Städteregion Aachen - Postbote Thomas C. streikt seit drei Wochen

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Postbote Thomas C. streikt seit drei Wochen

Von: Nina Leßenich
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Egal ob bei strahlendem Sonnenschein oder bei Unwettern: Rund 23 Kilometer legt Thomas C. an einem normalen Arbeitstag auf seinem Fahrrad zurück, um seinen gesamten Zustellerbezirk abdecken zu können. Foto: Stock/Stefan Zeitz

Städteregion Aachen. Morgens um zehn Uhr wird es in der Harscampstraße in Aachen laut. In der Luft hängt der Geruch von frischem Kaffee und belegten Brötchen, in kleinen Gruppen diskutieren Männer und Frauen im Hinterhof. Rund 200 von ihnen sind heute gekommen, in das Streiklokal von Verdi. Die Stimmung ist schwer zu greifen und liegt wohl irgendwo zwischen Hoffnung und Resignation.

Auch Thomas C. (Name von der Redaktion geändert) ist an diesem Tag im Streiklokal. Seit drei Wochen kommt der 53-Jährige jeden Morgen um zehn Uhr her und trägt Streikende in Listen ein, damit sie ihr Streikgeld bekommen. Thomas ist aktives Verdi-Mitglied und Postbote, letzteres seit 20 Jahren.

„Jeder hier würde sofort wieder arbeiten gehen, wenn er könnte“, sagt Thomas. Auch er streike nicht gerne, lieber würde er seinen Kunden ihre Briefe bringen. Aber das könne er im Moment eben nicht, was er bedauere. Überhaupt wirkt Thomas sehr bescheiden. „Lohnerhöhungen sind in diesem Streik nur sekundär“, sagt er.

Es geht Thomas nicht um das Geld. Thomas und seine Kollegen streiken, weil sie Angst um ihre Arbeitsplätze haben. Und weil die Arbeitsbedingungen nicht mehr stimmen. Eigentlich, sagt er, findet Thomas den Streik vollkommen unnötig. Aber die Geschäftsführung der Deutschen Post wäre nun einmal nicht zu Gesprächen bereit. „DHL ist ein gesundes Unternehmen, das jährlich Gewinne zu Lasten seiner Mitarbeiter einfährt“, findet er.

Thomas arbeitet seit 1995 als Zusteller. Einen so harten Arbeitskampf wie aktuell habe er noch nie erlebt. „Wir führen im Moment einen Krieg gegen die Führungsetage“, sagt er. Zumindest fühle es sich so an. Aus Sicht der Deutschen Post AG sind die aktuellen Maßnahmen notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Während die Postkonkurrenten die Zustellung meist Subunternehmen überlassen, deren Beschäftigte oft für den Mindestlohn arbeiten, setzt die Post überwiegend auf eigene Zusteller. Und das kostet Geld: Löhne und Gehälter sind für die Post neben den Transportkosten der größte Kostenblock. Post-Geschäftsführer Frank Appel befürchte, dass neue Arbeitsplätze in der Paketzustellung zukünftig nur noch bei der Konkurrenz entstünden, wenn man den Kurs des Unternehmens nicht ändere.

Diesen Kurswechsel merken besonders die Boten. Ein normaler Arbeitstag beginnt für Thomas um sieben Uhr. Sein Zustellerbezirk liegt außerhalb von Aachen, er beliefert ausschließlich Einfamilienhäuser. „In den Vororten hat man größere Fahrstrecken zu bewältigen, als in der Innenstadt“, erklärt er. In seinem Bezirk liegen rund 1000 Haushalte. Auf seinem Elektrofahrrad muss er jeden Tag gut 23 Kilometer zurücklegen, um alle diese Haushalte erreichen zu können – bei Wind und Wetter.

Die Lust und die Identifikation mit dem Beruf nehme aufgrund der aktuellen Situation ab, sagt Thomas. Das bemerke er bei allen seiner Kollegen. „Dabei wäre unser Job ohne diesen Ärger ein Traumjob“, findet er. Schließlich gebe es viel Positives: „Unterwegs ist man sein eigener Chef“, sagt Thomas. Das gefalle vielen. Wenn man einen festen Bezirk habe, kenne man seine Kunden außerdem. Thomas selbst beliefert seit 13 Jahren den gleichen Bezirk – ein „nettes Verhältnis“ habe sich in dieser Zeit zu seinen Kunden entwickelt. Jeden Tag passiere in seinem Beruf etwas Neues. Jeden Tag am Fließband stehen und die immer gleichen Dinge und Menschen sehen – das könne er sich nicht vorstellen.

Dennoch habe der Job auch Schattenseiten. Im Sommer oder aber bei „richtigem Schnee“ sei er gerne unterwegs. Regen jedoch sei „ganz ganz schlimm“. Oft habe er sich dann bereits gefragt, was er da eigentlich mache. „Ich musste sogar schon einige Male bei Kunden klingeln und um Asyl bitten“, sagt Thomas. Es sei ihm nicht nur einmal passiert, das ein Blitz in seiner unmittelbaren Nähe eingeschlagen habe.

Auch mit der Arbeitszeit sei es so ein Thema. „Per Vertrag habe ich eine 38,5 Stunden Woche“, erzählt Thomas. Einhalten könne er die nahezu nie – eine normale Woche habe eher 44 Stunden. Pro Tag dürfen er und seine Kollegen maximal zehn Stunden arbeiten, danach ist Schluss. Pakete oder Briefe, die in dieser Zeit nicht ausgetragen wurden, wandern zurück in das Verteilerzentrum. „Das machen wir nicht gerne“, sagt Thomas. Im Gegenteil: Jeder Bote wolle seine Pakete oder Briefe sogar auf jeden Fall noch am gleichen Tag austragen. Denn Haushalte, die nicht beliefert werden konnten, müssen am nächsten Tag nachgeholt werden. Das verlängere die Arbeitszeit am kommenden Tag, neue Pakete blieben liegen – ein Teufelskreis.

Glaubt man Thomas, liegt das vor allem an der Kalkulation der Deutschen Post. „Da werden Berechnungsschlüssel genutzt, die können gar nicht funktionieren“, sagt Thomas. Schließlich könne man nicht takten, wie lange ein Kunde brauche, um die Tür zu öffnen. Jede Minute Warten vor einer Haustüre verlängere die Arbeitszeit.

Und dann ist da natürlich die neue Angst um seinen Arbeitsplatz. „Wir sehen es gerade bei den Paketzustellern“, sagt Thomas. „Da werden Zustellern, die schon seit Jahren in ihrem Bezirk Pakete austeilen, ihre Bezirke weggenommen und die Stellen werden mit billigeren Arbeitskräften aus der Tochtergesellschaft ‚DHL Delivery‘ nachbesetzt“, erzählt er.

49 dieser Tochtergesellschaften hat die Deutsche Post AG im Januar gegründet. Mehr als 6000 Paketboten arbeiten deutschlandweit bereits in den ausgegliederten Gesellschaften – und werden für ihre Arbeit nicht nach dem Haustarif, sondern nach den niedrigeren Tarifen der Logistikbranche bezahlt. Ein nicht haltbarer Zustand, wie Thomas findet.

Ursprünglich wollte Thomas gar kein Zusteller werden. Nach seinem Schulabschluss begann er ein Sozialwissenschaftsstudium in Siegen. Er brach sein Studium ab, weil damals zu viele Stellen in sozialen Berufen gestrichen wurden – zu unsicher erschien ihm die Branche. Ein Bekannter erzählte ihm von freien Stellen bei der Deutschen Post, Thomas bewarb sich – und wurde angenommen. Eigentlich wollte Thomas nur ein Jahr bleiben, um sich neu zu orientieren. Aus einem Jahr wurden 20. Und nun streikt Thomas gegen genau das, was ihn von seinem Studium abbrachte: Gestrichene Arbeitsplätze und schlechte -bedingungen.

„Die Streikkassen sind voll“, sagt Thomas und trinkt einen Schluck von seinem Kaffee. Wenn man müsste, könne man zwei Jahre lang streiken. Auch wenn das natürlich niemand wolle.

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