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Respekt vor der Leistung von „Profi-Eltern“

Von: Jutta Geese
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Werben gemeinsam um neue „Erziehungsstellen-Eltern“: (v.l.) Ingrid Breuer, Mathilde Uhr, Sabine Weller und Carla Steinbeck von den Jugendämtern Alsdorf, Eschweiler, Herzogenrath und Städteregion, die in diesem Bereich bereits seit gut 20 Jahren zusammenarbeiten. Foto: Jutta Geese

Städteregion. Mehr interkommunale Zusammenarbeit fordert Städteregionsrat Helmut Etschenberg in seinem Struktur- und Sparkonzept, weil sich durch Kooperationen über die jeweiligen Stadtgrenzen hinaus Kosten reduzieren ließen.

Ihrer Zeit weit voraus sind in der Beziehung die Jugendämter der Städte Alsdorf, Eschweiler und Herzogenrath sowie das für Baesweiler und die drei Eifelkommunen zuständige Jugendamt der Städteregion: Schon seit Mitte der 1990er Jahre pflegen sie eine enge Zusammenarbeit im Interesse der von ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen, aber auch deren Familien.

Ein Beispiel dafür ist die Suche, Schulung und Begleitung von sogenannten Erziehungsstellen. Das sind Paare, bei denen mindestens einer eine pädagogische Ausbildung hat, oder auch Einzelpersonen mit einer solchen Qualifikation, die ein Kind bei sich aufnehmen, das aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben kann.

Manchmal werden solche Erziehungsstellen-Eltern auch „Profi-Eltern“ genannt wegen der vorausgesetzten fachlichen Qualifikation. Und die ist notwendig, weil es um Jungen und Mädchen geht, die aufgrund ihrer belastenden Erfahrungen eine besonders intensive Betreuung in einer familiären Umgebung mit festen Bezugspersonen brauchen.

„Es gibt nur wenige kommunale Jugendämter, die selbst Erziehungsstellenträger sind“, sagt Ingrid Breuer. „Meist wird das freien Trägern übertragen. Wir sind da die Exoten.“ Doch die kommunale Trägerschaft hat aus Sicht der vier Fachfrauen – neben Ingrid Breuer vom Jugendamt Herzogenrath sind das Sabine Weiler (Jugendamt Alsdorf), Mathilde Uhr (Jugendamt Eschweiler) und Carla Steinbeck (Jugendamt Städteregion, zuständig für Baesweiler, Monschau, Roetgen und Simmerath) – viele Vorteile, unter anderem die Kostenersparnis. Wobei dies eher für die Finanzverantwortlichen der Kommunen eine Rolle spielt.

Die vier Expertinnen betonen mehr die fachlichen Dinge. „Wir sind gut vernetzt mit allen, die mit den betreffenden Kindern und ihren Familien in irgendeiner Form zu tun haben“, sagt Ingrid Breuer und verweist damit auf den „kleinen Dienstweg“ innerhalb einer Verwaltung, auf dem sich manches schnell regeln lasse.

Etwa wenn es um die Finanzierung einer Spezialtherapie geht. Die kommunenübergreifende Zusammenarbeit eröffne zudem recht unbürokratisch Möglichkeiten zu reagieren, etwa wenn es geboten scheint, ein Kind außerhalb seiner Heimatstadt unterzubringen.

„Auch für die leiblichen Eltern ist es oft einfacher, wenn sie nur uns als Ansprechpartnerinnen haben und nicht noch ein freier Träger zwischengeschaltet ist“, ergänzt Mathilde Uhr. Denn die Familien der Kinder, die in Erziehungsstellen leben, werden häufig schon länger vom örtlichen Jugendamt betreut.

„Da ist es auch gut, dass es bei uns wenig personellen Wechsel gibt“, erklärt Sabine Weiler, unter anderem mit Blick darauf, dass die Kinder in der Regel langfristig bei ihren „Profi-Eltern“ bleiben.

Fast alle der Mädchen und Jungen haben, bevor sie in die neue Familie kommen, eine Odyssee hinter sich. Bereitschaftspflege, Heim, wieder zurück zu den leiblichen Eltern, von dort in eine Wohngruppe oder zu den Großeltern…

Feste Bindungen konnten sie da nicht aufbauen. In der Erziehungsstellen-Familie sollen sie zur Ruhe kommen und die Förderung erhalten, die sie benötigen. Sie sollen Geborgenheit erfahren und Halt finden. Sie sollen aber auch den Kontakt zu ihren leiblichen Eltern nicht verlieren. Das alles verlangt den „Profi-Eltern“ eine Menge Geduld, Einfühlungsvermögen, Offenheit und Belastbarkeit ab. „Ich habe sehr viel Respekt vor der Leistung dieser Eltern und der ihrer leiblichen Kinder“, betont Carla Steinbeck.

Stabile Größe

Viele Erziehungsstellen-Kinder halten den Kontakt zu ihrer „Zweitfamilie“ auch dann noch, wenn sie längst volljährig sind und woanders leben. „Und auch wir im Jugendamt sind für sie eine stabile Größe über viele Jahre hinweg“, sagt Sabine Weiler und erzählt, dass sie erst vor kurzem Besuch von einer 20-Jährigen bekommen hat, die sie vor zwölf Jahren in eine Erziehungsstelle vermittelt hatte.

Niemand von den aktuell 42 Erziehungsstellen-Eltern, bei denen derzeit insgesamt 64 Kinder leben, fasst das Zusammenleben mit dem „fremden“ Kind als Job auf, sagen die vier Beraterinnen. Und darauf legen sie auch viel Wert. „Wer sich dafür entscheidet, Erziehungsstelle zu werden, muss wissen, dass man damit nicht seinen Lebensunterhalt verdienen kann“, sagt Mathilde Uhr.

Zwar erhalten Erziehungsstellen-Eltern im Vergleich zu „normalen“ Pflegeeltern einen erhöhten Pflegesatz für das Kind und bekommen wie alle Pflegeeltern 153 Euro monatlich als Zuschuss für die Altersvorsorge, doch an ein „Gehalt“ komme diese Zahlung bei weitem nicht heran. Deshalb müssten Bewerber auch wirtschaftlich unabhängig sein.

Allein gelassen werden diejenigen, die einem „schwierigen“ Kind ein Zuhause geben und es auf seinem Weg ins Leben begleiten, auch nach dem 60-stündigen Vorbereitungskurs nicht. „Wir arbeiten auf Augenhöhe mit ihnen zusammen“, betont Mathilde Uhr. Es gibt monatlich Treffen zum Erfahrungsaustausch mit anderen Erziehungsstellen-Eltern, Fortbildungsangebote und externe Supervision. Auch erlebnispädagogische Ausflüge mit den Kindern gehören dazu.

Trotz allem, die vier Fachfrauen wissen um die Schwere der Aufgabe. „Es ist eine große Herausforderung, der sich Erziehungsstellen-Eltern stellen“, sagt Mathilde Uhr. „Aber es ist auch eine reizvolle Aufgabe.“

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