„Jungensprechstunde“: Online aufklären, bevor es zu spät ist

Von: Laura Laermann
Letzte Aktualisierung:
14069487.jpg
Der Eschweiler Urologe Dr. Joachim Steffens bietet Jungen die Möglichkeit, sich über den Youtube-Kanal „Jungensprechstunde“ auch über vermeintlich unangenehme Dinge im Netz zu informieren. Foto: Laura Laermann
14067478.jpg
Innovativ: Chefarzt Dr. Joachim Steffens (v.l.) setzt sich gemeinsam mit Christoph Convent, Jens Rosellen und Jennifer Kranz für die Aufklärungsarbeit in Schulen und im Internet ein.

Eschweiler. Seit einiger Zeit spürt Jonas ein leichtes Ziehen im rechten Hoden. Als er im Internet recherchiert, trifft er auf den Begriff „Hodenkrebs“. Sein Herz klopft: Könnte es wirklich sein, dass er Krebs hat? „So ein Quatsch“, denkt er sich im nächsten Moment, „ich bin in letzter Zeit wohl einfach zu viel Rad gefahren.“ Hin- und hergerissen zwischen Angst und Zuversicht, fragt er sich, an wen er sich wenden könnte – ohne sich zu blamieren.

Jonas ist kein Einzelfall. Der Urologe Dr. Joachim Steffens kennt die Geschichten junger Männer, die verunsichert zu ihm kommen. Mit seinem Youtube-Kanal „Jungensprechstunde“ möchte er es möglich machen, dass Jungen sich einfach im Netz informieren können. In kurzen Videoclips beantwortet er genau die Fragen, die sich die meisten Jungen nicht trauen, ihren Eltern oder Lehrern zu stellen. „Viele Jungen haben keinen ärztlichen Ansprechpartner“ erklärt der Chefarzt der Urologie im St.-Antonius-Hospital. „Hier können sie sich anonym informieren und Fragen stellen.“

Grundlagenwissen fehlt

Die Idee des Youtube-Kanals entwickelte sich im Zuge der Aufklärungsarbeit an Schulen. Die beiden Jungmediziner Sebastian Grundl und Dr. Jens Rosellen gehen seit Januar 2016 in die neunten und zehnten Klassen der Eschweiler Schulen.

Der Schwerpunkt der Urologen aus dem St. Antonius-Hospital liegt vor allem auf der Aufklärung von Jungen in der Pubertät. Dass die dringend nötig ist, weiß Rosellen nur zu gut: „Einigen Jungen fehlt schon das Grundlagenwissen“, erklärt er. „Teilweise haben die Schüler nicht die leiseste Ahnung vom Thema Verhütung, trotz des vorangegangen Sexualkundeunterrichts in der Schule.“

Darum bieten die Urologen auch Fortbildungen für Lehrer an und unterstützen sie in den Schulen. Nur „unter Jungs“ sprechen die jungen Ärzte mit den Schülern über Krankheitsbilder, körperliche Veränderungen oder sexuell übertragbare Krankheiten.

Meist stellt sich sehr schnell heraus, dass es vielen Jungen, wie Jonas, peinlich ist, über diese Themen zu sprechen. „Die erste Reaktion ist anfangs immer zögerlich“, sagt Rosellen. „Die meisten trauen sich nicht, ihre Fragen offen zu stellen, weil sie Angst haben, sich vor ihren Klassenkameraden zu blamieren.“

Das sieht bei den Mädchen anders aus. Sie stehen dem Thema meist aufgeschlossener gegenüber und wissen deutlich mehr über ihren Körper als Jungen. Das hat Gründe: Während sich Mädchen oft schon ab ihrem 14. oder 15. Lebensjahr regelmäßig beim Frauenarzt untersuchen lassen, bleibt bei Jungen ein Arztbesuch beim Urologen meist gänzlich aus.

Dr. Joachim Steffens sieht darin ein großes Problem: „Jungen sind die Verlierer. In unserer Gesellschaft scheint es selbstverständlich zu sein, dass ein Mädchen zu Beginn der Pubertät zum Gynäkologen geht, aber was ist mit den Jungen?“

Kontrolluntersuchung

Das letzte Mal, das Jungen sich körperlich untersuchen lassen, ist meist im Rahmen der Jugend-Vorsorgeuntersuchung. Danach ist kein geplanter Arztkontakt vorgesehen. Auch durch den Wegfall der Musterung fehlt eine Kontrolluntersuchung.

Die Folgen? Jungen wissen wenig über die Entwicklung ihres Körpers und über Erkrankungen wie Vorhautenge, Hodenhochstand, Leistenbruch oder Hodenverdrehung. Steffens, der häufig mit Notfällen zu tun hat, rät: „Nicht nur die frühzeitige Vorsorge ist wichtig. Vor allem bei akuten Schmerzen sollte man keine Hemmungen haben, schnell zum Urologen zu gehen.“

Denn wenn es zu spät ist, kann der Arztbesuch drastisch ausgehen, wie ein Beispiel zeigt: „Bei einer Hodenverdrehung, die nicht innerhalb von sechs Stunden behandelt wird, kann es dazukommen, dass der Hoden vollständig entfernt werden muss“, warnt Steffens. Eine Hodenverdrehung tritt am häufigsten bei Säuglingen und bei Jugendlichen in der Pubertät zwischen 15 und 20 Jahren auf – also genau dann, wenn keine Vorsorgeuntersuchung mehr erfolgt.

Innovativ: Aufklärung per Video

Mit der Jungensprechstunde soll eine freiwillige Vorsorgeuntersuchung etabliert werden. Weil vielen jungen Männern der erste Schritt zum Urologen aber schwer fällt, bietet Steffens mit seinem Youtube-Kanal zwar keine Alternative, aber wichtige Informationen. Diese Idee ist neu und damit einzigartig im Netz. Bereits dreizehn Videos hat er seit Dezember 2016 auf die Beine gestellt, und es sollen noch mehr folgen. Darin beantwortet er die anonymen Fragen der jungen Männer. Bunte Grafiken und simple Animationen veranschaulichen die Erklärungen zielgruppengerecht.

Bislang haben die Videos bis zu 1000 Aufrufe. Das ist zwar noch überschaubar, aber immer mehr Leute klicken die Videos an. Einer von ihnen ist Jonas, der sich jetzt vorab besser informieren will. Als der Arzt ihm mitteilte, er habe keinen Hodenkrebs, war Jonas erleichtert. Dennoch will er in Zukunft auf Nummer sicher gehen und sich sofort untersuchen lassen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert