Petö-Training: Wie Körperbehinderte lernen, ihren Alltag zu meistern

Von: Marc Heckert
Letzte Aktualisierung:
Petö Therapie Stolberg
Körperliche Übungen gehören zum Programm der Petö-Förderwoche beim Verein „Fortschritt Städteregion Aachen“. Die Konduktoren – links Szimonetta Ruppert, dahinter Kinga Mészáros, mit Jan, Laura und Délia (von vorn) – leisten fürsorgliche Hilfestellung. Foto: Marc Heckert

Städteregion Aachen. Was zuerst auffällt: Es wird gesungen. „Zusammen, zusammen“, singen die Trainerinnen im Raum. Die auf den Gymnastikmatten liegenden Kinder singen mit, während sie ihre Übungen machen: Rücken durchdrücken, Knie anziehen, auf die Seite rollen. Beim Petö-Training des Vereins „Fortschritt“ lernen Kinder mit Körperbehinderung, ihren Alltag selbst zu meistern.

Belege für den Erfolg der Therapie gibt es viele – doch weil die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen, ist es für betroffene Familien nicht immer einfach, ihre Kinder teilnehmen zu lassen.

Eine Woche lang haben jetzt 16 Kinder und junge Erwachsene mit unterschiedlichen Körperbehinderungen ein Intensivtraining absolviert. Es fand statt in den Räumen von „Fortschritt Städteregion Aachen e.V.“ gegenüber des Bethlehem-Krankenhauses in Stolberg. Es ergänzte die wöchentlichen Therapiestunden, die dort das ganze Jahr über angeboten werden. Die Teilnehmer im Alter zwischen vier und 32 Jahren kamen aus der ganzen Region.

Doch worum geht es überhaupt? Was hierzulande als „Petö-Therapie“ bekannt ist, heißt offiziell Konduktive Förderung, wurde 1950 von András Petö aus Ungarn entwickelt und ist eine Mischung aus Reha-Gymnastik, Sprachtraining, Persönlichkeitsbildung und praktischer Alltagshilfe.

„András Petö war sicher, dass auch ein geschädigtes Nervensystem noch Reserven hat“, erklärt Péter Sági. „Diese Reserven können wir aktivieren.“ Der 30-jährige Ungar ist ausgebildeter Konduktor – so heißen die zertifizierten Petö-Trainer – und zusammen mit neun Kolleginnen für das Training in Stolberg zuständig. Sechs davon sind eigens für die Förderwoche aus Ungarn gekommen.

Lebenspraktische Situationen

Beim Training, sagt Sági, werden lebenspraktische Situationen geübt, etwa Händewaschen, zur Toilette gehen oder Anziehen. Speziell entwickeltes Mobiliar und Trainingsgerät, darunter hölzerne Pritschen und Stühle mit Sprossenrückwand, helfen bei den Übungen wie Greifen oder Aufrichten. Doch es geht nicht nur um Muskeln, es geht auch um Sprache, Begreifen, Denken und Eigenständigkeit. „Kümmert euch um die Persönlichkeit“, habe András Petö gefordert, sagt Péter Sági. Darum werden in Rollenspielen Fantasie und Kreativität angeregt und in der Gruppe soziale Fähigkeiten geübt. Und es wird viel gesprochen und gesungen – Petö ist eine ganzheitliche Methode für Körper und Geist.

„Das Morgenprogramm beginnt traditionell mit einer Fußmassage mit Salbeiöl“, erklärt Marita Holper, Mitbegründerin und Vorsitzende des Vereins. „Das stimuliert den ganzen Körper.“ Es folgt ein Liegeprogramm: Rücken- und Bauchlage, über die Holzpritsche ziehen, an der Sprossenwand aufrichten. Vom Liegen geht es – je nach individuellen Fähigkeiten – ins Sitzen, vom Sitzen ins Stehen, vom Stehen schließlich ins Laufen. Wie viel Spaß das Training den Teilnehmern macht, ist ihnen anzusehen. „Die freuen sich auf die Förderwochen wie Schneekönige“, sagt Marita Holper.

