Merlitt, Prada und die Kraft der Empathie

Von: Carsten Rose
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Harmonisches Trio: die kleinwüchsige Merlitt Mause, ihr Trainer Bernd Boden und die American-Quarter-Horse-Stute Golden by Nite, die wegen ihrer Diven-Attitüde Prada genannt wird. Foto: Carsten Rose
Pferde
Mutter und Tochter: Irmgard Mause hat ihre Tochter früh durch eine Hippotherapie in Kontakt mit Pferden gebracht. Foto: Carsten Rose

Städteregion. Merlitt Mause ist mit Pferden aufgewachsen, ein Leben ohne die Tiere kennt sie nicht. Es ist also nicht verwunderlich, dass ihre Leidenschaft dem Reiten gilt, genauer gesagt: dem Westernreiten. Das sei viel leichter als Dressur- oder Springreiten, sagt sie, man könne viel mit der Stimme machen. Beim Westernreiten gibt der Reiter dem Pferd viel weniger Impulse. Für Merlitt Mause ist es wichtig, dass sie wenig Muskelkraft aufwenden muss, denn sie kann und darf das nur eingeschränkt. Die 22-jährige Aachenerin ist kleinwüchsig.

Reiten sei für sie ein Geschenk, Merlitt sei dankbar, dass die Tiere sie auf ihrem Rücken tragen. Das sagt Mutter Irmgard über ihre Tochter. Und: „Sie hat viel von den Pferden profitiert.“ Wer beobachtet, wie die 1,42 Meter große junge Frau die Pferde in der Box behandelt, der sieht, wie einfühlsam sie mit den Tieren umgeht: Mause streichelt sie am seitlichen Hals mit dem Rücken des Zeigefingers, langsam, zart, dazu ein paar leise Worte, Augenkontakt. Sie behandelt die Vierbeiner so, wie diese sie behandelt haben. Hört man Merlitt Mauses Geschichte, wird klar, warum sie solch eine enge Beziehung zu den Pferden hat.

Merlitt Mause ist als extremes Frühchen zur Welt gekommen, wog nach der Geburt nur 525 Gramm, ihre Wirbelsäule ist stark verkrümmt. Ihre Mutter Irmgard Mause, 59 Jahre alt, war ein halbes Jahrhundert auf Pferden unterwegs, sie ritt Dressur. Heute kann sie es nicht mehr, weil die ehemalige Lehrerin wegen einer Nervenerkrankung und eines Unfalls seit drei Jahren im Rollstuhl sitzt. Mutter Mause hat ihre Tochter früh mit den Pferden in Verbindung gebracht: „Ich habe alles versucht, das Kind auf die Beine zu bekommen“, sagt sie.

Mit einer Hippotherapie als Physiotherapie, also dem therapeutischen Reiten, fing alles an, auf einem Pony. Das half Merlitt Mause – und machte auch noch Spaß. „Mit sieben habe ich dann angefangen, richtig zu ,reiten‘“, sagt sie und malt dabei hörbare Anführungszeichen in die Luft, denn richtig reiten war ihr schließlich nicht möglich. Aber spazieren gehen auf den Pferderücken, das war schön, das hat gereicht. Der Schritt zum Westernreiten kam im Alter von zwölf Jahren, ab und an hat sie sich darin versucht. Vor zwei Jahren dann hat sie einen Trainer gesucht, Merlitt Mause wollte mehr aus ihrer Leidenschaft machen. Der Tipp eines Hufschmiedes führte sie zur Westernreitschule von Bernd Boden in Erkelenz. Mauses Beziehung zu den Pferden bekam einen neuen Impuls.

Bernd Boden trägt Cowboystiefel und Bluejeans, Hemd, Weste und einen schwarzen Cowboyhut auf seiner Glatze. Was zu einem echten Cowboy fehlt, ist das aufbrausende Temperament, die raue Gangart. Boden wirkt stets entspannt, lächelt ansteckend sympathisch, ist auf dem Reitplatz extrem geduldig. Er trainiert Pferde und Reiter seit 25 Jahren, ist aber nicht speziell für Therapien ausgebildet. Sein Naturell scheint aber Qualifikation genug zu sein.

„Die Chemie stimmt einfach. Wenn ich anders auf dem Pferd sitze oder anders atme, dann merkt er das direkt“, sagt Merlitt Mause über ihren Trainer. „Er kann nicht nur gut reiten, sondern er kann es auch richtig vermitteln.“ Und Irmgard Mause sagt über den Trainer ihrer Tochter: „Bernd Boden ist mit Kopf, Herz und Hand dabei. Ich sehe eine Parallele zu Merlitt: Er ist sehr empathisch, immer ehrlich zu Reiter und Pferd, und bringt einen nie in Versuchung, Dinge zu machen, die man nicht leisten kann.“

Ehrgeizig und perfektionistisch

Bei Merlitt Mause wäre das fatal: Wenn sie die Kontrolle über die gut 500 Kilogramm unter ihrem Sattel verliert, kann sie es mit Muskelkraft nicht wettmachen. Übereifer ist auch nicht Mauses Ding – der passt so wenig zu ihr wie ein Wutanfall zu Bernd Boden. Die Sicherheit steht für Boden an erster Stelle, schließlich seien Pferde keine großen Dackel, die niemandem etwas antun würden. Sie seien Fluchttiere, also gefährlich. Auf Merlitt reagieren seine Pferde sehr sensibel, sagt Boden. Auch da stimme die Chemie – Mause strapaziere weder ihre noch die Möglichkeiten der Tiere. „Man muss sie nicht bremsen, aber sie ist eine ehrgeizige Schülerin und eine Perfektionistin auf dem Pferd“, sagt ihr Trainer. Sie denke oft zu kompliziert, um 45 Ecken. „Selbst wenn das Pferd mal einen Fehler macht, sucht sie den Fehler bei sich.“

Sie wolle alles schön machen, sagt ihr Trainer, und das sagt Merlitt Mause auch selbst über sich. „Ich möchte dem Pferd die Möglichkeit geben, das Beste zu zeigen“, sagt sie. Wenn ein Ritt also schön war, war es nicht ihre Leistung, sondern nur die des Pferdes.

Vergangene Woche ist Merlitt Mause in der Aachener Soers bei der Q 16, Europas größtem Westernreiten-Turnier, angetreten. Sie startet in der EWD-Klasse für Reiter mit einer Behinderung – sie hatte jedoch nur zwei Konkurrenten aus Niedersachsen. EWD-Turniere kommen selten zustande, unter anderem hapert es an der Logistik, weil die Reiter teilweise mehrere Betreuer bräuchten.

Auf der zehnjährigen American-Quarter-Horse-Stute Prada, die eigentlich Golden by Nite heißt, aber wie die Modemarke genannt wird, weil sie eine richtige Diva ist (Boden: „Sie weiß, dass sie hübsch ist, und so will sie auch behandelt werden.“), gewann Merlitt Mause eine Prüfung, die Western Horsemanship. In der Gruppenprüfung Western Pleasure wurde sie Zweite. Es war überhaupt erst ihr zweites Turnier und das erste auf Prada. Beide hatten nur anderthalb Wochen Zeit gehabt, sich aneinander zu gewöhnen. Das ist bei kleinwüchsigen Menschen eine andere Situation, weil das Pferd aufgrund der kürzeren Beine der Reiterinnen die Informationen der Fußberührungen anders interpretiert.

„Pferde manchmal wie Fußballer“

„Prada hat das sehr gut gemacht! Wir haben nicht damit gerechnet“, sagt Mause strahlend über das Wochenende. „Pferde sind ja auch manchmal wie Fußballer: Mal haben sie Bundesliga-, mal nur Kreisliganiveau. Prada hat sich zum Glück für die Bundesliga entschieden.“ Mause wäre sicher auch über zwei dritte – also letzte – Plätze nicht traurig gewesen. „Das Gewinnen ist nicht das Wichtigste für mich, sondern das Miteinander. Das Pferd soll sich wohlfühlen“, sagte sie vor dem Turnier.

Ehrgeizigen, selbstbewussten Menschen oder Turniersportlern nimmt man die floskelartig anmutende Einstellung selten ab. Bei Merlitt Mause ist das anders. Nicht, weil sie nicht ehrgeizig oder nicht selbstbewusst wäre– ganz im Gegenteil –, sondern, weil nicht alles in ihrem Leben so harmonisch läuft wie die Beziehung zwischen ihr und den Pferden.

Ihre Ausbildung zur Bankkauffrau musste sie abbrechen, weil sie eine Art Schlaganfall erlitten hat; sie saß auch im Rollstuhl. Sie darf nicht lange am PC arbeiten, geschweige denn lange stehen – nächstes Jahr wäre sie fertig gewesen. Als Merlitt Mause das erzählt, scheint es nicht so, als würde sie mit dem Schicksal hadern. Die Zukunft ist doch schöner: Im November beginnt sie in Aachen eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. „Ich will Menschen helfen“, sagt sie, „ich helfe Menschen gerne.“ Und wenn sie mal ein eigenes Pferd haben sollte, möchte sie arbeiten wie Bernd Boden. Nicht professionell, nur bei privaten Anfragen.

„Ich möchte auch anderen Menschen mit Behinderung zeigen, was sie erreichen können“, sagt Merlitt Mause. Ihr Selbstvertrauen, ihre Selbstsicherheit kommen nicht von ungefähr, sagt ihre Mutter. „Die Pferde haben ihr gut getan.“

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