Respektlosigkeit: Polizei immer häufiger bedroht und attackiert

Von: Werner Breuer
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Polizeikontrolle: Oft geraten die Beamten bei solchen Einsätzen schon ins Visier von Zeitgenossen, die aus nichtigen Anlässen ausrasten. Entgegen landläufiger Meinung geht es nicht nur bei Demonstrationen oder im Stadion hoch her. Foto: Ralf Roeger

Städteregion. Charlie Chaplin hatte noch Respekt vor Polizisten; wenn er einen sah, nahm er vorsichtshalber Reißaus. Doch seit den Tagen des Stummfilm-Stars haben sich die Sitten geändert. Aus dem Schutzmann ist der Freund und Helfer geworden. Behandelt werden die Beamtinnen und Beamten aber oft nicht so.

„Unsere Kollegen sind keine Prügelknaben, die für gesellschaftlichen oder privaten Ärger und Frust missbraucht werden können“, betont Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach. Man müsste widersprechen angesichts der Zahlen: Immer häufiger werden Polizisten attackiert, wenn sie ihre Arbeit tun. Mehr als 100 Beamte der Aachener Polizei wurden im vergangenen Jahr verletzt. Im Jahr 2015 hatten 83 Kollegen Verletzungen im Einsatz erlitten.

Zunehmende Respektlosigkeit

„Die Vergleichszahlen belegen, dass es alles andere als nur eine gefühlte Zunahme der Gewaltbereitschaft gegen Polizisten ist“, heißt es in einer Mitteilung der Aachener Polizei, „es ist handfeste Realität.“ Für den Verfasser der Meldung, Paul Kemen von der Pressestelle der Aachener Polizei, steckt dahinter zunehmende Respektlosigkeit. Und die zeige sich im ganz normalen Polizeialltag, im sogenannten Wach- und Wechseldienst.

Denn entgegen landläufiger Meinung geht es nicht allein bei Stadioneinsätzen oder Demonstrationen heftig zur Sache. Und auch die Vermutung, die oft gewalttätigen Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst hätten die Zahlen in die Höhe schnellen lassen, führt laut Kemen in die Irre. „Das ist ein verschwindend geringer Teil.“

Ruppig geht es auch beim Brauchtum zu, Karneval ist für die Polizei kein Spaß. Alleine am Rosenmontag wurden die Beamten bei 13 Einätzen in Stadt und Altkreis Aachen angegriffen. Zwei Polizisten wurden dabei verletzt, für einen war nach der ärztlichen Untersuchung direkt Dienstschluss.

Vor allem bei Routineeinsätzen geht nach Auskunft von Kemen zunehmend die Post ab. Da wird beleidigt, bedroht, gespuckt und getreten. Wenn Polizisten zu Ruhestörungen, Schlägereien und anderen Körperverletzungsdelikten gerufen werden, richten sich die Aggressionen immer häufiger auch gegen sie.

„Nicht unter den Tisch kehren“

Nicht selten geraten die Schlichter bei einem Streit selbst ins Visier, weil sich die Kampfhähne gegen sie wieder verbrüdern. Kemen erklärt am Beispiel von Einsätzen wegen häuslicher Gewalt. „Da treten wir dem Verlierer zur Seite.“ Meist seien die Frauen Opfer, aber nach einer Weile tue es ihnen leid, dass sie ihren männlichen Peinigern durch die Alarmierung der Polizei Scherereien machen. Sie schlagen sich wieder auf die Seite der Männer, „und wir stehen im Regen“.

In Fällen von häuslicher Gewalt tun sich zudem noch andere Probleme für die Beamten auf, „Kulturelle und religiöse Aspekte darf man da nicht unter den Tisch kehren“, meint Kemen. Die Rolle der Frau sei in einigen orientalischen Gesellschaften „eine andere als hier“. Polizistinnen würden deshalb als Vollstreckungsbeamte von Männern „nicht akzeptiert und nicht respektiert“.

Doch nicht nur in diesen Fällen werden Polizisten selbst schnell zur Zielscheibe von Attacken. „Die Hemmschwelle sinkt“, sagt Kemen. Kleine Auslöser reichten für vulgäre Beschimpfungen oder Drohungen, die sich oft nicht nur gegen die Beamten, sondern auch gegen ihre Familien richteten.

Ein aktuelles Beispiel flatterte Kemen jetzt auf den Schreibtisch: Ein Autofahrer kurvt am Wochenende nachts ohne Licht durch die Aachener Innenstadt, wird von einer Streife angehalten und macht sofort Rabatz: Er will weder seinen Führerschein vorzeigen noch seine Personalien angeben. Als die Beamten ihn zur Personalienfeststellung mit zur Wache nehmen wollen, beleidigt er sie, er schlägt nach ihnen und versucht, sie zu treten. Die Polizisten müssen dem jungen Mann, der offenbar unter Drogeneinfluss steht, Handfesseln anlegen. Sie werden bei der ganzen Aktion zwar leicht verletzt, machen aber weiter Dienst.

„Nicht hinnehmbar“

Für Polizeipräsident Weinspach ist das „nicht hinnehmbar“. Solche Angriffe richteten sich gegen Kollegen, „die es sich zum Beruf und auch zur Berufung gemacht haben, andere Menschen zu schützen“. Sie hätten Familien, die „zu Hause warten und hoffen, dass ihre Liebsten wieder gesund nach Hause kommen“. Jedem Kollegen, der solche Angriffe zur Anzeige bringt, sagt Weinspach ausdrücklich seine Unterstützung zu.

Helfen will auch die Politik. Inzwischen gibt es einen Gesetzentwurf (siehe Infobox), der generell Attacken auf Amtsträger unter Strafe stellt. Gelten soll das nicht nur für Polizisten, sondern auch für Rettungskräfte und Feuerwehrleute. Denn auch die erleben immer häufiger am eigenen Leib, wie weit die Hemmschwelle gesunken ist. Der Entwurf sieht vor, dass nicht nur Gewalt bei Festnahmen oder Kontrollen gestraft wird, sondern schon jegliche Störung von Polizei- oder Rettungseinsätzen. Zudem soll der Strafrahmen mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren verschärft werden.

„Das ist schon lange überfällig“, meint Paul Kemen.

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