Taktik kleiner Nadelstiche bedroht die Welt

Von: ran
Letzte Aktualisierung:
Sieht die Gefahr durch Al-Kaid
Sieht die Gefahr durch Al-Kaida auch nach dem Tod Osama bin Ladens keinesfalls gebannt: Dr. Kai Hirschmann referierte im Rahmen des Donnerberger-Gesprächskreises. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Er galt als das Symbol islamistischen Terrors und Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Am 2. Mai des vergangenen Jahres wurde Osama bin Laden bei einer Kommandoaktion von US-Soldaten getötet.

Doch hat sich nach dem Tod des wohl weltweit bekanntesten Terroristen die Sicherheitslage verändert? Im Rahmen des Donnerberger Gesprächskreises referierte nun mit Dr. Kai Hirschmann der stellvertretende Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik (IFTUS) Essen unter der Überschrift „Al Kaida nach dem Tod Osama bin Ladens” vor zahlreichen Zuhörern in der Donnerberg-Kaserne zum Thema.

Von Entwarnung in Sachen islamistischen Terrors könne keine Rede sein, sprach Dr. Kai Hirschmann nicht lange um den heißen Brei herum. So laute eine oft zitierte Aussage der Al-Kaida: „Wir kämpfen nicht für eine Person, sondern für eine Idee.” Und diese Idee sei um ein Vielfaches älter als Osama bin Laden. Generell gehe es den Fanatikern um einen radikal anderen Gesellschafts- und Politikentwurf. „Deshalb sind sie auch überall dort besonders erfolgreich, wo Menschen mit der Gesellschaft unzufrieden sind”, so der Lehrbeauftragte des Instituts für politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Da es sich bei Al-Kaida um keine in sich geschlossene Gruppe handele, seien die Namen der Akteure aber austauschbar. „Alles, was benötigt wird, sind Menschen mit bestimmten Fähigkeiten und Netzwerke.”

Nährboden ihrer Ideologie finde die Al-Kaida nicht zuletzt durch den Zerfall zahlreicher Staaten der muslimischen Welt. „Deren Regierungen schaffen es nicht, der Perspektivlosigkeit gerade der jungen Menschen etwas entgegenzusetzen. Der Weg zur Al-Kaida ist deshalb häufig der Versuch, sich der Kontrolle der oft korrupten Regime zu entziehen”, erklärte Dr. Kai Hirschmann. Dabei erfolge die Interpretation der Heiligen Schriften durch die Islamisten in einer speziellen Form, die mit der Weltreligion Islam nichts zu tun habe. „Der Koran wird durch die Islamisten missbraucht. Osama bin Laden und der Islam passen ungefähr so zusammen, wie die christlichen Kreuzritter und die Bergpredigt”, zog der 1965 in Duisburg geborene Referent einen Vergleich.

Doch um die Herzen der Menschen zu gewinnen, täten die Islamisten eben all das, was die Regierungen versäumten. „Sie kümmern sich um die Menschen, helfen ihnen in Notsituationen und verkaufen dabei auch ihre Ideen.” Die tatsächliche Lebenssituation der Menschen werde mit den Verheißungen des Glaubens verglichen. „Da dabei kaum Übereinstimmungen vorhanden sind, lautet die Schlussfolgerung der Islamisten: Ihr lebt nicht eurem Glauben entsprechend!” Die Hauptfeinde der Al-Kaida seien daher die Diktatoren in den muslimischen Staaten. Der Westen als Unterstützer dieser Diktatoren sowie der Staat Israel stünden an zweiter und dritter Stelle. „Das, was momentan unter der Überschrift ,Arabischer Frühling geschehe, ist eigentlich das, wofür die Al-Kaida immer gekämpft hat”, machte Dr. Kai Hirschmann deutlich. Das Problem sei nur, dass auch die Al-Kaida für die Zeit nach den Diktaturen keine realistischen Konzepte vorweisen könne.

Dass die wirren Ideen der radikalen Islamisten jedoch an keine Grenzen gebunden sind und sich internationalisiert haben, unterstrich der Diplom-Ökonom am Beispiel von deutschen Staatsbürgern, die sich dem Dschihad verschrieben haben. „Neben dem überwiegend in muslimischen Ländern ausgeübten Terror, verfolgt die Al-Kaida ebenfalls die Taktik der Nadelstiche im Feindesland. Deshalb sucht sie auch in Deutschland Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen.” So würden unter anderem Konvertiten angesprochen, die nicht selten anfällig für radikale Thesen seien. So seien bisher 40 deutsche „Dschihadis” in pakistanischen Ausbildungslagern ausgebildet worden, rund ein Drittel davon sei nach Deutschland zurückgekehrt.

An einen weiteren Anschlag in der Größenordnung des 11. Septembers glaubt Dr. Kai Hirschmann nicht mehr. An die Stelle eines solchen großen Schlages seien stattdessen viele kleinere Ereignisse getreten. „Eigentlich lautet die Frage auch nicht mehr ob, sondern wann ein Anschlag in Deutschland geschieht”, zeichnete der Redner kein hoffnungsvolles Zukunftsszenario. Um abschließend die Gefahr für den Einzelnen zu relativieren: „Es ist in Deutschland aber immer noch wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen, als Opfer eines Terroranschlags zu werden.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert