Velomobil: Das futuristische Liegerad auf Aachens Straßen

Von: Thomas Vogel
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Leichtfüßiges mitschwimmen im Stadtverkehr: Nur mit Muskelkraft und dank günstiger Aerodynamik erreicht Karl Zimmermann leicht 40 Km/h mit seinem Velomobil. In der Region wissen die Autofahrer jedoch noch nichts von den niedrigen Fahrzeugen, deshalb birgt der Stadtverkehr Gefahren. Foto: Thomas Vogel
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Reifen, dünn wie Sägeblätter: Die Gummis werden in der Regel mit vier Bar gefahren, auf Radwegen in und um Aachen aber mit weniger. Foto: Thomas Vogel

Aachen/Würselen. Zimmermann stoppt sein Zäpfchen am Straßenrand. Ob die Kelle rausging, weil er ein paar Km/h zu schnell unterwegs, oder doch weil das Interesse der Polizisten so groß war – das bleibt Beamtengeheimnis. „Nix elektro“, erklärt Zimmermann auf Nachfrage, „das Ding bewegt sich nur, wenn ich strampel.“

Welche Höchstgeschwindigkeit man in dem seltsamen weißen Teil erreichen könne, wird er gefragt. Das komme darauf an, erwidert Zimmermann, wann die Angst einsetzt. Er selbst ... mit seiner Getriebe-Übersetzung und in seinem Trainingszustand: 50 Km/h, locker. „Sogar bei Gegenwind, denn der spielt dank der top Aerodynamik keine Rolle.“

Holland, drei Jahre zuvor: Karl Zimmermann bereist das platte Land. Er tut es in gemütlicher Manier, als unvermittelt links etwas völlig lautlos an ihm vorbeisegelt. „Das Teil hat mich überholt, während ich in meinem Transporter da mit 50 Km/h entlanggekurvt bin“, erinnert er sich. Zimmermann nimmt die Verfolgung auf, will wissen, was das für ein Ding war.

An einer Ampel kann er den Rennfahrer schließlich stellen und erhält eine Erklärung. Zum ersten Mal in seinem Leben hört er den Begriff Velomobil. „Der Fahrer kam gerade von einem Treffen in Brüssel und war auf dem Rückweg nach Amsterdam. Ich hab im Kopf schnell mal die Entfernung überschlagen und konnte es fast nicht glauben.“

Velomobile – die offizielle Bezeichnung auch von Zimmermanns weißem Zäpfchen – sind in den Niederlanden, der Fahrradnation schlechthin, recht verbreitet. Sogar in bestimmten Flecken Deutschlands, etwa den Städten Münster und Hannover, kann man sie schon ab und zu beobachten. Gegenüber den klassischen Liegerädern bieten sie eindeutige Vorteile.

Die Kohlefaser-Verkleidung hält die Witterung draußen vor der Plexiglasscheibe. Und sie verringert den Luftwiderstand erheblich. „Das Ding ist so aerodynamisch, wenn ich die Vennbahntrasse runterfahre, dreimal antrete und rollen lasse, dann hab ich eher ein Problem mit dem Bremsen.“

Dann beginnt Karl Zimmermann, Objektdesigner von Beruf, sich wieder sein maßgeschneidertes Kohlefaserkleid überzustülpen. Ein wenig umständlich sieht es aus. Als er die Rennhaube auf die Karosserie aufsetzt, fragt man sich unweigerlich, wie ein so großer Mann in ein so kleines, flaches Gerät passt. Die Platzverhältnisse sind alles andere als üppig. Und dennoch verbringen Menschen, die ein solch spezielles Fahrzeug ihr Eigen nennen, gerne viel Zeit darin.

Es gibt Fahrer, die haben auf Rennversionen dieser Räder in zwölf Stunden schon mehr als 650 Kilometer zurückgelegt, in 24 Stunden mehr als 1200 Kilometer. Die Fahrzeugteile werden im Vakuumverfahren in Form gepresst, weisen eine Wabenstruktur auf um zusätzlich Gewicht zu sparen. So kann ein Velomobil auf ein Gewicht von 22 Kilogramm kommen. „Je weniger Gewicht, desto weniger Kraftaufwand, desto höher die Geschwindigkeit – und die Szene reizt natürlich aus, was geht.“

„Bei den fantastischen Radwegen in den Niederlanden ist ein Arbeitsweg von 30 Kilometern für einen Velobesitzer kein Problem – morgens hin, abends zurück“, erklärt Zimmermann. Das sehe in Aachen und Umgebung noch ein bisschen anders aus. Eine Machbarkeitsstudie zum Radschnellweg zwischen Aachen und Herzogenrath ist in Auftrag gegeben, derweil kabbeln sich dessen Gegner und Befürworter leidenschaftlich.

Der Radweg, der im Moment dort vorhanden sei, werde mit einem Velomobil fast zur Tortur. Als Beispiel nennt Zimmermann Wurzeln, die an etlichen Stellen aus der Fahrbahn ragten oder Beschädigungen im Belag. Die schmalen Reifen, die er auf seinem Velo fährt, sind üblicherweise mit vier Bar Luft gefüllt. Die fährt er in dieser Gegend aber lieber nicht, um wenigstens noch einen Rest Komfort zu haben. „So ein Radschnellweg wäre genial“, sagt er und hört sich an, als wisse er bereits, dass es beim Traum bleiben wird.

Tag am Meer

Sich mit dem Raketen-Rad auf der Straße in und um Aachen zu bewegen, ist nicht ungefährlich. Obwohl Zimmermann leicht 40 bis 50 Km/h erreicht und gut im Verkehr mitschwimmen kann – sein Rad ist niedrig, er hat keine Lust, übersehen und überfahren zu werden. Lieber fährt er ins Nachbarland und nutzt deren Radwegenetz. Die längste Tagestour ging an die holländische Küste.

In den Niederlanden erkundigt sich selten jemand nach seinem Fortbewegungsmittel. Das ist ein großer Unterschied zur deutschen Grenzstadt, in der er auf Tour andauernd Rede und Antwort steht. „Wat is dat denn?“ frage der typische Aachener, nicht selten an einer roten Ampel aus dem Nachbarwagen. „Nach der dritten Rotphase haben wir dann meistens geklärt, wat dat is“, sagt er und lacht.

Wer sich nun überlegt, selbst Velomobil-Fahrer zu werden, sollte erst einmal die Finanzen prüfen: Schon als Gebrauchte starten sie etwa um 3000 Euro. Wer eine möglichst leichte Rennversion möchte, die für seinen Körper maßgefertigt wird, dann lautet der Rechnungsbetrag auch ganz schnell auf 12.000 Euro.

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