Rotes Kreuz: Ingo Kohnen über Nachwuchsgewinnung und Veränderungen

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An seiner aktuellen Wirkungsstätte: Ingo Kohnen, Präsident des Roten Kreuzes in der Städteregion Aachen, wird 70. Foto: Verena Müller

Städteregion. Wenn man sagt, dass Ingo Kohnen schon sein ganzes Leben beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) ist, hat man nicht gelogen. Zwölf Jahre alt war er, als er beschloss, Mitglied werden zu wollen. Inzwischen ist er 70. Am Donnerstag feiert der Präsident des DRK-Kreisverbands Städteregion Aachen Geburtstag. Mit Verena Müller sprach er über seine Karriere beim Roten Kreuz, dessen Wandel und Zukunft.

Herr Kohnen, wie sind Sie zum Roten Kreuz gekommen?

Kohnen: In Alsdorf gab es früher ein großes Radrennen. Damals nahmen daran Größen wie Hennes Junkermann oder Rudi Altig teil. Start- und Zielpunkt lagen in Alsdorf-Ofden, wo ich als Kind mit vier Geschwistern großgeworden bin. Das DRK war nicht nur für die Sanitätsbetreuung zuständig, sondern auch für den Funk. Funkgeräte waren zu dem Zeitpunkt noch riesige Apparate, bei denen man einen ganzen Batteriegürtel umschnallen musste. Das hatte mich fasziniert, das kann ich Ihnen sagen ... Im Fernmeldezug waren viele Ofdener, und so lag es auf der Hand, auch mitmachen zu wollen.

Und das ging?

Kohnen: Na, eigentlich nicht. Es gab damals noch kein Jugendrotkreuz in Alsdorf. Das habe ich später mit ins Leben gerufen. Ich hatte aber unter den Älteren einen Fürsprecher: Johann Vossel. Der meinte: „Wenn dat Jöngse mitmachen will, dann darf dat dat.“ Nachdem Fragen des Status und der Versicherung geklärt waren, wurde ich zum 1. Januar 1960 aufgenommen. Später habe ich die Zugführung in Alsdorf übernommen, war Ende der 70er Jahre Kreisbereitschaftsführer im Kreisverband Aachen-Land und wurde schließlich Landesfachdienstführer für den Sanitätsdienst beim Landesverband.

Eine steile Karriere.

Kohnen: Mein damaliger Vorgesetzter meinte, das würde noch nicht reichen, ich sei nicht ausgelastet. Und so wurde ich auch Abteilungsführer des Hilfszugs und war 16 Jahre lang stellvertretender Landesbereitschaftsführer.

Hilfszug? Helfen Sie mir auf die Sprünge ...

Kohnen: Hilfszüge waren die Katastrophen- und Zivilschutzreserve des Bundes. Ein Zug war 365 Mann stark und konnte 5000 Menschen autark langfristig versorgen. Von der Wasseraufbereitung bis hin zur Betreuung. Früher gab es zehn deutschlandweit. Diese Einheiten sind aber inzwischen abgeschafft.

Kam Ihr Hilfszug unter Ihrer Führung zum Einsatz?

Kohnen: Eher abteilungsweise, nur einmal in Gänze. Das war 1989, als der Bürgerkrieg in Rumänien ausbrach. Damals war ich der erste Rot-Kreuz-Mann in Rumänien. In Temeswar (Timioara, Anm. d. Red.), wo der Krieg seinen Anfang nahm.

Hatten Sie viele Auslandseinsätze?

Kohnen: Ja, einige. Ich hatte immer einen kompletten Pilotenkoffer zu Hause stehen, damit ich sofort aufbrechen konnte. Und drei gültige Reisepässe. Je nach Land war ein Stempel eines bestimmten anderen Landes ungünstig ... Ich war im Golfkrieg, wo mir mal eine durchgeladene Kalaschnikow an den Bauch gehalten wurde, in Jugoslawien, Armenien, Türkei ... Ich habe die ganze Ostblock-Veränderung erlebt. Das hat mir persönlich auch einen ganz anderen Blick auf die Entwicklungen ermöglicht. Ich sage sowieso immer: Das Rote Kreuz hat mir so viel gegeben. Warum nicht auch anderen?

Es klingt aber so, als wäre Ihr Einsatz zum Teil auch ziemlich riskant gewesen. Vielleicht schreckt das manchen ab.

Kohnen: Man kann nicht zu seinen Leuten sagen: „Seid mutig, aber lasst mich hinter dem Baum!“ Und, ja, es ist manchmal riskant, aber die eigene Persönlichkeit entwickelt sich durch solche Aufgaben ganz anders. Man trägt nicht nur Verantwortung für die Betroffenen, sondern auch für die eigenen Einsatzkräfte. Man lernt außerdem, Situationen viel differenzierter zu beurteilen, und erkennt mögliche Gefahren viel schneller. Es ist ein Ehrenamt, aber es ist nicht so, dass man dafür nichts bekommt. Ganz im Gegenteil.

Sie haben das alles komplett ehrenamtlich gemacht, nicht erst die letzten Jahre?

Kohnen: Ich war voll berufstätig.

Skizzieren Sie mir Ihren beruflichen Werdegang? Nur ein kurzer Exkurs.

Kohnen: Im ersten Beruf war ich Bergmann. Mit 14 hatte ich meine Ausbildung begonnen und wollte Bergingenieur werden. Als die erste Kohlekrise kam, dachte ich aber, dass ich vielleicht im Bergbau langfristig nicht so gut aufgehoben bin – auch wenn das für mich noch knapp bis zur Verrentung aufgegangen wäre, aber das wusste ich ja damals nicht. Jedenfalls habe ich kurze Zeit in der Gastronomie meiner Eltern gearbeitet, nachdem mein Vater sehr früh gestorben war. Ich merkte aber bald, dass das nicht das Richtige für mich war. Wenn andere tanzen gingen, stand man in der Küche, um Essen vorzubereiten. Also habe ich die Krankenpflege gelernt, das passte auch gut, da ich beim Roten Kreuz schon im Sanitätsbereich tätig war. Eine Zeit lang hatte ich als Masseur und medizinischer Bademeister eine eigene Praxis, die ich aber mit 47 Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Bis zur Rente habe ich dann im Vertrieb eines Medizinprodukteherstellers gearbeitet.

Beim DRK sind Sie inzwischen auf die Kreisebene zurückgekehrt.

Kohnen: Ja. Ich habe eigentlich nach jedem Abschnitt gesagt: „Jetzt gehst du es was ruhiger an.“ Und dann ist es doch anders gekommen. (lacht) Vor vier Jahren bin ich zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden gewählt worden, drei Monate später stellte sich heraus, wie es um den Kreisverband bestellt war.

Es gab massive wirtschaftliche Probleme, die unter anderem auf ein vom DRK betriebenes Pflegeheim in Stolberg zurückzuführen waren, das seit Jahren defizitär war. Und es gab erhebliche Probleme im oberen Management.

Kohnen: Ja. Binnen Wochen war das Personal auf der Führungsebene infolgedessen zusammengeschrumpft. Im Jahr darauf wurde ich zum Präsidenten gewählt – das Amt gab es übrigens vorher nicht. Mit Hans-Dieter Vosen, unserem Geschäftsführer, habe ich einen hervorragenden Steuermann an meiner Seite.

Von diesen unruhigen Zeiten einmal abgesehen: Wie hat sich das Rote Kreuz während Ihrer Zeit verändert?

Kohnen: So, wie sich die ganze Gesellschaft verändert hat. Damals, als ich angefangen habe, waren noch viele dabei, die altgediente Zweiter-Weltkriegs-Soldaten waren. Befehl und Gehorsam waren noch etwas Gewohntes. Damals wurde sogar noch Formaldienst ausgeübt und im Gleichschritt marschiert. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Das Paramilitärische ist weg.

Kohnen: Komplett. Das wäre nicht mehr zeitgemäß und nicht gut für unser Image.

Sie sagten eben, dass die Hilfsdienste abgeschafft wurden. Was hat sich noch an der Struktur verändert?

Kohnen: Alles. Die Anforderungen, die Ausbildung, die gesetzlichen Grundlagen ... Neben dem Sanitätsdienst ist der Betreuungsdienst immer wichtiger geworden: Es gibt ja nicht nur Verletzte, sondern auch Betroffene, um die man sich kümmern muss. Bestes Beispiel ist da die Flüchtlingshilfe.

Meinen Sie, die Anforderungen an die Leistungen des DRK oder die Erwartungen der Mitglieder ans DRK sind größer geworden?

Kohnen: Beides. Und an die Mitglieder. Bei einem Pfingstturnier reichten früher zwei Mann mit einem Verbandsköfferchen am Spielfeldrand. Heute muss ein Rettungswagen bereitstehen, sonst wird eine Veranstaltung erst gar nicht genehmigt.

Sie erzählten, Sie hätten das erste Jugendrotkreuz in Alsdorf gegründet. Wie haben Sie damals Jugendliche angesprochen, und wie wird heute Nachwuchs geworben?

Kohnen: Welches Freizeitangebot gab es denn damals? Sportvereine. Ich bin zum ersten Mal mit dem DRK bei einem Kfz-Marsch in die Eifel gekommen. Wir hatten selbst kein Auto. So war es also leicht, neue Mitglieder zu gewinnen. Heute ist es viel schwieriger.

Wie gehen Sie das Problem an?

Kohnen: Wir arbeiten gerade an einer Werbekampagne, gemeinsam mit der RWTH und der FH Aachen. Ich sage immer: Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.

Und welche Eigenschaften vereint der Wurm auf sich? Wie lautet die Botschaft?

Kohnen: Die Botschaft lautet, dass man bei uns fürs Leben geschult wird. Führungs- und soziale Kompetenzen sind erhebliche Kriterien im Berufsleben. Und bei uns lernt man sie zu erfüllen.

Und welchen Fisch will der Angler?

Kohnen: Wir sind nicht nur Hochseeangler, wir brauchen auch die kleinen Fische. Wir brauchen im Grunde alle. Von der älteren Dame, die beim Blutspendetermin die Brötchen schmiert, über die Erzieherin bis hin zum Sanitäter. Das darf man an der Stelle ja nicht vergessen: Wir sind ja auch Arbeitgeber.

Abschließend, wenn ich fragen darf: Werden Sie groß feiern?

Kohnen: (lächelt) Ich hatte das Problem, dass ich entweder nur im Familienkreis oder ganz groß feiern kann, als Präsident. Und mein Geschäftsführer meinte, das solle ich mal seine Sorge sein lassen. Für Samstag, 4. März, ist ein Empfang durch den DRK-Kreisverband geplant.

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