Lebenshilfe: Das E-Bike ist Barbara Krügers offizielles Dienstfahrzeug

Von: Hans-Peter Leisten
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Das E-Bike als offizielles Dienstfahrzeug: Barbara Krüger will die Stadt und vor allem die zahlreichen Einrichtungen hautnah und persönlich kennenlernen. Sie macht sich vor Ort selbst ein Bild. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Seit dem 1. April hat die Aachener Lebenshilfe eine neue Geschäftsführung: Barbara Krüger ist auf Herbert Frings gefolgt, der in Köln neue Aufgaben bei der Lebenshilfe NRW übernommen hat. Aus Frankfurt an der Oder ist Barbara Krüger nach Aachen gekommen. Sie hat sich schnell eingelebt, die Aachener Lebenshilfe mit ihren Menschen kennen- und schätzen gelernt.

Nur ein Grund, weshalb sich die gebürtige Niedersächsin hier offensichtlich sehr wohl fühlt. Von den anderen berichtet sie im Interview.

Können Sie so etwas wie eine traditionelle 100-Tage-Bilanz ziehen?

Krüger: Die klassischen 100 Tage hatte ich eigentlich gar nicht, denn die ersten 60 habe ich mit meinem Vorgänger Herbert Frings parallel verbracht. So konnte ich sehr viel kennenlernen und war danach richtig im Thema Lebenshilfe drin. Das war ein sehr intensiver und angenehmer Einstieg.

Auch in die Verantwortung?

Krüger: Mir wurde durch diesen prozesshaften Beginn auch der Freiraum gegeben, zunächst noch unbelastet von der kompletten Verantwortung für das Tagesgeschäft, den Verein Lebenshilfe Aachen e. V. und die Menschen kennenzulernen – sowohl die Kolleginnen und Kollegen als auch die Menschen mit Beeinträchtigungen mit ihren Angehörigen und ebenso externe Partnerinnen und Partner

Sind Sie mit einer persönlichen Zielvorgabe gestartet?

Krüger: Für mich kam es erst einmal darauf an, zu gucken und zu beobachten. Was finde ich vor? Ich wollte möglichst schnell die Strukturen erfassen und die wichtigsten Themen für die Zukunft definieren.

Haben Sie ein solches Thema gefunden?

Krüger: ‚Das‘ Thema für den Bereich Wohnen betrifft Angebote für ältere Menschen mit geistiger Behinderung. Wir haben im Grunde zum ersten Mal diese Generation nach dem menschenverachtenden Euthanasieprogramm der Nazis. Jetzt ‚dürfen‘ diese Menschen alt werden, mit allen Chancen und Problemen. Auch für sie gilt, dass sie so selbstbestimmt und selbstständig wie möglich leben können sollen. Und das klappt; gerade jetzt sind wieder zwei ältere Männer aus einer stationären Wohnstätte ins Betreute Wohnen gewechselt.

Was hat Sie positiv in Aachen überrascht?

Krüger: Drei sehr unterschiedliche Dinge: Zum einen sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Nordrhein-Westfalen doch ganz anders als in Brandenburg, wo ich vorher gearbeitet habe, z. B. hinsichtlich der Finanzierung der Arbeit oder auch der Vielfalt der Berufe, die hier als Fachkräfte in der Behindertenhilfe anerkannt sind. Zum zweiten gab es gleich in den ersten Wochen meiner Tätigkeit ein für mich sehr beeindruckendes Erlebnis: Einen Todesfall.

Positiv?

Krüger: Ein Bewohner ist – sehr unerwartet und plötzlich für uns alle – verstorben. Es war für mich sehr bewegend zu erfahren, wie die Mitarbeitenden aus der Einrichtung mit ihrem Erschrecken und ihrer Traurigkeit umgegangen sind, mit wie viel Sensibilität sie die Mitbewohnerinnen und -bewohner begleitet und das Abschiednehmen gestaltet haben. Für mich hat sich in dieser Extremsituation die Kultur des Miteinanders in der Lebenshilfe gespiegelt. Zum Dritten hat mich die Dimension des ehrenamtlichen Engagements in der und für die Lebenshilfe begeistert. Es ist total wohltuend zu sehen, wie viel Zeit und Arbeitskraft hier investiert wird. Ich nenne stellvertretend die Schwarzlicht-Gruppe mit ihren Aufführungen.

Die Lebenshilfe wurde in Aachen 1962 als Elterninitiative gegründet. Resultiert das ehrenamtliche Engagement vielleicht noch aus der Gründungsidee?

Krüger: In jedem Fall. Wir haben heute noch ein sehr gewinnbringendes Miteinander von haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden. Die Ehrenamtlichen vermitteln oft einen anderen Blick auf die Dinge und tragen so neue Impulse in unsere Arbeit hinein. Viele von ihnen gehören zur Gruppe der betroffenen Angehörigen. Das Engagement ist aber viel breiter aufgestellt. Auch ‚Außenstehende‘ unterstützen unsere Arbeit, etwa bei Feiern und festlichen Kaffeetafeln zu verschiedensten Anlässen. Die Gründe für das Engagement sind sehr unterschiedlich. Einen möchte ich zitieren, weil er mich besonders gefreut hat: „Ich möchte, dass mein Kind durch meine Tätigkeit in Kontakt mit Menschen mit Behinderungen kommt.“

Wo sehen Sie persönlich die größten Herausforderungen?

Krüger: Ich habe aus meiner früheren Tätigkeit viel Erfahrung im Bereich Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung; ganz neu ist für mich der Vorschulbereich mit der interdisziplinären Frühförderung und den Kindertagesstätten.

Sind Sie – wie man so schön sagt – in der Stadt Aachen angekommen?

Krüger: Ich bin zwar erst seit gut drei Monaten hier – aber ich kann diese Frage voll und ganz mit „ja“ beantworten – privat und beruflich. Ich habe eine Wohnung gefunden, in der ich mich sehr wohl fühle und habe erste Bekanntschaften geschlossen. Die Einrichtungen der Lebenshilfe habe ich inzwischen alle besucht und in ihrer Vielfalt und jeweiligen individuellen Prägung kennengelernt.

Wo wollen Sie Akzente setzen?

Krüger: Im Vorschulbereich ist ganz viel im Fluss und wir werden den Wandel von der Integration zur Inklusion mitgestalten. Konkret heißt das: Unsere interdisziplinär arbeitende Frühförderung (IFF) wird sich auf ein verändertes Arbeitsfeld mit neuen Konzepten einstellen. Es werden sicherlich mehr Kinder mit besonderem Förderbedarf in vielen Kitas sein, die von der Frühförderstelle weiter gefördert werden. Wir sind bestrebt mit den Kitas in eine gute Kooperation zu gelangen. Als Träger von vier Kitas in Aachen werden wir mit unserer besonderen Erfahrung und der speziellen Qualifizierung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin einen besonderen Schwerpunkt auf der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Förderung von Kindern, die behindert oder von einer Behinderung bedroht sind, legen.

Stichwort Inklusion.

Krüger: Wir werden auf dem Weg der Inklusion Akzente setzen für Kinder mit und ohne Förderbedarf. Politisch gilt es sich dafür einzusetzen, dass die für diesen Paradigmenwechsel – von der Integration zur Inklusion – notwendigen finanziellen Mittel auch zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger Behinderung. Hinsichtlich der Zusammenarbeit innerhalb der Lebenshilfe liegt mir ein kooperatives und kommunikatives Miteinander in besonderer Weise am Herzen.

Ab sofort müssen Sie sich auch in der politischen Landschaft zu Recht finden.

Krüger: Klar, und das bei wechselnden Ansprechpartnern: Landschaftsverband Rheinland, Stadt Aachen und Städteregion. Es ist schön, dass ich viele Einladungen seitens der Politik bekomme und so Kontakte wachsen können. Ich merke, dass die Lebenshilfe in Aachen gut in die politische Landschaft eingebunden ist.

