Pflegeberufe bieten eine neue Perspektive

Von: Michael Grobusch
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Die Arbeitsmarktförderungsgesellschaft Low-Tec will Menschen mit fehlenden Abschlüssen für den Pflegesektor qualifizieren. Dort gibt es einen zunehmenden Mangel an Fachkräften. Foto: Stock/Jochen Tack
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Die Absolventen der „Grundqualifizierung Pflege“ können jetzt in ein Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis vermittelt werden. Foto: M. Grobusch

Städteregion. Im Neudeutschen könnte von einer „Win-Win-Situation“ die Rede sein. Doch das wird der Sache nur bedingt gerecht. Denn ob die Teilnehmer des Qualifizierungsprojektes, das die gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft Low-Tec mit Unterstützung des Europäischen Sozialfonds angestoßen hat, tatsächlich zu den Siegern zählen, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.

Fest steht hingegen schon jetzt, dass sie mit der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zum Pflegedienst- und Betreuungshelfer bzw. zur -helferin einen wichtigen Schritt in Richtung einer gesicherten Zukunft gemacht haben und den händeringend nach Fachkräften suchenden Arbeitgebern ab sofort zur Verfügung stehen. Nun müssen sich beide Seiten noch finden.

„Sie haben einen wunderbaren Beruf gewählt“, stellte Pflegeleiterin Marita Dohr überzeugt fest, als sie den 15 Absolventen des ersten Kurses am Low-Tec-Standort in Eschweiler jetzt die Zertifikate überreichte. Nach 346 Unterrichtseinheiten und 280 Stunden Praktikum sind die Frauen und Männer gut vorbereitet auf den Einstieg in den Beruf.

„Aufgrund des demografischen Wandels wird die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark ansteigen. Und auf der anderen Seite führen Geburtenrückgang und Kinderlosigkeit dazu, dass immer weniger Fachkräfte für pflegebedürftige Menschen zur Verfügung stehen“, zeigte Projektleiterin Marion Klein-Bojanowski die gegenläufigen Entwicklungen auf.

Diesen will Low-Tec entgegenwirken und hat deshalb im vergangenen Herbst das Projekt „Kubig“ ins Leben gerufen. Die Abkürzung steht für die sperrige Bezeichnung „Kultursensible Berufsqualifizierung und Integration im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe“.

Was das bedeutet, erläutert Geschäftsführer Peter Brendel: „Unser Ziel ist, dass Menschen trotz schlechter oder fehlender Schulabschlüsse, Migrationshintergrund oder sonstiger sozialer Schwierigkeiten eine Chance erhalten, sich im Pflege- und Gesundheitssektor zu erproben, und über eine stufenweise Heranführung eine Qualifizierung oder Ausbildung absolvieren können.“ Die „Grundqualifizierung Pflege“, die die 15 Teilnehmer absolviert haben, bietet dazu eine Möglichkeit.

Eine weitere kombiniert die Ausbildung zum Pflege- und Betreuungshelfer mit dem Erwerb des Hauptabschlusses. Und vor allem für Migranten ist der Kurs „Deutsch und Pflege“ konzipiert, bei dem neben der fachlichen Qualifikation auch fundierte Deutschkenntnisse erworben werden. Low-Tec hat damit gleich für drei Initiativen den Zuschlag vom Europäischen Sozialfonds für die Jahre 2015 bis 2019 erhalten. Insgesamt werden in Nordrhein-Westfalen derzeit 23 Projekte im Bereich der Berufsqualifikation für benachteiligte Menschen gefördert.

Das sind Menschen wie Christine Küpper. „Ich hatte viele familiäre Probleme und große Schwierigkeiten mit meiner Wohnung“, erzählt die junge Frau, ohne ins Detail gehen zu wollen. „In der Vergangenheit war es insgesamt nicht einfach für mich.“ Bei den meisten ihrer Kurskollegen sieht das nicht anders aus. „In der Regel liegt es nicht an der Eignung, sondern an den privaten Umständen, die eine Teilnahme erschweren oder sogar zum Abbruch der Qualifizierung führen“, weiß Sandra Sauer-Becker.

Sie hat den Premierenkurs in Eschweiler geleitet und war, wie sie sagt, in den fünf Monaten „nicht nur als Ausbilderin und Jobmanagerin gefragt, sondern auch als persönliche Ratgeberin. Die Herausforderung war, ganz verschiedene Menschen zu einem Team zu formen.“ Neun Nationalitäten und Kulturzugehörigkeiten fanden in dem Kurs zusammen, jeder der 15 Teilnehmer brachte seine eigene, oftmals stark belastende Vorgeschichte mit. Hier kam der „kultursensible“, interkulturelle Ansatz der Maßnahme zum Tragen.

Bei der Abschlussfeier präsentierte sich die Absolventengruppe als verschworene Gemeinschaft – und mittendrin Sandra Sauer-Becker, die von allen einfach nur „Mutti“ genannt wird. Da floss auch manche Träne, als es Abschied nehmen hieß. Dabei sind die Perspektiven für die jungen Leute durchaus erfreulich. „Sie verfügen über viel Potenzial und werden bei der Jobsuche bestimmt alle fündig“, ist Peter Brendel zuversichtlich.

Am 4. April wird der nächste Kurs in „Grundqualifizierung Pflege“ starten, diesmal in Teilzeit, um auch der Nachfrage von Interessenten mit familiärer Verpflichtung gerecht werden zu können. Außerdem wird ab Oktober erstmals in Eschweiler die Qualifizierungskombination Hauptschulabschluss und Pflege angeboten. In beiden Fällen dürften die meisten Teilnehmer den Weg wieder über das Jobcenter der Städteregion zu Low-Tec finden.

„Die Zusammenarbeit ist hervorragend“, stellen Marion Klein-Bojanowski und Jürgen Schoenen, Leiter der Geschäftsstelle Eschweiler, übereinstimmend fest. In Einzelgesprächen versuchen die Fallmanager herauszufinden, ob der Pflege- und Gesundheitssektor etwas für ihre Kunden sein könnte. Bei einer positiven Einschätzung greift die Kooperation mit Low-Tec. Auch nach der Vermittlung arbeiten beide Seiten Hand in Hand. „Wir bleiben während der Maßnahme im engen Kontakt mit den Teilnehmern“, betont Schoenen.

Das ändert sich erst, wenn nach dem Anschluss die Vermittlung in ein Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis gelungen ist, wenn sich Arbeitsuchender und suchender Arbeitgeber also gefunden haben. Dann tritt sie tatsächlich ein, die Win-Win-Situation.

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