Prognoseunterricht startet im Kreis

Von: Stefan Schaum
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Gymnasium oder Realschule? Am Montag beginnt für 39 Viertklässler im Kreis der dreitägige Prognoseunterricht, dessen Ergebnis über die weitere Schullaufbahn entscheidet. Foto: ddp

Städteregion. Bauchschmerzen. Die hatte Heide Barth vor gut einem Jahr. „So ein mulmiges Gefühl.” Damals war die Lehrerin des Herzogenrather Gymnasiums eine derjenigen, die bei dem sogenannten Prognoseunterricht über den weiteren Schulweg von Viertklässlern entscheiden mussten.

„Es waren ein paar knifflige Fälle dabei”, sagt sie heute. Kann das Kind das Gymnasium packen? Oder sollte es der Empfehlung folgen und zur Realschule gehen? Mitunter schwer zu sagen. Ein Fan der dreitägigen Testphase, die am Montag landesweit zum dritten Mal beginnt, ist Heide Barth bis heute nicht. Doch Eltern, die nicht den Empfehlungen der Grundschullehrer folgen wollen, müssen ihre Kinder diesem Marathon stellen.

Deutsch, Mathematik, Sachkunde - das sind die Fächer, die an drei aufeinanderfolgenden Tagen für je drei Stunden abgeklopft werden. Schriftlich und teils auch mündlich, in Form einer möglichst normalen Unterrichtssituation.

Nur wenn das Kind alle drei Beobachter - einen Vertreter des Schulamtes, einen Lehrer einer Grundschule sowie einen einer weiterführenden Schule - überzeugt, kann es die von den Eltern gewünschte Schulform besuchen. Andernfalls gilt für die Eltern, der Grundschulempfehlung zu folgen - oder vor Gericht zu ziehen.

Es gibt Gründe, warum Heide Barth an diesem Procedere zweifelt. „Für Kinder kann das schon stressig sein. Es waren ein paar dabei, die Angst hatten.” Angesichts fremder Personen und einer fremden Umgebung, denn der Unterricht muss an einer Grundschule stattfinden, die das Kind sonst nicht besucht, Lehrer und Schüler dürfen einander nicht kennen. In einem Sitzkreis habe man damals am ersten Tag versucht, Ängste abzubauen. „Am zweiten Tag war es schon entspannter.” Entspannt genug für solch eine wichtige Prüfung? Die Schulleiter der weiterführenden Schulen haben keine Wahl. Hat das Kind wenigstens die eingeschränkte Empfehlung für ihre Schulform, kann über den Besuch gesprochen werden.

„Wir reden dann mit den Eltern intensiv über zusätzliche Förderung in der Schule und Hilfen zuhause”, sagt Peter Lambertz, Leiter der Realschule Alsdorf-Ofden. Sitzen jedoch Eltern vor ihm, auf deren Empfehlungsbogen „Hauptschule” angekreuzt ist, kann er nichts machen. Womit er gut leben könne, denn: „Die Gutachten der Grundschulen sind zu einem hohen Prozentsatz absolut Ok. Nach vier Jahren wissen die Kollegen sehr genau, wozu das Kind fähig ist.”

Was ihn wundert: „Mitunter gehen Empfehlung und Notenbild weit auseinander.” Wenn etwa ein Kind trotz sehr guter Noten keine Empfehlung fürs Gymnasium oder die Realschule bekommt. „Vielleicht zögern Lehrer manchmal, weil sie Angst haben, dass es auf sie zurückfällt, wenn das Kind scheitert.”

Die Gesamtschulen sind beim Prognoseunterricht außen vor, diese Schulform steht ohnehin auf jedem Empfehlungsschreiben. Auch Hauptschulen sehen sich kaum im Fokus. „Es geht meist darum, ob Realschule oder doch Gymnasium”, sagt Norbert Steffens, Leiter der Alsdorfer Europahauptschule. „Der Trend geht seit langem dahin, dass Eltern ihren Kindern partout die vermeintlich höhere Schulform ermöglichen wollen. Die Hauptschule wird oft kaputt geredet”

Norbert Granz, Leiter des Herzogenrather Gymnasiums, hat „erst einen einzigen Schüler zum Prognoseunterricht schicken müssen”, und zwar in diesem Jahr. Sollte der bestehen, würde er ihn auch aufnehmen. Allerdings mit einem „schlechten Gefühl, die Chance des Scheiterns ist ja doch recht hoch”.

So sieht es auch Gisela Klein, die die Vorbereitung des Prognoseunterrichts im Kreis koordiniert. Hin- und hergerissen ist die Lehrerin der Grundschule Grengracht in Baesweiler. Sie versetze sich mitunter in beide Seiten. „Ich kann verstehen, dass die Eltern mehr mitreden und entscheiden wollen, was gut für ihr Kind ist. Aber es tut mir leid um die Kinder, die gnadenlos scheitern, wenn sie auf die falsche Schule kommen.”

Genau das soll der Prognoseunterricht verhindern Nach Möglichkeit. Denn vielleicht gilt auch für ihn, was Heide Barth ganz allgemein feststellt: „Man kann nicht immer allen Kindern gerecht werden - aber das ist eben Schulalltag.”

Fünf von 37 Kindern im Jahr 2008 erfolgreich

Im vergangenen Jahr wurden im Kreis Aachen 37 Kinder zum Prognoseunterricht angemeldet. Nur 32 haben tatsächlich am Unterricht teilgenommen. Und nur fünf von ihnen haben ihn erfolgreich absolviert und konnten zur von den Eltern gewünschten Schulform wechseln.

Ähnlich sind die Anmeldezahlen in diesem Jahr: 39 Kinder stehen im Kreis auf der Liste, um sich den Anforderungen zu stellen, die landesweit einheitlich sind und vom Schulministerium vorgegeben werden.
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