Herzogenrath - Unbeschulbar? Mit jedem Kind individuelle Wege gehen

Unbeschulbar? Mit jedem Kind individuelle Wege gehen

Von: Anja Klingbeil
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Wenn Kinder nicht lernen können: So wie es vielfältige Gründe für das Verhalten gibt, gibt es auch kein Patentrezept, dies zu ändern. Foto: ddp

Herzogenrath. Gibt es wirklich Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihres problematischen und häufig auch gewalttätigen Verhaltens „unbeschulbar” sind? Dieser Frage widmete sich der Verband Sonderpädagogik, Regionalverband Aachen, jetzt auf einer Fachtagung in Herzogenrath.

Dabei sagt Sonderschulrektorin Marianne Schardt aus Alsdorf, die zugleich Bundesvorstandsmitglied im Verband Sonderpädagogik ist: „Es gibt kein Kind, das einfach böse ist oder nicht lernen möchte. Aber es gibt vielfältige Situationen, die verhindern, dass sich Kinder angemessen verhalten oder lernen können.” Liegt also der Fehler im System? Sind die Lehrer an allgemeinen Schulen mit der Situation überfordert, weil ihnen die spezielle Ausbildung für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf fehlt?

Paradigmenwechsel

Im vergangenen Jahr besuchten in Nordrhein-Westfalen rund 18500 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine allgemeine Schule, an der sie gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden. Das sind knapp 15 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf. Die Tendenz ist steigend. Zudem fordern Eltern von behinderten Kindern, das NRW-Schulgesetz an die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen anzupassen. Darin ist festgelegt, dass jedes Kind einen Rechtsanspruch auf den Besuch der allgemeinen Schule hat.

„Wir müssen grundsätzlich dazu kommen, ein Elternrecht auf Wahl des Förderortes für ihr Kind zu etablieren”, sagte Schulministerin Barbara Sommer (CDU) jüngst am Rande einer Tagung mit Elternverbänden. Die Eltern sollen festlegen, ob ihr Kind eine Förderschule besucht oder eine allgemeine Schule in zumutbarer Entfernung. Das schließt nicht nur Personen mit Behinderungen ein, sondern auch Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen. „Damit stehen wir in NRW vor einem Paradigmenwechsel”, fügte Sommer hinzu.

„Die Unsicherheiten und teilweise auch Befürchtungen der Kollegen an den allgemeinen Schulen, dass sie nun mit mehr Problemschülern konfrontiert werden, ist teilweise groß”, sagt Marianne Schardt. Und so hatten sich zur Fachtagung „Unbeschulbar!? Von kleinen Tyrannen und hoch delinquenten Jugendlichen” in der Käthe-Kollwitz-Schule Herzogenrath rund 160 Lehrer aller Schulformen aus ganz NRW angemeldet, um sich über das Thema zu informieren und Lösungsstrategien zu diskutieren. Gerade Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich emotionale und soziale Entwicklung scheinen bei der Integration die größte Herausforderung zu sein. Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen zeigen den Lehrern oft die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit auf. „Dieses Problem hat zugenommen”, sagt Schardt.

Ein Beispiel: Wilhelm kommt als Neunjähriger an die Käthe-Kollwitz-Schule. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er massivste Gewalterfahrungen gemacht. Der Schüler hat einen Monat lang das Mobiliar der Schule zerlegt. In dieser Zeit war er „unbeschulbar”. Ein Fall von vielen, die Schulleiter Jürgen Mohr erlebt hat.

Gewalt erfahren

Häufig haben diese Kinder und Jugendliche in hohem Maße Vernachlässigung und Gewalt erfahren, sind durch Unsicherheit und Enttäuschungen geprägt. Die Perspektivlosigkeit vieler Eltern spielt eine große Rolle. Mohr weiß aus seiner langjährigen Erfahrung, dass es keine generellen Lösungen gibt: „Die Lehrer müssen sich immer individuell auf die Kinder einstellen. Wir müssen immer neu schauen und mit jedem Kind neue Wege gehen. Wichtig ist, damit sehr früh zu beginnen - am besten im Kleinkind- und Kindergartenalter. Hier kommt der Kooperation mit den Kindertagesstätten, mit der Jugendhilfe, mit der Erziehungsberatungsstelle besondere Bedeutung zu.”

Wettbewerb der besten Konzepte

Der Verband Sonderpädagogik - Regionalverband Aachen - möchte allgemeine Schulen auszeichnen, die sich auf den Weg zur Inklusiven Schule gemacht haben. Und zwar mit dem neu ins Leben gerufenen Walter-Reuß-Preis, der nach dem verstorbenen Schulamtsdirektor des Kreises Aachen benannt ist.

Die Schule mit dem besten Konzept erhält einen Preis in Höhe von 1000 Euro, für den zweiten Platz gibt es 500 Euro. Teilnehmen können alle allgemeinen Schulen der Primarstufe und der Sekundarstufe I aus der Städteregion sowie den Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg.

Einsendeschluss ist im kommenden Jahr der 30. Januar: marianne.schardt@verband-sonderpaedagogik.de oder christiana.roob@verband-sonderpaedagogik-nrw.de per Mail kontaktieren.
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