als eine Auferstehungsreligion.”

Wirklichkeit in den Hospizen

Dem gegenüber wünschte er sich: „Ich hoffe, es kommt noch zu einer kopernikanischen Wende in der zeitgenössischen Spiritualität, bevor wir als Menschen aufhören zu existieren.” Wie diese Wende aussehen kann, skizziert der als Lehrer und Autor gleichermaßen gefragte Jäger so: „Ich hoffe, dass wir als Menschheit so weit reifen, dass wir unsere Geburt feiern wie unser Sterben.”

Der Gast, dessen Kommen - so Hospizgespräch-Initiatorin Veronika Schönhofer-Nellessen - für so viele Anmeldungen gesorgt hatte wie selten sonst, blieb aber nicht im Bereich des Allgemeinen und Kulturkritischen stehen. Vieles, was er formulierte, verriet, dass er sich mit der Wirklichkeit in den Hospizen und ambulanten Einrichtungen, aus denen viele Zuhörer kamen, fundiert auseinandergesetzt hatte. Poesie und Mystik verbanden sich, als Jäger den Prozess des Sterbens interpretierte: „Du wirst deine Hände ausstrecken und dich führen lassen, wohin du nicht willst.” Jegliches Leistungs- und Prestigedenken wies er zurück: „Wir müssen nichts vorweisen, wenn wir sterben.”

Das 79. Hospizgespräch findet am 14. April statt

Die Aachener Hospizgespräche gibt es seit 1995 und finden etwa sechs Mal im Jahr statt. Beim nächsten und 79. Hospizgespräch beschäftigt sich Jürgen Goldmann vom Lighthouse Bonn am 14. April zwischen 14 und 17.30 Uhr im Senioren- und Betreuungszentrum der Städteregion, Johanna-Neumann-Straße 4 in Eschweiler, mit der „Hospizarbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung”.

Infos: Servicestelle Hospizarbeit, Adalbertsteinweg 257 in Aachen, 0241/5153-490, info@servicestellehospizarbeit.de .

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert