Sucht im Alter: „Schlafmittel können schnell süchtig machen“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Widmen sich dem Thema Sucht im Alter: Yvonne Michel und Harry Robroek machen die Erfahrung, dass die versteckte Sucht bei Senioren oft sehr weit reicht. Foto: Andreas Herrmann

Aachen/Würselen. Ein Schnäpschen hier, eine Schlaftablette da – nicht wenige Senioren haben ein Suchtproblem. Oft sind die Übergänge – zum Beispiel vom Erwerbsleben in die Rente – der Einstieg in eine Sucht. Aufhören ist indes ungleich schwerer als für Jüngere.

Yvonne Michel von der Suchthilfe Aachen und Harry Robroek, Leiter der Caritas-Pflegestation in Würselen, sprechen im Interview über dieses Tabuthema und die Herausforderungen fürs Pflegesystem.

Wir reden über Sucht im Alter. Kein Thema, das in aller Munde ist.

Robroek: Sucht und die daraus resultierenden Probleme sind ein Tabuthema und werden lange versteckt. Sowohl von den Senioren, aber auch von den Angehörigen. Wenn ein Pflegedienst involviert wird, sind die meisten suchtkranken Senioren schon sehr weit. Das betrifft die Medikamentenabhängigkeit, aber auch die Alkoholsucht. Beide kommen vor, auch in Kombination.

Michel: Es existiert der Anspruch an die ältere Generation, dass sie lebenserfahren ist, dass sie gut in-formiert ist. Ihr kann und darf es nicht passieren, in eine Sucht abzugleiten. Wenn es doch so ist, wird es lieber versteckt oder heruntergespielt. Will man den „armen Alten“ auch das noch nehmen? Und steht mir diese Kritik überhaupt zu?

Werden denn tatsächlich Senioren erst im Alter suchtkrank oder waren sie es nicht auch vorher schon?

Michel: Es gibt drei Gruppen: Die, die aufgrund des guten Hilfesystems abhängig alt werden. Die, die eigentlich clean oder trocken waren, aber im Alter rückfällig werden. Und die, die ihr ganzes Leben keinen Berührungspunkt zur Sucht hatten, jetzt aber abhängig sind. Das Alter bringt spezielle Entwicklungsaufgaben mit sich: Die Übergänge vom Erwerbsleben ins Rentnerdasein, aber auch der Übergang vom aktiven Rentnerleben in die letzte Phase, die oft auch mit Pflege einhergeht, sind – ähnlich wie das Jugendalter – sehr kritische Phasen. Ich weiß nicht, wie ich die viele freie Zeit sinnvoll füllen soll. Ich merke, dass es nicht mehr so geht, wie gewohnt. Und ich spüre, dass ich als alter Mensch in der Gesellschaft nichts mehr zu kamellen habe. Suchtmittel lassen mich dagegen besser schlafen, packen mich in Watte, lassen mich meine Probleme und Gebrechen vergessen.

Das sind ja keine neuen Entwicklungen. Warum beschäftigt sich die Caritas jetzt damit?

Robroek: Es gibt immer mehr alte Menschen und die Gesellschaft wird immer mehr mit Themen des Alters konfrontiert. Die Menschen werden sich immer mehr damit auseinandersetzen müssen, dass sie noch eine lange Zeit vor sich haben.

Michel: Die Zeitspanne wird deutlich verlängert, in der sie süchtig werden können. Viele haben noch 20 Jahre vor sich, wenn sie in Rente gehen. Doch um 20 gute Jahre zu haben, muss ich sie aktiv gestalten. Bei Jugendlichen wird Prävention groß geschrieben. Für Senioren gibt es Vergleichbares nicht, obwohl auch sie Unterstützung besonders in den Umbruchphasen gut gebrauchen können.

Erwachsene tragen aber doch eine deutlich größere Selbstverantwortung als Jugendliche.

Michel: Man sollte glauben, sie wissen, was sie tun, weil sie ja auch viel Erfahrung mit Alkohol haben. Tatsächlich ist das aber nicht so, denn viele wissen eben nicht, dass der alternde Körper Alkohol deutlich schlechter verträgt als ein junger. Hinzu kommt die Wechselwirkung mit Medikamenten.

Wie viele Senioren haben denn ein Suchtproblem?

Michel: Mindestens 400.000 Senioren sind alkoholabhängig – mehr Männer als Frauen. 26,9 Prozent der Männer und 7,7 Prozent der Frauen über 60 trinken zumindest zu viel. Da sprechen wir noch nicht von Sucht, aber von deutlichem Missbrauch. Der kann zum einen in die Sucht führen, aber er erhöht auch deutlich die Sturzgefahr. Eine alte Dame mit Oberschenkelhalsbruch kommt eben nicht mehr so gut auf die Beine, als wenn ich mir mit besoffenem Kopf den Arm breche.

Robroek: Und dann kommen oft wir als Pflegedienst ins Spiel. Wir sprechen Auffälligkeiten offen an, wir haben auch bei diesem Thema eine Dokumentationspflicht und müssen zum Beispiel auf Sturzgefahren hinweisen. Aber wir sollen die Nase nicht dran bekommen. Da gibt es bei den Angehörigen oft viel Scham. Außerdem wird vieles akzeptiert, weil man den „alten Menschen nicht auch das noch nehmen sollte“.

Wie sieht es bei Medikamentenabhängigkeit aus?

Michel: 40 Prozent der Senioren bekommen zugleich acht Wirkstoffe und sogar 20 Prozent bekommen mehr als 13 Wirkstoffe. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Wirkstoffe gegenseitig aushebeln, ist sehr hoch. Schlaf- und Schmerzmittel machen wiederum sehr schnell süchtig. Wer bringt den Senioren allen Ernstes noch Autogenes Training bei, damit sie das Schlafmittel eben nicht mehr brauchen? Ärzte müssen sich in Sachen Medikamentenabhängigkeit stärker informieren. Und sie müssen sich untereinander besser absprechen. Leider ist der Arzt oft der Dealer. Und seine Entscheidungen werden besonders von den alten Patienten nicht in Frage gestellt. Wir müssen bei Verschreibungen mit allen Beteiligten viel differenzierter gucken und bewusster entscheiden.

Robroek: Tatsächlich gibt es Patienten mit ganzen Apotheken zu Hause. Oft über Jahre angesammelt. Die Kontrolle ist nicht gegeben, weil der Patient Rezepte von unterschiedlichen Ärzten bezieht. Und die Patienten nehmen die Mittel, auch wenn es ihnen dadurch womöglich schlechter geht. Dies wird dann auf die Krankheit geschoben, mögliche Wechselwirkungen von Medikamenten werden ausgeklammert. Aber es verändert sich auch etwas: Ärzte sind mittlerweile offen für Anmerkungen, wenn auf Unstimmigkeiten in der Medikamentenversorgung hingewiesen wird.

Wie erfolgreich sind Therapien bei abhängigen Alten und sind sie überhaupt notwendig?

Michel: Die Betroffenen führen ein elendiges Leben. Denn Alkohol schwächt den Körper, dafür werden wieder Medikamente eingesetzt – ein Teufelskreis. Für Veränderungen muss es einem aber wichtig sein und man muss zuversichtlich sein, es schaffen zu können. Denn sich von seiner Abhängigkeit zu verabschieden, ist richtig viel Arbeit! Ich kann verstehen, wenn Alte das nicht mehr wollen. Kontrolliertes Trinken – eine abgestimmte Menge, die sich auch mit den notwendigen Medikamenten verträgt – bei gleichzeitiger Sturzprophylaxe wäre eine Möglichkeit, aber auch das muss sehr eng begleitet werden. Ambulante Pflegedienste können das zurzeit nicht leisten.

Robroek: Sämtliche Prophylaxen sind zeitaufwendig. Diese Zeit wird in dem jetzigen System nicht refinanziert. Und natürlich ist der Pflegedienst nicht 24 Stunden täglich vor Ort. Tatsächlich ist die Veränderungsbereitschaft schon bei den Angehörigen, aber auch bei den Patienten, aus unterschiedlichen Gründen kaum ausgeprägt.

Was muss sich also verändern?

Robroek: Die Thematik bekannter zu machen, ist schon ein wichtiger Schritt. Und meiner Ansicht nach müsste auch die Praxis des Verschreibens von Medikamenten verändert werden. Medikamente, aber auch Alkohol, sind in unserer Gesellschaft leicht erhältlich.

Michel: Altenhilfe und Suchthilfe haben „Sucht im Alter“ auf der Agenda und finden auch Kooperationsansätze. Aber letztlich sind das Bemühungen einzelner Institutionen. Weder die Ausbildung durch die Suchthilfe, noch die Leistung von Pflegediensten in dieser Richtung werden bezahlt. Und wenn man es wirklich ernst meint, muss man Suchtprävention für Senioren im Übergang anbieten. Wir brauchen auch mehr Möglichkeiten für Suchtkranke: Spezialisierte Einrichtungen im stationären Bereich, denn suchtkranke Alte passen mit „normalen“ Alten nicht gut zusammen. Was für die einen notwendige Struktur ist, bedeutet für die anderen unerwünschte Bevormundung. Insgesamt brauchen wir mehr abgestimmte Verfahren, die alle Beteiligten einbeziehen.

Robroek: Gleiches gilt für den ambulanten Bereich in der Alltagsbetreuung. Mit mehr Stunden in diesem Bereich ließe sich zumindest eine kontrollierte Sucht auch zu Hause besser ermöglichen. Dafür müssen aber alle – auch die Putzhilfe – an einem Strang ziehen.

Wo steht die Caritas in diesem Feld?

Michel: Die Nachfrage bei offen angebotenen Veranstaltungen ist tatsächlich gering, weil beides – Alter und Sucht – einfach ganz schwierige Themen sind. Da beschäftigen sich sowohl Mitarbeiter der Altenpflege als auch Senioren nicht gern mit. Hin und wieder werden wir aber von Einrichtungen der Altenhilfe angefragt. Innerhalb der Caritas wollen wir die Kompetenzen aus der Suchthilfe zukünftig für die eigenen Mitarbeiter der Altenhilfe besser nutzen. Aber wir können keine aufsuchende Arbeit leisten. Da wollen wir uns mit anderen Organisationen vernetzen.

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