Aachen - Kandidat einer Mini-Partei: „Keine Stimme ist verschenkt“

Kandidat einer Mini-Partei: „Keine Stimme ist verschenkt“

Von: Hermann-Josef Delonge
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„Keine Stimme ist verschenkt“: Alexander Plitsch, Bundesvorsitzender der Partei Demokratie in Bewegung. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Vor ziemlich genau einem Jahr machte Alexander Plitsch Urlaub in Frankreich, und um ihn herum, so schien es zumindest, brach die Welt zusammen. In Großbritannien hatten sie für den Brexit gestimmt, in den USA tobte Donald Trump durch den Präsidentschaftswahlkampf (mit bekanntem Ausgang), in Deutschland kletterten die Umfragewerte für die AfD immer höher, während die „Wir schaffen das“-Kanzlerin mehr und mehr unter Beschuss geriet.

Was ist daraus geworden, Herr Plitsch?

„Sehr viel!“ Er ist jetzt Vorsitzender einer Partei und kandidiert für den nächsten Bundestag. Zugegeben: Die Chancen sind gering, aber den Versuch ist es mehr als wert, sagt er.

Die Partei, für die er auf Platz zwei der NRW-Landesliste steht und deren Sprecher er gemeinsam mit der Schauspielerin Julia Beerhold ist, heißt Demokratie in Bewegung, kurz DiB. Gegründet wurde sie Ende April in Berlin, und seitdem hat sie es tatsächlich geschafft, sich in allen Bundesländern zu etablieren. In NRW, Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt steht sie sogar auf den Wahlzetteln zur Bundestagswahl – und damit auf 75 Prozent aller Wahlzettel bundesweit. Wer den Berg aus Regularien kennt, der dafür zu bewältigen ist, kann ermessen, wie die vergangenen Monate bei Plitsch und seinen Mitstreitern ausgesehen haben.

Plitsch kommt aus einem liberal-konservativen Elternhaus in Wuppertal, hat in Aachen studiert und arbeitet hier als selbstständiger Marketing- und Kommunikationsberater. Er ist 33 Jahre alt und Vater von zwei kleinen Töchtern. Das erklärt vielleicht, warum er so viel über Zukunft spricht: Darüber, wie die Welt einmal aussehen sollte, aber auch darüber, wie groß die Gefahr ist, dass wir uns heute schon den Weg verbauen. Er weiß sich glänzend zu verkaufen – das ist auch seiner Ausbildung und seinem Beruf geschuldet – und spricht fast druckreif, ohne allerdings wie ein abgezockter Politiker zu klingen. Er vermittelt Begeisterung und die unbedingte Bereitschaft, sich einzubringen, einzumischen, zu gestalten. Er war mal Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in Aachen, aber das ist schon lange her. Die CDU, sagt er, sei schon lange nicht mehr seine politische Heimat.

Wofür stehen Sie heute, Herr Plitsch?

Die Frage führt zu einem grundsätzlichen Problem, mit dem sich DiB herumschlagen muss, seitdem die junge Partei zart in den Fokus der Medien geraten ist – befeuert vor allem durch den Start des Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl, durch den viele Menschen zum ersten Mal überhaupt von ihr erfahren haben. Plitsch und seine Mitstreiter legen großen Wert darauf, sich keiner Schublade zuordnen zu lassen. Das macht sie angreifbar, weil man ihnen leicht Beliebigkeit unterstellen kann. Der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer von der FU Berlin hat dies im Deutschlandfunk getan. Er vermisse klare inhaltliche Positionen im Programm, kritisierte der Parteienforscher, und riet den DiB-lern, sich lieber in einer anderen, etablierteren Partei zu engagieren. Der Professor hatte allerdings auch vorausgesagt, die DiB werde nicht genug Unterschriften für die Zulassung zur Wahl bekommen.

Liest man die 29 Seiten des DiB-Programms, wie es auf dem zweiten Parteitag Ende August in Köln verabschiedet wurde, dann fällt es tatsächlich schwer, der Partei einen Platz im üblichen politischen Spektrum zwischen rechts und links zuzuweisen. DiB will weltoffen, vielfältig und transparent sein, plädiert für soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Die Partei steht gegen Rassismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus oder Ausgrenzung. Das liest man so oder so ähnlich auch in den Programmen von CDU und CSU, von SPD und Grünen, von FDP und Linken, das erinnert an Emmanuel Macrons „En Marche!“-Bewegung oder an die linke Podemos in Spanien.

Was also ist das Alleinstellungsmerkmal, Herr Plitsch?

„Stimmt, diese Punkte finden sich auch bei anderen Parteien“, sagt er. „Aber nicht in der Unbedingtheit und Entschlossenheit, mit der wir sie postulieren. Macrons Erfolg war für viele Menschen inspirierend, aber inhaltlich trennt uns viel von ihm, und der Kult um seine Person ist uns fremd. Wenn Sie nach unserem Alleinstellungsmerkmal fragen: Dann sind das Transparenz und die Möglichkeit der Mitbestimmung, wie wir sie in der Partei leben.“

Konkret sieht das so aus: Da gibt es den „Marktplatz der Ideen“, ein Forum für den Austausch von Mitgliedern – gut 250 sind es bislang, die allerdings bestens vernetzt sind – und Sympathisanten. Dort entstehen konkrete Initiativen, die von allen Interessierten – auch Nicht-Parteimitgliedern – ausgearbeitet werden. Darüber wird diskutiert, sehr gerne online, und später wird abgestimmt, ob ein Punkt ins Programm aufgenommen wird. Denn auch das ist nicht in Stein gemeißelt. Plitsch nennt das einen „kontinuierlichen Parteitag“ und spricht vom „parteiinternen Initiativprinzip“. Dass alle Parteimitglieder einen Ethik-Kodex unterschreiben, der die vollständige Offenlegung von Einkünften von Mandats- und Amtsträgern festlegt: für Plitsch eine Selbstverständlichkeit. Dass DiB sich über Spenden finanziert, aber keine von Unternehmen annimmt, auch.

Es lohnt sich, das Parteiprogramm genauer zu studieren; es finden sich konkrete Initiativen und Aussagen zu erstaunlich vielen Aspekten des politischen Lebens. In der Draufsicht drängt sich das Label „tendenziell linksliberal“ auf; nicht zufällig finden sich viele enttäusche Alt-Grüne unter den Unterstützern, wie Plitsch beobachtet hat. Er selbst bewegt sich in einem Umfeld, in dem sich viele junge Menschen in Nichtregierungsorganisationen (NGO) engagieren. Mit „linksliberal“ kann er leben, viel wichtiger ist es ihm allerdings zu beweisen, dass man Politik anders machen kann, als dies heute der Fall ist – von den „Berufspolitikern, die abgekoppelt von der Gesellschaft arbeiten und den Leuten draußen den Eindruck geben, sie könnten keinen Einfluss nehmen“. Das soll keine billige Politikerschelte sein, sagt Plitsch. Aber: „Es fehlen die Utopien, wie Gesellschaft aussehen könnte.“ Die will DiB liefern, auch auf die Gefahr hin, als naiv zu gelten. „Eine gesunde Naivität kann nicht schaden. Sonst würde man sich ja nicht trauen, etwas Neues zu versuchen.“

Lieber groß denken

Also: Lieber groß denken als klein beigeben? Die Detailarbeit, die Suche nach Kompromissen, die viel zitierte „Realpolitik“, das ist dann das politische Alltagsgeschäft, das von selbst kommt, sagt Plitsch. Er weiß, dass hier die Entscheidungen fallen. „Aber das darf uns doch nicht davon abhalten, Zielvorstellungen zu formulieren und in die Zukunft zu blicken.“ Beispiel Digitalisierung: „Haben Sie den Eindruck, dass in der Politik ernsthaft darüber diskutiert wird, welche Auswirkungen da auf die Gesellschaft zukommen und wie wir die gestalten können?“

Und was erwarten Sie von der Wahl, Herr Plitsch?

„Ich träume tatsächlich manchmal von fünf Prozent“, sagt er. Realistisch: Mehr als 0,5 Prozent sollen es schon werden. Dann kommt die Partei nämlich in den Genuss staatlicher Unterstützung. „Das wäre immens wichtig für uns – und eine große Bestätigung unserer Arbeit.“ DiB will nämlich unbedingt weitermachen – bestimmt bei der nächsten Europawahl, vielleicht bei Landtags- oder sogar Kommunalwahlen. „Das entscheiden die Kollegen vor Ort.“ So oder so: „Keine Stimme ist verschenkt.“

DiB hat keine Chance – und will sie nutzen.

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