In Mathematik gibt es ein „Mangelhaft“ für Ministerin Löhrmann

Von: Michael Grobusch
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Auch die städteregionale Mies-van-der-Rohe-Schule ist nach Angaben des Berufsschullehrerverbandes von der Unterdeckung betroffen. Alleine aufgrund der Fortbildungen von Seiteneinsteigern seien zweieinhalb Stellen derzeit faktisch nicht besetzt. Foto: Michael Grobusch
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Mahnen eine bessere personelle Ausstattung der Berufskollegs an: Siegfried Pietz (v.l.), Josef Hansen und Wilhelm Schröder vom VLBS.

Städteregion. Eigentlich stellt er Schulministerin Sylvia Löhrmann ein gutes Zeugnis aus: „Das Land greift fast alle konstruktiven Vorschläge von uns auf“, lobt Wilhelm Schröder. Das dürfte dann mindestens einem „Gut“ gleichkommen. Wenn es aber um Mathematik geht, dann endet die Zufriedenheit des Mannes, der den Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs (VLBS) in Nordrhein-Westfalen anführt und jetzt zu einem Arbeitsbesuch in der Mies-van-der-Rohe Schule in Aachen weilte.

Mangelhaft findet Schröder Löhrmanns Personalberechnung, die auf dem Papier zwar eine hundertprozentige Besetzung und somit eine angemessene Lehrer-Schüler-Relation der Berufskollegs ausweise, dabei aber die tatsächlichen Umstände nicht berücksichtige. „Pro Berufskolleg fehlen durchschnittlich 5,5 Stellen“, rechnet der Vorsitzende hoch und stellt fest: „Keine andere Schulform in NRW hat eine solche personelle Unterdeckung.“ Das treffe auch auf die neun Einrichtungen zu, die in Trägerschaft der Städteregion geführt werden.

Für die personelle Ausstattung sind freilich das Land und die Bezirksregierung zuständig. Und die sehen es dem Vernehmen nach gar nicht gerne, wenn sich die Mitarbeiter vor Ort kritisch zu schulischen Angelegenheiten äußern. Nach Informationen unserer Zeitung blieben die angekündigten Schulleiter aus eben diesem Grunde dem Treffen mit unserer Zeitung in Aachen fern. So war es letztlich den Vertretern des VLBS vorbehalten, das zum Ausdruck zu bringen, was nach ihrer Ansicht alle Kollegen in der täglichen Arbeit betrifft. Das sind in der Städteregion immerhin rund 1000, die fast 20.000 Schüler unterrichten.

Seiteneinsteiger willkommen

Neue Berufsschullehrer zu finden, das räumt Wilhelm Schröder ein, sei gerade für die gewerblich-technischen Berufskollegs recht schwierig. Sein Verband begrüße deshalb auch die Einstellung von Seiteneinsteigern, um den Bedarf decken zu können. Aber: „Diese Seiteneinsteiger werden als volle Kräfte eingeplant, obwohl sie nur eingeschränkt an den Schulen sind.“

FH-Absolventen beispielsweise müssten parallel zum Schuldienst noch ein Aufbaustudium absolvieren. „Das nimmt die Hälfte der Zeit ein, die Kollegen sind also nur zu 50 Prozent in der Schule“, berichtet Josef Hansen, Lehrer an der Mies-van-der-Rohe-Schule und Mitglied des Personalrates für Berufskollegs bei der Bezirksregierung Köln. Drei solcher Kollegen sind laut Hansen derzeit an seiner Schule beschäftigt: „Das heißt, dass wir in der Praxis anderthalb Lehrer weniger haben als in der Berechnung des Landes aufgeführt werden.“

Ähnlich verhalte es sich mit Seiteneinsteigern, die sich nach einem universitären Masterabschluss für die Berufsschule entscheiden. „Sie werden in den ersten beiden Jahren für ihre Weiterqualifizierung zu einem Drittel freigestellt.“ An der Mies-van-der-Rohe-Schule mache das bei drei solcher Kollegen faktisch eine weitere nicht besetzte Stelle aus.

Und welche Auswirkungen hat das auf den Schulalltag? „Unterrichtskürzung oder größere Klassen“, benennt Siegfried Pietz, Koordinator am Berufskolleg Eschweiler und Vorsitzender der VLBS-Bezirksgruppe Aachen, die sich aus seiner Sicht bietenden Alternativen. Aber beides ginge zu Lasten der Kollegen wie auch der Schüler.

Handlungsbedarf sieht der VLBS zudem bei der Beschulung von Flüchtlingen. „Mittlerweile haben wir 30 Internationale Förderklassen an den Berufskollegs der Städteregion. Und es ist davon auszugehen, dass die Zahl mit der fortlaufenden Registrierung der Flüchtlinge weiter steigen wird“, prognostiziert Wilhelm Schröder. In vielen Fällen seien die Berufsschulen jedoch schon jetzt überfordert. „Denn wir sind eigentlich dafür zuständig, den Übergang von der Schule in den Beruf zu begleiten“, gibt der Verbandsvorsitzende zu bedenken.

Tatsächlich aber hätten viele junge Flüchtlinge zunächst einmal einen hohen Alphabetisierungsbedarf. „Wie aber sollen wir solche Schüler in die Arbeitsabläufe einbinden, die es an Berufsschulen als partielle Abbildung von Industriebetrieben nun einmal gibt?“ Schröder fordert die Landesregierung auf, aus den bisher gemachten Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen: „Die Flüchtlinge sollten zunächst einen Deutsch- und einen Integrationskurs absolvieren, damit sie ein Sprachniveau von mindestens A2. bzw. B1 haben, bevor sie an ein Berufskolleg kommen.“ Der dann folgende zweijährige Besuch einer Internationalen Förderklasse müsse unterteilt werden in eine Orientierungsstufe und ein berufsfeldspezifisches Jahr.

Die Aufnahme vieler junger Flüchtlinge in sehr kurzer Zeit, wie sie im vergangenen Jahr notwendig geworden war, sei eine Ausnahmesituation gewesen, auf die man mit Improvisation habe reagieren müssen. „Auf Dauer wird das System, so wie es derzeit existiert, aber nicht funktionieren“, ist Wilhelm Schröder überzeugt.

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