Pflegepersonal am MZ schlägt Alarm

Von: Elisa Zander
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Umstrukturierung innen und außen: Am Betriebsteil Marienhöhe entsteht derzeit der Neubau. 40 Millionen Euro werden investiert. Der Rohbau soll im Frühjahr 2013 fertig werden, 2014 soll das Gebäude dann in Betrieb genommen werden. Foto: Elisa Zander

Würselen. Ist das Medizinische Zentrum der Städteregion (MZ) an einem Beinahezusammenbruch der Pflege vorbeigeschrammt? Nach der Aussage des Betriebsratsvorsitzenden André Alzer ist das so. Durch das fehlende Personal könne man nicht ausschließen, dass man sich am Rande der „gefährlichen Pflege“ bewege, sagt Alzer. Die Mitarbeiterzahl sei „grenzwertig“.

Das sieht auch Harald Meyer, Gewerkschaftssekretär bei Verdi und im Bezirk Aachen/Düren/Erft zuständig für den Fachbereich Gesundheit, so: „Die Situation ist von der Personalseite betrachtet katastrophal. In vielen Abteilungen ist die Belastung enorm.“

Über Jahre hinweg habe sich das Personalproblem im Bereich Pflege aufgebaut, erzählt Alzer, jetzt explodiere es: Eine examinierte Krankenschwester sei alleine für eine Station mit 30 Betten verantwortlich. Die Orthopädie sowie die geriatrische Station wurden zeitweise geschlossen, letztgenannte laut André Alzer, Betriebsratsvorsitzender des MZ, mangels Personal. Viele Nachtdienste reihen sich für das Personal aneinander. Der Krankheitsstand liegt, so Meyer, zwischen 20 und 30 Prozent. Mitarbeiter seien absolut unzufrieden mit ihrem Job, suchten nach anderen Einrichtungen, in denen sie arbeiten können.

Etwa 1500 Mitarbeiter bei 1030 Vollzeitstellen gibt es derzeit am MZ, darunter sind 448 Vollzeit-Planstellen in der Pflege vorgesehen. Besetzt sind davon nur 438,1. Der Wirtschaftsplan für 2013 sieht 422 Vollzeitstellen für die Pflege vor. 2011 waren es 461. „Da wurde uns vorgehalten ‚Ihr seid zu teuer‘“, erinnert sich Alzer an Gespräche mit Geschäftsführung und Aufsichtsrat.

Ihre Situation schilderten acht Stations- und Bereichsleiter des MZ Helmut Etschenberg, Städteregionsrat und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des MZ, in einem Brief, der auch der Redaktion vorliegt. „Was hier in den letzten Wochen passiert, ist in Worte kaum zu fassen“, heißt es darin. Die Betroffenen wollen, dass Etschenberg ihnen hilft, sie in ihrer Situation unterstützt. Doch mit ihnen ist er bislang nicht in Kontakt getreten, erzählt er auf Nachfrage. „Ich halte es für richtig, wenn die Zeit da ist, ein persönliches Gespräch zu führen. Ich wollte die Aufsichtsratsitzung abwarten.“

Die war am vergangenen Dienstag. Dort sei die Gesamtsituation besprochen worden, darunter auch der Krankheitsstand. „Die Fehlzeiten in der Pflege sind differenziert zu betrachten. Es gibt viele Langzeiterkrankte. In diesen Fällen werden wir eine zeitlich befristete Besetzung der Stellen vornehmen.“ Weiterhin soll spätestens zum 1. Februar Klaus Böckmann als neuer Pflegedirektor seinen Dienst aufnehmen, der aus einer Klinik in Wesseling an das MZ wechselt.

Zuvor war der Pflegedirektor Winfried Königs gegangen. „Herr Königs hat sich vor uns als Mitarbeiter gestellt und so seine Stelle offensichtlich verloren“, schreiben die Verfasser in ihrem Brief. „Er hat uns gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass der Grund seiner Kündigung Herr Bostelaar ist.“ Gemeint ist René Bostelaar, seit April Geschäftsführer des MZ. Er sagt: „Herr Königs hat sehr plötzlich um die Auflösung seines Vertrags gebeten. Das ist bedauerlich für uns.“ Königs habe „unbedingt früher gehen“ wollen, um eine Stelle in Lörrach anzunehmen, so Bostelaar.

Der jetzige Geschäftsführer war vorher unter anderem in Görlitz tätig. Dort und an der Uni-Klinik Köln hat er die Konzepte des „Patientenservice“ und „Case Managements“ eingeführt. Der Patientenservice sieht vor, dass „Servicehelfer“, umgeschulte, billigere Kräfte, verschiedene Aufgaben von ausgebildeten Pflegekräften übernehmen, etwa Tabletts verteilen oder Hilfe beim Toilettengang bieten. Hoch qualifizierte Pflegekräfte sollen als „Case Manager“ Ärzte im organisatorischen Bereich entlasten. Ab Januar wird das „Case Management“ auch in einer Pilotphase am MZ umgesetzt.

Es ist der Beginn eines Reorganisationsprozesses im Bereich Personal, erläutert Bostelaar, der vor dem Hintergrund des Neubaus stattfindet, mit dem sich das Krankenhaus um 100 Prozent vergrößert. In dem Rahmen könnte sich der Geschäftsführer auch vorstellen, den Pflegeservice einzuführen. „Das sind extreme Veränderungen“, sagt er. „Da greift man in Teams ein, die im Krankenhaus sehr ritualisiert arbeiten.“ Mit einer Veränderung gebe es „immer Mehr-Arbeit, da muss man sich erst an neue Abläufe gewöhnen“. Es seien Konzepte, die bei anderen Häusern, wie dem Uni-Klinikum Aachen, „schon lange implementiert sind. Man hat mich geholt, um neue Ansätze für das Unternehmen einzuführen.“

André Alzer bestätigt, dass die Geschäftsführung der Ansicht sei, dass die Fachquote (Quote der dreijährig ausgebildeten, examinierten Pflegekräfte) zu hoch ist. Die liege im Haus durchschnittlich bei etwa 90 Prozent, „bei Vergleichskrankenhäusern ist die Quote deutlich niedriger“. Das solle nun angeglichen werden. Doch Etschenberg sagt: „Herr Bostelaar ist nicht eingestellt worden, um Personal zu reduzieren, sondern um das Krankenhaus zukunftsfähig zu machen.“

Bei der Altenpflege liegt die Untergrenze der Fachkräftequote bei 50 Prozent, eine solche gibt es bei der Krankenpflege nicht. „Da wird gesagt, wir haben zu viele Fachkräfte, ohne dass irgendjemand festlegt, was die Mindestquote ist“, sagt Alzer. Die 50 Prozent werden von der Heimaufsicht kontrolliert, „eine Krankenhausaufsicht gibt es nicht“. Schon jetzt führe das zu einer „extremen Arbeitsverdichtung“, sagt Harald Meyer. Er und auch André Alzer sehen auch in dem Neubau am Betriebsteil Marienhöhe ein großes Problem. „Der Neubau ist absolut notwendig“, sagt Meyer.

„Aber jetzt will man Baustellen mit Planstellenabbau finanzieren.“ „Die Krux daran ist“, so Alzer, „dass man eigentlich Geld von den Krankenkassen für die Patientenbehandlung bekommt. Der Aufsichtsrat gibt aber vor, dass man damit Gewinne erwirtschaften soll. Das ist bei sämtlichen Krankenhäusern so, und das geht nur über das Personal.“ Und so lasten sich die Mitarbeiter immer mehr auf. „Die Menschen sollten lernen, unbescheiden zu sein und an sich zu denken“, sagt Meyer. „Sie machen eine tolle Arbeit, die honoriert werden soll.“

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