Viele Zahlen, noch mehr offene Fragen

Von: Jutta Geese
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Müssen die Kinder im früheren Kreisgebiet mehr Sport treiben? Oder liegt es an der Ernährung, dass hier mehr Kinder fettleibig sind als in der Stadt Aachen? Der 8. Gesundheitsbericht liefert dazu und zu vielem anderen Zahlen, aber keine Antworten auf solche Fragen. Foto: imago/wolterfoto

Städteregion. Für Politikerinnen und Politiker, die die gesundheitliche Situation der Menschen in der Städteregion verbessern möchten, ist auch die mittlerweile achte Fortschreibung des Basisgesundheitsberichts eine wahre Fundgrube.

Auf gut 180 Seiten liefert das Werk zum einen Daten zum Gesundheitszustand der Bevölkerung sowie zu Lebensumständen, die die Gesundheit negativ beeinflussen können, und zum anderen findet sich jede Menge Datenmaterial zur medizinischen Versorgungsstruktur in der Region.

Und dennoch mahnt Gesundheitsmanager Thilo Koch vom städteregionalen Gesundheitsamt: „Der Bericht beantwortet keine Fragen, er wirft eher Fragen auf.“ Denn es gilt nun, aus dem Zahlenmaterial die richtigen Schlüsse zu ziehen und dann konkrete Maßnahmen folgen zu lassen.

Was fängt man beispielsweise mit dem Wissen an, dass im Jahr 2014 in der Stadt Aachen bei den Einschulungsuntersuchungen exakt 3,2 Prozent der Jungen und vier Prozent der Mädchen sowie in den Altkreiskommunen 6,2 Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen fettleibig waren?

Deutet dieses Ergebnis darauf hin, dass die Kinder im früheren Kreisgebiet zu wenig Bewegung haben? Und wenn ja, warum? Fehlt es an ausreichend Spiel- und Bolzplätzen? An Sportvereinen für Kinder? Oder essen die Kinder im Altkreis zu viel oder zu ungesund? Oder ist es eine Mischung aus beidem? Dieses Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, objektive Daten zu interpretieren und dann zu entscheiden, ob man etwas tun muss. Ohne Zusatzinformationen – etwa dazu, ob der Anteil fettleibiger Kinder bei der Einschulung in den vergangenen Jahren größer geworden ist, um bei dem Bespiel zu bleiben – kommt man da kaum weiter.

Daten aus früheren Jahren gibt es durchaus zuhauf. Doch die Vergleichbarkeit ist nicht mehr in jedem Fall gegeben. Der Grund: der Zensus 2011. Die damalige Volkszählung hatte ergeben, dass in Nordrhein-Westfalen viel weniger Menschen leben als bis dahin angenommen – und das hat Auswirkungen auf sämtliche Statistiken. „Unsere Zeitreihen gehen dadurch kaputt“, sagt Thilo Koch. Für den städteregionalen Basisgesundheitsbericht heißt das beispielsweise, dass diverse Grafiken jetzt deutliche Datensprünge von einem zum anderen Jahr aufweisen, ohne dass sich real etwas verändert hätte.

Koch nennt ein Beispiel: „Der Anteil der schwerbehinderten Menschen ist in Aachen von 12,8 auf 14 Prozent der Einwohner gestiegen, ohne dass es einen Schwerbehinderten mehr gäbe.“ Das ist ein rein statistischer Effekt. Betroffen von zensusbedingten Änderungen ist vor allem die Stadt Aachen, die laut der letzten Volkszählung 8,4 Prozent weniger Einwohner hat als zuvor zugrunde gelegt.

„Eigentlich müssten wir alles jetzt neu berechnen“, sagt Koch. Aber das wäre ein nicht zu bewältigender Aufwand. Zug um Zug aktualisiert das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG), das die Datengrundlage für den städteregionalen Basisgesundheitsbericht liefert, alle Gesundheitsindikatoren. „Irgendwann werden wir dann die Zeitreihen wieder angepasst haben“, meint Koch.

Aber auch mit den zensusbedingten Datensprüngen liefert der Bericht einen guten Überblick über die Lage in der Städteregion, ist der Gesundheitsmanager überzeugt (siehe Info-Box). Für bemerkenswert hält er etwa, dass in der Stadt Aachen deutlich weniger Menschen als im Landesdurchschnitt an bösartigen Erkrankungen im Bereich Lunge/Luftröhre und Bronchien sterben, während im Altkreis Aachen deutlich mehr Menschen als im Landesdurchschnitt an solchen Erkrankungen sterben.

Woran das liegt? Darauf gibt der Gesundheitsbericht keine Antwort, ebenso wenig wie auf die Frage, weshalb im Altkreis signifikant weniger Menschen als im NRW-Schnitt und auch deutlich weniger als in der Stadt Aachen an Lebererkrankungen sterben. Über diese und weitere Fragen, die sich aus dem Zahlenwerk ergeben, wird die städteregionale Gesundheitskonferenz im Frühjahr beraten.

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