Naturschutzflächen: Städteregion kooperiert mit Wanderschäfern

Von: Michael Grobusch
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Im Dienste des Naturschutzes: Zahlreiche wertvolle Flächen, deren Bewirtschaftung sich nicht mehr lohnt, werden in der Städteregion von Schäfern und deren Herden gepflegt. Dafür gibt es vom Land und der EU eine Vergütung. Foto: Peter Stollenwerk
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Betreut die Wanderschäfer in der Städteregion: Herbert Theißen von der Biologischen Station. Foto: gro
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Im Dienste des Naturschutzes: Zahlreiche wertvolle Flächen, deren Bewirtschaftung sich nicht mehr lohnt, werden in der Städteregion von Schäfern und deren Herden gepflegt. Dafür gibt es vom Land und der EU eine Vergütung. Foto: Peter Stollenwerk

Städteregion. Sie sind wieder unterwegs, die Wanderschäfer in der Städteregion. Und weil in den Frühlingsmonaten viele Lämmer geboren werden, sorgt der Anblick der Herden in dieser Zeit für besonderes Entzücken. Und für so manches verklärte Bild.

Denn mit der nostalgisch-verträumten Vorstellung vom Schäferdasein, wie sie auch heute noch weit verbreitet ist, hat die Arbeit nichts (mehr) zu tun. „Schäfer sind die Ärmsten unter den Landwirten“, betont Herbert Theißen, und er weiß, wovon er spricht. Schließlich ist Theißen nicht nur stellvertretender Geschäftsführer der Biologischen Station der Städteregion, sondern in seinem zweiten (Teilzeit-)Job selber Schäfer. Ein ausgewiesener Fachmann also, der passenderweise bei der Biologischen Station für die Wanderschäfer und das dazugehörige Beweidungskonzept zuständig ist.

Derzeit gibt es drei solcher Schäfer im Bereich der Städteregion. Sie sind schon lange dabei und haben deshalb auch die Anfänge des Vertragsnaturschutzes erlebt, den der damalige Kreis Aachen 1999 für sein Gebiet eingeführt hat. Das Konzept zielt darauf ab, eine sogenannte Win-Win-Situation zu schaffen. Was konkret bedeutet: Mit der Beweidung von Naturschutzflächen erhält der Schäfer Zugang zu Futter und Zuschüssen. Die Städteregion wiederum kann die Pflege zahlreicher geschützter Gebiete sicherstellen – zuverlässig und zu einem weit niedrigeren Preis, als dies beim Einsatz von Mensch und Maschine der Fall wäre. Rund 150 Hektar, überwiegend in Eschweiler, Stolberg und der Eifel sowie vereinzelt im Nordkreis, werden auf dieser Basis unterhalten. Es handelt sich fast ausschließlich um öffentliche Flächen, deren wirtschaftlicher Nutzen gering ist, die unter dem Aspekt des Naturschutzes aber einen hohen Wert besitzen.

Auf den Struffelt unweit von Rott trifft dies beispielsweise zu. Die Heide- und Moorlandschaft dient vielen seltenen Tieren als Brutrevier und weist zudem eine außergewöhnliche Flora auf. Doch würde man der Natur hier freien Lauf lassen, wäre es damit bald vorbei. Der Einsatz des Wanderschäfers mit seiner Herde stoppt die Entwicklung zum Wald und hält das Gebiet in seinem Ist-Zustand. Allerdings stoßen die Schafe am Struffelt auf sehr karge Verhältnisse. „Hier wächst überwiegend Pfeifengras, das auf der Grünwertskala ganz unten rangiert“, erklärt Herbert Theißen. Außerdem bringen die Auflagen des Naturschutzes erhebliche Einschränkungen mit sich. „Am Struffelt beispielsweise ist eine Beweidung nie vor Ende Juni möglich.“ Die Hauptvegetationsphase ist zu diesem Zeitpunkt schon beendet. Hier wie auch in vielen anderen Fällen müssen die Wanderschäfer deshalb zwischenzeitlich auf alternative Flächen ausweichen. Oft sind dies Grünflächen in Gewerbegebieten, für die weniger strikte Regeln gelten, und manchmal werden Wiesen von Bauern gepachtet. Über eigenes Land verfügen Wanderschäfer in der Regel kaum.

Dass das Prinzip des Vertragsnaturschutzes trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen funktioniert, liegt nach Ansicht von Herbert Theißen ausschließlich an den Prämien, die als Gegenleistung gezahlt werden. Zum einen gibt es Fördergelder für den Vertragsnaturschutz vom Land Nordrhein-Westfalen – in diesem Jahr rund 380 Euro pro Hektar und Jahr. Weitere 280 Euro steuert die Europäische Union als sogenannte Bewirtschaftungsprämie bei.

„Ohne diese Gelder gäbe es keine Wanderschäfer mehr“, ist Theißen sicher. Denn die Erträge aus der Viehwirtschaft halten sich in engen Grenzen. Eine Eigenvermarktung der Tiere ist mit viel Aufwand verbunden und deshalb für die meisten Schäfer nicht zu bewältigen. So bleibt oftmals nur der Verkauf von größeren Stückzahlen an Zucht- und Schlachtbetriebe, bei der die Marge für den Schäfer deutlich bescheidener ausfällt.

Und was ist mit dem Verkauf der Wolle? „Die ist völlig unrentabel“, stellt Theißen klar. „Pro Tier habe ich Einnahmen von etwa zwei Euro. Dem Scherer muss ich aber 2,50 Euro zahlen.“ Die Herden der Wanderschäfer in der Städteregion umfassen nach Verwaltungsangaben im Durchschnitt 800 Mutterschafe – plus 400 bis 500 Lämmer.

Die Bestandteile des Vertragsnaturschutzes sind auf Basis des Beweidungskonzeptes grundsätzlich geregelt – zwischen dem Landwirt und der unteren Landschaftsbehörde im Umweltamt der Städteregion. Den regelmäßigen Kontakt zu den Wanderschäfern halten derweil die in Stolberg ansässigen Experten der Biologischen Station. „Außerdem machen wir das Monitoring, behalten die Flächen im Blick und stellen Pflege- und Entwicklungspläne auf“, erläutert Herbert Theißen.

Eine wesentliche Ausdehnung der so gepflegten Naturschutzgebiete erwartet der stellvertretende Geschäftsführer übrigens nicht. Theißen sieht die Städteregion da sehr gut aufgestellt. Außerdem bezweifelt er, dass sich weitere Wanderschäfer finden ließen. „Das ist ein sehr hartes Metier.“ Ganz anders eben als das Bild vom idyllisch-schönen Schäferleben.

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