Von Rüben und anderen Ungereimtheiten

Von: Albrecht Peltzer
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Zukunftsfähigkeit: Die Stadt Aachen sieht sich dank einiger Projekte wie dem Campus Melaten weitaus besser aufgestellt als in jüngsten Studien wiedergegeben. Der Grund aus städtischer Sicht: Aachen wird nur noch unter dem Konstrukt Städteregion zusammengefasst. Foto: M. Jaspers

Aachen. Eigentlich schade. Den Titel „rübenreichste Stadt” wird Aachen nicht erringen können. Weil man mit dem Kreis Aachen als Städteregion eine gemeinsame Plattform gesucht hat und nicht mit dem Kreis Düren.

Es wäre zumindest ein Titel mit Aufmerksamkeitswert. So wie ihn zum Beispiel Hannover bekam. Als „Stadt mit den meisten Schweinen”. Aachen hat kaum Rüben, Hannover kaum Schweine. Und dennoch macht dieser Vergleich Sinn. Hannover wurde in einem Ranking einer überregionalen Zeitschrift mit der - offensichtlich vom Borstenvieh überproportional besiedelten - Region Hannover verwechselt. Der Stadt Aachen passiert dies nun regelmäßig mit der Städteregion. Was alles andere als zum Nutzen der Aachener ist.

Beispiel: Zukunftsatlas 2010

Jüngstes Beispiel: der „Prognos Zukunftsatlas 2010”. Da taucht die Stadt Aachen gar nicht mehr auf, weil - wie Prognos glauben will - die Stadt und der Landkreis fusioniert haben! Der Irrtum per excellence lässt Aachen im Zukunftsatlas als weißen Fleck erscheinen und auf Platz 142 absacken. Sozusagen unter „ferner liefen”. 2007 stand die kreisfreie Stadt Aachen - die sie ja auch nach Gründung der Städteregion immer noch ist - auf Platz 24 von 439 untersuchten Städten und Kreisen.

Testat von Prognos: „sehr hohe Zukunftschancen”. Der Kreis landete vor drei Jahren auf Platz 225! Jetzt ist alles eine Soße, glaubt Prognos, und erteilt nur noch die Note „ausgeglichener Chancen-Risiko-Mix”. Dabei haben sich die Indikatoren für die Stadt seit 2007 eher verbessert, sagen Dieter Begaß und Thomas Hissel vom städtischen Fachbereich Wirtschaftsförderung und europäische Angelegenheiten. Stichworte sind hier die Exzellenz-Uni, die Campus-Projekte, der Rückgang der Arbeitslosigkeit.

„Fatal” sei diese Entwicklung, sagt Hans Poth, Sprecher der Stadt Aachen. Die Stadt habe wohl die Risiken, der ehemalige Kreis die Chancen. Die Städteregion bekomme Aachen in dieser Hinsicht alles andere als gut. Rankings à la Prognos würden in Investorenkreisen und bei ansiedlungswilligen Unternehmen als verlässliche Quelle gelten. Ein Fazit lautet: Das Konstrukt Städteregion sorgt für einen erheblichen Imageschaden für Aachen.

Aber es gibt auch ganz konkrete negative Auswirkungen dieses statistischen Einheitsbreis. So hat auch das NRW-Arbeitsministerium die Stadt Aachen kurzerhand aus dem Gedächtnis gestrichen und der Städteregion einverleibt. Konsequenz: Fördermittel für Arbeitslosenzentren, auf die die Stadt laut Begaß Anspruch hat, wurden gestrichen. Erst intensive Aufklärungsarbeit in Düsseldorf öffnete die Landeskassen wieder.

Ursache des Förder- und Statistik-Dilemmas ist, dass mit der Geburt der Städteregion in Düsseldorf der sogenannte „Allgemeine Gemeindeschlüssel” für die Stadt Aachen geändert wurde. Was de facto dazu führt, dass in den Landesdatenbanken Aachen nicht mehr als kreisfreie Kommune gelistet ist. Nun ist ein gemeinsames Schreiben von Oberbürgermeister Marcel Philipp und Städteregionsrat Helmut Etschenberg an die Datenbanker in Düsseldorf in Vorbereitung, um auf die missliche Situation aufmerksam zu machen. Die „Zukunftsfähigkeit der Stadt” sieht man durch die fälschlichen Zahlen und die lückenhafte Information gefährdet.

Aus dem Dilemma stellen sich den Beobachtern dieser Entwicklung konkrete Fragen. Geht es für Stadt und ehemaligen Kreis Aachen zusammen wirklich immer besser, wie von den Initiatoren der Städteregion gewollt? Oder geht es gemeinsam vielleicht schlechter, wenn die Lokomotivfunktion des Oberzentrums Aachen in Rankings nicht mehr auftaucht?

Gespannt wird man auf die Antwort aus Düsseldorf warten, wie denn statistisch mit der Stadt Aachen und der Städteregion künftig verfahren wird. Das Schreiben soll in Kürze abgeschickt werden.

Aachen überträgt nur bestimmte Kompetenzen

Mit der Gründung der Städteregion zum 21. Oktober 2009 wollten Stadt und Kreis Aachen sowie die neun kreisangehörigen Kommunen enger und effizienter zusammenwirken, um Synergieeffekte zu erzielen, Doppelzuständigkeiten aufzuheben, Strategien zu vereinheitlichen und politische Spielräume zu eröffnen.

Der Kreis verschwand mit der Kommunalwahl 2009 von der Landkarte. Rechtsnachfolgerin mit allen Rechten, Pflichten und Vermögen wurde die Städteregion. Diese erhielt zugleich nicht alle, sondern nur bestimmte Kompetenzen - zum Beispiel Hartz IV, Gesundheit, Lebensmittelüberwachung - von der Stadt Aachen übertragen. Rund 400 Mitarbeiter der Stadtverwaltung Aachen, das sind 10 Prozent, sind in die Städteregion gewechselt.
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