Die Eröffnung der neuen Kita „Tivolino“ am alten Tivoli war durchaus ein kleiner Meilenstein. Sind Projekte ähnlicher Dimension in Sicht? Müssen Sie zur Umsetzung Ihrer Pläne – für ältere Behinderte und die gerade angesprochenen Kinder – Neubauprojekte realisieren.

Krüger: Wir müssen eventuell einen Ersatzneubau für eine Einrichtung im stationären Bereich konzipieren. Grundsätzlich kann die inhaltliche Ausgestaltung unserer neuen Konzeptionen aber in den vorhandenen Gebäuden erfolgen.

Was hat Sie an der Aufgabe in Aachen gereizt?

Krüger: In den letzten zehn Jahren war ich bei einem diakonischen Träger, dem Lutherstift in Frankfurt (Oder), beschäftigt, hatte meine Schwerpunkte in der Behinderten- und Altenhilfe und war zudem dort Stiftspfarrerin. Ich wollte jetzt stärker von der Breite in die Tiefe gehen. Durch Zufall bin ich auf die Stellenanzeige gestoßen und habe gedacht: Das ist etwas für mich.

Wie hat ihre Familie reagiert?

Krüger: Dazu gibt es eine kleine Geschichte. Wir haben im vergangenen Jahr – meine neue Stelle war da überhaupt noch kein Thema – eine NRW-Tour geplant und uns in Köln und Düsseldorf einquartiert. Mein Mann wollte unbedingt einen Tag in Aachen verbringen. Die ganze Familie war von der Innenstadt und dem Dom völlig beeindruckt und von der Freundlichkeit der Aachener begeistert. Insofern war die Stadt für uns mit sehr positiven Erinnerungen verbunden.

So sind Sie und Ihre Familie mit fliegenden Fahnen nach Aachen umgezogen?

Krüger: Nicht ganz. Unser Sohn studiert inzwischen in Köln, da passte die räumliche Nähe zu Aachen. Unsere Tochter macht nächstes Jahr Abitur und da wollte sie nicht zum jetzigen Zeitpunkt die Schule wechseln. So bin ich erstmal alleine hierher gezogen. Im nächsten Jahr wird mein Mann dann nach Aachen kommen. Uns reizt auch der Europacharakter der Stadt. In Frankfurt an der Oder haben wir in der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember 2007 den Wegfall der Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen im Zuge der Schengen-Erweiterung gefeiert. Hier wollen wir Europa aus einer ganz anderen, schon seit Jahrzehnten selbstverständlich gelebten Perspektive erleben.

Haben Sie schon mal etwas vom ATG-Winterlauf gehört?

Krüger: Wir haben jüngst von der ATG eine Spende aus dem letzten Winterlauf erhalten (siehe Solobild, d.Red.). Als ich nach Aachen kam, fand ich im Lebenshilfekalender den Termin ‚Wasserstandslauf‘. Da wir aus Frankfurt mit seinen Überschwemmungserlebnissen kamen, habe ich mir darunter etwas anderes vorgestellt – ich dachte an die mit Bangen beobachteten Pegelstände der Oder . . In der Tat hat die Lebenshilfe seit etlichen Jahren beim Winterlauf einen Stand, an dem die Läufer mit Wasser versorgt werden.

Haben Sie selbst auch Laufschuhe?

Krüger: Ja, aber ich werde wohl trotzdem nicht mitlaufen. Ich werde am Wasserstand gebraucht. Die kommende Adventszeit wird übrigens für mich ganz anders als bisher vertraut. Statt Predigten gibt es für mich das Waffelbacken bei Porta, den ATG-Winterlauf und den Flohmarkt in der Aula Carolina, für den schon jetzt im Sommer die Vorbereitungsarbeiten der Ehrenamtlichen längst auf Hochtouren laufen! Ich genieße den Perspektivwechsel und die vielen Impulse meiner neuen Tätigkeit.

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