Wenn Kinder nicht mehr wollen - was tun?

Von: Jutta Geese
Letzte Aktualisierung:
13255893.jpg
Was tun, wenn Kinder unter einer psychischen Erkrankung leiden? Bisher gibt es in der Städteregion keine Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern. Doch das soll sich nun ändern. Foto: Imago/Ipon

Städteregion. Vor drei Jahren ist die Tochter von Simone Meier psychisch erkrankt. „Aus dem Nichts heraus“, wie Frau Meier sagt, die weder Simone noch Meier heißt, ihren wirklichen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Ihre damals zwölfjährige, aufgeweckte und aufgeschlossene Tochter zog sich mehr und mehr in sich zurück.

Sie mied Kontakte zu Freundinnen und Freunden, aber auch zu Geschwistern und Eltern, weigerte sich irgendwann, zur Schule zu gehen, obwohl sie immer eine gute Schülerin war. Schließlich äußerte das Mädchen sogar Selbstmordabsichten und wurde dann als Notfall in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen.

„Die Krankheit hat die ganze Familie aus der Bahn geworfen“, sagt Frau Meier. „Man stellt sich selbst, die Familie, das ganze Umfeld in Frage. Was ist schiefgelaufen? Was haben wir falsch gemacht? Man sucht nach Erklärungen.“ Nächtelang haben sie und ihr Mann darüber gesprochen, „viele, viele Fragen haben sich aufgetürmt“, sagt sie und nennt einige: Was ist das für eine Erkrankung, die das Kind so verändert? Sind wir schuld daran? Oder was ist die Ursache? Hätten wir früher reagieren müssen? Welche Therapeuten sind gut? Welche Klinik die beste für das Kind? Wie muss man reagieren, wenn das Kind nach monatelangem Klinikaufenthalt wieder nach Hause kommt? Kann man dann was falsch machen? Gibt es überhaupt eine Heilung? „Und mit all dem steht man allein da“, sagt Frau Meier. Sie hat – erfolglos – versucht, Eltern zu finden, die ähnliches durchgemacht haben. „Aber“, sagt sie, „letztlich hat man auch nicht die Kraft, sich wirklich rundum zu informieren.“

Zusätzliche Probleme tauchen auf

Das „normale“ Leben müsse ja nebenher weitergehen. Job, Familie, Alltag halt. Und zusätzliche Probleme tauchen auf. Da sind etwa die Geschwister des erkrankten Mädchens. „Wir hatten Sorge, ob wir ihnen gerecht werden, und Angst, noch mal etwas zu übersehen.“ Deshalb haben sich Meiers entschieden, eine Familientherapie zu beginnen. „Ob das etwas bringt, können wir noch nicht sagen.“ Es ist schon eine außerordentliche Belastung, unter der die Familie steht. Entlastung durch Großeltern oder andere Verwandte gab und gibt es kaum. „Das würde sie überfordern“, meint Frau Meier.

Und dann ist da hin und wieder das Gefühl, dass andere von ihr und ihrem Mann denken, sie hätten als Eltern versagt. Das sage so zwar niemand direkt, aber irgendwie spüre man, dass da Unsicherheiten sind, dass „sofort die Schuldfrage im Raum steht“. Man habe „immer das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen“, berichtet Simone Meier. Ihr Freundeskreis habe sich aber nicht verändert. „Wir sind offen mit der psychischen Erkrankung unserer Tochter umgegangen. Unsere Freunde haben mit uns gelitten, haben sich aber nicht zurückgezogen.“ Sie weiß inzwischen aber, dass das nicht selbstverständlich ist. Viele andere betroffene Familien erfahren leidvoll, dass man ihnen aus dem Weg geht.

Die Freundinnen und Freunde der Tochter haben lange Zeit versucht, den Kontakt zu halten. Auch als sie schon in der Klinik war. Aber das Mädchen habe sich zurückgezogen, habe ihre psychische Erkrankung „richtig gelebt“, das heißt, auf Symptome geachtet, bei sich, aber auch bei anderen. Sie habe „sich fremd gefühlt in der Welt“, hat sie immer gesagt, habe gefühlt, „dass sie nicht dazugehört“. Lange Zeit sei unklar gewesen, um welche Erkrankung es sich handelt. „Mal hieß es, es sei eine Depression, dann war von sozialer Phobie die Rede, dann wieder von Borderline. Es hat eigentlich keiner ganz genau eingrenzen können.“ Vielleicht kann man das auch gar nicht.

Seit drei Jahren lebt ihre Tochter, lebt die ganze Familie Meier mit der psychischen Erkrankung. Hat Höhen und Tiefen durchgestanden, wiederholte Klinikaufenthalte der Tochter, ihre Versuche, ihr Leben in den Griff zu bekommen. „Jetzt ist ein wenig Ruhe eingekehrt“, sagt Simone Meier. Jetzt hat sie die Kraft, nach anderen Eltern zu suchen, deren Kind psychisch krank ist, um sich mit ihnen auszutauschen, um ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Vor einem Scherbenhaufen

„Das schlimmste für mich war am Anfang, vor einem Scherbenhaufen zu stehen und nicht zu wissen, wie ich meinem Kind helfen kann. Ich hätte mir gewünscht, dass ich einfach mit jemandem reden kann, der weiß, wovon ich rede, wenn ich von der Erkrankung meiner Tochter spreche.“ Sie möchte Eltern kennenlernen, die auch erlebt haben, dass ihr Kind sich selbst verletzt, und die erzählen, wie sie damit umgegangenen sind. Bei den Gesprächen mit den Ärzten oder Therapeuten in Kliniken komme vieles zu kurz.

Deshalb hat sich Simone Meier jetzt an Astrid Thiel vom Selbsthilfebüro der Städteregion gewandt mit dem Wunsch, eine Selbsthilfegruppe von Eltern psychisch kranker Kinder und Jugendlicher zu gründen. Wobei es keine Rolle spielt, um welche Erkrankung es sich handelt. Eine solche Gruppe gibt es derzeit in der Städteregion nicht. Thiel und ihre Kollegin Pia van Bruggenum-Sonnen von der Aachener Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe haben das Anliegen gerne aufgegriffen und mit ihr gemeinsam eine erste Informationsveranstaltung (siehe Box) auf die Beine gestellt. Jetzt hofft Simone Meier, dass sich andere betroffene Eltern trauen, eine solche Gruppe mit ihr zu gründen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert