Pilotprojekt: Lust aufs Lernen auch ohne Schulpflicht

Von: Michael Grobusch
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Drei Jahre Vorbereitung zur Berufsausbildung, Deutschkenntnisse, Integration von Flüchtlingen in der Klasse AVI - Ausbildungsvorbereitung International in der Elly-Heuss-Knapp-Schule, ein Berufskolleg der Stadt Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland Three Years Preparations to Vocational training German knowledge Integration from Refugees in the Class Avi Ausbildungsvorbereitung International in the Elly Heuss scarce School a Vocational College the City Dusseldorf North Rhine Westphalia Germany
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Ute Dreser bewertet das Pilotprojekt sehr positiv. Foto: Michael Grobusch

Städteregion. Natürlich ist das Beispiel von Haias ein ganz besonderes. Der Flüchtling aus dem Nordirak (Name von der Redaktion geändert) steigt jeden Morgen, von Montag bis Freitag, um 4.40 Uhr in Waldfeucht in den Bus, der ihn auf weiten Wegen nach Aachen bringt. Dort nimmt der junge Mann an einem Pilotprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen teil, das unter anderem an der Mies-van-der-Rohe-Schule umsetzt wird.

Das städteregionale Berufskolleg ist eine von nur drei Bildungseinrichtungen im Regierungsbezirk Köln, die sich in diesem Schuljahr „Förderzentrum für Flüchtlinge mit Ausbildungsvorbereitung“ nennen dürfen. Zwei Klassen mit jeweils 20 Schülern gibt es dort seit September. Und wenn auch das erste offizielle Zwischenfazit erst im Januar gezogen werden soll, so kann Ute Dreser für sich und ihre Schule bereits jetzt feststellen, dass das Projekt ein Erfolg ist.

Hauptschulabschluss im Blick

Das liege vor allem an Haias und den anderen Teilnehmern. „Sie sind ganz hoch motivierte Menschen, die aufgrund ihres schon etwas höheren Alters und ihrer Lebenserfahrung sehr zielgerichtet an die Sache herangehen“, berichtet die Schulleiterin im Gespräch mit unserer Zeitung. „Sie drängen darauf, ihr Wissen zu erweitern und auch in der Praxis anwenden zu können.“

Darum geht es dann auch bei dem Projekt, das darauf abzielt, erwachsenen Flüchtlingen zwischen 18 und 25 Jahren innerhalb eines Jahres die Befähigung für den Hauptschulabschluss zu vermitteln und ihnen zudem mit Hilfe eines kooperierenden Trägers die Möglichkeit zu bieten, Praxiserfahrungen in einem für sie passenden Berufsfeld zu sammeln.

„Man hatte gemerkt, dass die Menschen in dieser Altersklasse grundsätzlich durch das Netz fallen. Viele von ihnen dümpelten, weil sie nicht mehr schulpflichtig sind, ohne Beschäftigung in ihren Unterkünften herum“, berichtet Dreser.

Das wollte und will das Land mit der neuen Maßnahme ändern. Bei der Suche nach einer geeigneten Einrichtung in unserer Region wurde es an der Neuköllner Straße in Aachen fündig. „Wir decken den kompletten Technikbereich ab, sind das einzige Berufskolleg für Bautechnik in der Städteregion und haben zudem ein sehr gutes Netzwerk mit den Betrieben“, nennt die Leiterin die Referenzen ihrer Schule, die sich schnell auch bis zu den Verantwortlichen des Arbeits- und des Schulministeriums herumgesprochen hatten.

Nicht minder zügig reagierte Ute Dreser ihrerseits dann auf die Anfrage aus Düsseldorf – mit einem klaren „Ja“ und großem Ehrgeiz: „Ich hoffe, dass es viele Flüchtlinge schaffen werden, ins duale System zu kommen. Wir bieten ihnen die große Chance, sich darauf vorzubereiten.“

Keine sichere Bleibeperspektive

Zwei Tage in der Woche werden sie an der Mies-van-der-Rohe-Schule unterrichtet, um am Ende der zwölfmonatigen Maßnahme den Hauptschulabschluss (Klasse 9) machen zu können. Drei Tage verbringen sie bei einem privaten Träger – im konkreten Fall die in Aachen ansässige Firma TBK-Development –, der ihnen zunächst eine Berufsorientierung und dann die praktische Einführung (oder Vertiefung) in verschiedene Gewerke bietet. Dazu gehört auch die Vermittlung von Praktika.

An diesem Punkt offenbart sich allerdings eine Schwachstelle des Systems. Denn das Pilotprojekt ist konzipiert für junge Flüchtlinge „mit geringer Bleibeperspektive“, deren Asylverfahren noch läuft oder die lediglich geduldet werden. „Deshalb besteht während des gesamten Jahres die Möglichkeit, dass sie abgeschoben werden. Das macht die Suche nach Partnerunternehmen nicht einfacher. Und natürlich belastet das die Betroffenen“, erklärt Ute Dreser.

Immerhin aber sei ein solcher Fall bis dato noch nicht eingetreten. Und die Schulleiterin zeigt sich zuversichtlich, dass das auch bis zum Ende des Schuljahres so bleiben wird. Aus ihrer Sicht haben die meisten der 50 Teilnehmer, auf deren Auswahl Dreser im Übrigen keinen Einfluss hatte, weil sie von der Agentur für Arbeit zugewiesen werden, sehr wohl sehr gute Bleibeperspektiven. Und sollte es am Ende dann doch so kommen, dass jemand Deutschland wieder verlassen muss, ist Ute Dreser zuversichtlich, „dass er etwas mitnimmt in sein Heimatland, das ihm dort weiterhelfen wird“.

Im Januar also steht die Evaluation mit der Bezirksregierung an. Neben ihrer insgesamt sehr positiven Bewertung will sich die Leiterin der Mies-van-der-Rohe-Schule dann auch mit einigen kritischen Aspekten einbringen. „Den Hauptschulabschluss innerhalb eines Jahres zu ermöglichen, das ist schon eine Mammutaufgabe“, lautet ihre Erkenntnis. „Wünschenswert wären zwei Jahren, damit würden die Erfolgsaussichten deutlich steigen.“

Auch die personelle Ausstattung ist aus Dresers Sicht verbesserungswürdig. Entsprechend der Schüler-Lehrer-Relation wurde dem Berufskolleg eine zusätzliche Stelle für die beiden Klassen gewährt. Wöchentlich sind jeweils zwölf Stunden vorgesehen. „In der Praxis machen wir aber 16 Stunden pro Klasse“, betont die Leiterin, dass aufgrund des sehr unterschiedlichen Sprach- und Fachwissensstandes und der dadurch bedingten Heterogenität der Gruppen eine starke Binnendifferenzierung erforderlich sei.

Die kommt auch Haias zugute. Doch damit nicht genug: Wie er bleiben viele seiner Mitschüler nach dem Ende des Unterrichts noch in der Schule, um weiter zu lernen. „Ihre Motivation ist wirklich bemerkenswert“, freut sich Ute Dreser über das Engagement der ausschließlich männlichen Teilnehmer. Auch die Integration innerhalb und außerhalb der Schule sei äußerst lobenswert. „Wir haben bisher nur positive Erfahrungen gemacht.“

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