Modellprojekt: Das Leben mit Behinderung verstehen lernen

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Ein Dame-Spiel der anderen Art
Ein Dame-Spiel der anderen Art: Kevin, Erion, Mert, Marina, Erik und Kemal (von links) finden die neue Erfahrung toll. Mert muss dabei ohne den Einsatz seiner Hände zurechtkommen. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. „Du kannst einen Arm nicht gebrauchen und musst deine Schuhe zuschnüren. Probiere das mal. Das ist lästig.” An einer anderer Stelle lautet die Aufgabe: „Setze eine dunkle Brille auf und probiere mit einem Blindenstock zu laufen.”

Wie es ist, mit einer Behinderung zu leben, probieren zurzeit Mädchen und Jungen der Stolberger Realschule I aus.

Neben Aufklärung und Information steht für die Schüler der 6. und 7. Klasse das Erleben im Vordergrund des außergewöhnlichen Kooperationsprojekts von Behinderten und Nicht-Behinderten. Indem Behinderung erfahrbar gemacht wird, soll das Projekt nachhaltig für mehr Normalität sorgen. Die niederländische Stiftung „GIPS” (Gehandicapten Informatie Project Scholen) aus Kerkrade hat bereits vor über 20 Jahren das Projekt zur Unterstützung der Inklusion behinderter Menschen aufgelegt und seither mit Erfolg umgesetzt.

Der Behindertenbeauftragte der Städteregion, Hartmut Buchbinder, hat die Initiative mit „GIPS” und weiteren Partnern der Arbeitsgemeinschaft Behindertenhilfe und dem Euregio Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit aus Düren in die Region geholt. „Bei Aufenthalten in der niederländischen Grenzregion fiel mir auf, dass man dort den Behinderten mit mehr Selbstverständnis begegnet. Als ich dann von GIPS gehört habe, war ich davon überzeugt, dass wir diese Art der Aufklärung und Information in die städteregionalen Schulen bringen müssen”, erklärt Buchbinder. „Und wir leisten Pionierarbeit, denn wir sind die erste Schule, an der das Projekt durchgeführt wird”, erklärt die zweite Konrektorin der Schule, Petra Mersmann.

Das international prämierte „GIPS - Spielen und Lernen” bietet ein modulares Schulungsprogramm unter Mitwirkung von Menschen mit Behinderung. Das Konzept besteht aus drei Teilen. Vorab wird ein Orientierungsgespräch mit der Schule geführt. Im zweiten, praxisbezogenen Teil werden in spielerischer Form Aspekte und Informationen über das Leben mit einer Behinderung vermittelt. Hierbei kommen auch praktische Hilfsmittel wie Rollstühle und Blindenstöcke zum Einsatz, die die Kinder ausprobieren können.

„Es fühlt sich ganz schön doof an, nichts sehen zu können”, sagt der elfjährige Kevin, nachdem er die dunkle Brille und den Blindenstock wieder abgelegt hat. Marina dagegen fühlt sich wohl, als sie mit dem Rollstuhl Slalom um Stühle fährt. „Das ist toll”, findet die Elfjährige, dann wird sie kurz nachdenklich und sagt: „Meine Freundin sitzt im Rollstuhl, dauerhaft würde ich nicht darin sitzen wollen.” Und auch Mert grinst zwar bis über beide Ohren, als er sich mit dem Blindenstock durch die Halle tastet, fühlt sich in Wirklichkeit aber „ganz schön komisch - und unsicher”. Hilfe bekommen die Schüler von denjenigen Frauen und Männern, für die es normal ist, im Rollstuhl zu sitzen, nichts sehen zu können oder sich mit nur einer Hand die Schnürsenkel zu binden.

Im dritten, theoretischen Projektteil, kommen Kinder und die behinderten Mitarbeiter der Stiftung zusammen. Die Ehrenamtler berichten aus ihrem Alltag und beantworten die Fragen der Klasse.
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