Der Haken liegt beim Geld

Doch die Sache hat einen Haken, und der liegt wie so oft beim Geld. Denn: Petö-Training gibt es nicht auf Krankenschein, die Krankenkassen zahlen nicht dafür. Warum, erklärt Wolfgang Vogt, Vorsitzender des Bundesverbandes Konduktive Förderung nach Petö: „Heilwirkungen müssen statistisch relevant nachgewiesen werden, damit die Kassen die Kosten übernehmen.“

Um die Konduktive Förderung als verordnungsfähige Heilmethode anerkennen zu lassen, müsste sein Verband eine aufwendige Feldstudie mit zwei Testgruppen und doppelter Auswertung durch zwei unabhängige Gutachter durchführen lassen – „das kostet etwa drei bis fünf Millionen Euro“. Die hat der als Verein organisierte Bundesverband nicht.

Doch es gibt einen anderen Weg: Petö-Training kann als sogenannte soziale Rehabilitationsmaßnahme von den Sozialämtern finanziert werden. Dafür müssen die Betroffenen oder ihre Erziehungsberechtigten einen Förderantrag ausfüllen – was durchaus Fallstricke haben kann. „Es gibt Ämter, die lehnen so einen Antrag erst einmal ab“, weiß Verbandssprecher Vogt – sei es aus formalen oder inhaltlichen Gründen, Geldmangel der Stadt oder Unkenntnis des Sachbearbeiters. Er empfiehlt Betroffenen deshalb, sich beim Antragstellen kundige Hilfe zu holen.

Dann erzählt Vogt noch von seiner Tochter Viktoria, die drei Monate zu früh auf die Welt kam, mit schweren Hirnschäden: „Blind, ohne Sprache, kaum Bewegung.“ Mit fünf Jahren kam sie ans Petö-Training. Sie lernte zu sprechen, an Krücken zu gehen, eingeschränkt zu sehen. Heute sei die inzwischen 30-Jährige so selbstständig, dass sie regelmäßig auf Open-Air-Festivals fahre und in eine eigene Wohnung ziehen wolle. „Verholfen hierzu hat ihr die Konduktive Förderung“, ist Vogt überzeugt.

In der Städteregion Aachen brauchen Betroffene keine Angst zu haben: Die Förderanträge werden meist problemlos bewilligt, weiß Marita Holper. Der Verein ist dennoch auf ehrenamtliches Engagement und Spenden angewiesen, um den betroffenen Familien unbürokratisch helfen zu können. Der Zeitraum bis zur Genehmigung des Antrags muss überbrückt werden, der Verein leistet auch Rechtshilfe bei Problemfällen. „Wir sagen keinem Kind, du darfst nicht kommen‘, nur weil die Finanzierung noch nicht steht“, betont die Vorsitzende.

Altes Zahngold hilft

Über Spenden muss etwa die Anreise der Konduktoren aus Ungarn finanziert werden, die Ausstattung der Räume und die Erstuntersuchung der Kinder. Zu den regelmäßigen Förderern zählen, neben vielen privaten Einzelspendern, seit vielen Jahren die Firma West Pharmaceutical Services, die den Verein im vergangenen Jahr mit 7000 Euro und Sachspenden unterstützte, sowie der Lions Club Aachen Aquisgranum.

Letzterer spendet in diesem Jahr 10.000 Euro. Den Löwenanteil dieser Summe steuerten Zahnarztpatienten aus der Region bei, die ihr nicht mehr benötigtes Zahngold in die Sammeldosen des Lions Clubs in Aachener Zahnarztpraxen gaben.

Wunder kann die Konduktive Förderung nicht bewirken. Doch es sind die kleinen und großen Erfolge, die den Beteiligten immer wieder Mut machen. So wie dem 16-jährigen Luca Schaarschmidt, der seit sechs Jahren regelmäßig nach Stolberg kommt und nun auch zu den Teilnehmern der Förderwoche gehörte. „Nach dem ersten Tag hatte er so viel Selbstvertrauen“, schildert seine Mutter Heike, „dass er zum ersten Mal selbstständig ohne Hilfe die Außentreppe vom Parkplatz zur Straße hinauf gegangen ist“.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert