Im Lernladen gibt es Lektionen fürs Leben

Von: Michael Grobusch
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Hoher Spaßfaktor, aber auch nachhaltige Erfahrung: Beim Modul „Tremor“ wird mit zwei Spezialhandschuhen das meist im hohen Alter verstärkt auftretende Zittern simuliert. Foto: Michael Grobusch

Städteregion. Schon von weitem ist das Gelächter zu hören. Kein Zweifel: Die Schüler haben jede Menge Spaß an diesem Vormittag. Dafür sorgt in erster Linie Patrick Dohmen. Der Vorsitzende des Kompetenzzentrums für Barrierefreiheit (Eukoba) gibt am städteregionalen Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung (BWV) regelmäßig Unterricht.

Dafür ist eigens ein Raum hergerichtet worden, der den Namen „Lernladen“ trägt. Damit ist nicht nur die Einrichtung treffend beschrieben, sondern auch das damit verbundene Pilotprojekt, das das Berufskolleg mit finanzieller Unterstützung des Bundes initiiert hat.

Dohmen hat die Lacher häufig auf seiner Seite. Doch er schafft es genauso oft, innerhalb weniger Sekunden für Ruhe und betretenes Schweigen zu sorgen. Immer dann, wenn er die jungen Leute daran erinnert, dass die mit technischen Mitteln ausgelösten Einschränkungen, die sie im Lernladen an ihrem Körper erfahren, nach wenigen Sekunden beendet sind, während die in der Realität Betroffenen meist lebenslang beeinträchtigt sind.

Fast 500 Schüler in 24 Klassen werden derzeit am BWV an der Lothringer Straße in Aachen parallel zur Ausbildung auf ihren zukünftigen Beruf als Verkäufer(in) oder Einzelhandelskaufmann/-frau vorbereitet. Für alle steht im Laufe des zweiten Jahres der „Lernladen“ auf dem Stundenplan. Im Mai 2015 hat das Berufskolleg das Projekt gestartet, nachdem Patrick Dohmen einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet hatte. „Das war ein Glücksgriff, das Projekt ist ein großer Erfolg“, kann Thomas Döring heute feststellen.

Dabei ist das Konzept im Grunde völlig simpel: In einem Verkaufsraum, der originalgetreu eingerichtet ist, werden die Schüler mit Situationen konfrontiert, die sich aus unterschiedlichen Handicaps ihrer Kunden ergeben. „Es geht aber nicht nur um den Rollstuhlfahrer“, betont Dohmen, dem es nach eigener Aussage ein Dorn im Auge ist, „dass der Begriff barrierefrei oftmals nur als Synonym für rollstuhlgerecht verwendet wird“.

Es gehe doch um viel mehr. Beispielsweise um Menschen mit Seh- oder Hörschäden, mit Rückenschmerzen, mit Sprachbarrieren oder Übergewicht, nennt der Vereinsvorsitzende einige Beispiele. „Im Grunde geht es um die gesamtgesellschaftliche und branchenübergreifende Notwendigkeit, für alle zugänglich zu sein und die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen – vom kleinen Kind bis zum Greis.“

In Lehrbüchern nicht thematisiert

Das mag abstrakt klingen, ist es aber nicht, meint Eva Stelzer. „Unsere Schüler haben es in der Praxis immer häufiger mit Kunden zu tun, die Probleme haben, sich in einem Laden zu orientieren.“ Das Phänomen sei zwar mittlerweile erkannt, „doch es taucht bis heute in den Lehrbüchern nirgendwo auf“, bemängelt die Leiterin des Bildungsgangs Einzelhandel. „Veränderungen dauern unheimlich lange. Das gilt auch für den Schulbuchbereich“, weiß Thomas Döring.

Warten aber wollten die Verantwortlichen nicht mehr und nahmen deshalb das Angebot des Kompetenzzentrums für Barrierefreiheit vor knapp zwei Jahren dankend an. Seitdem hat sich einiges geändert. Das gilt vor allem für die Schülerinnen und Schüler, wie Eva Stelzer berichtet. „Entscheidend ist, dass sie die Einschränkungen sinnlich erfahren. Das prägt sich ganz anders ein, als wenn man liest oder etwas erzählt bekommt.“

Das kann Patrick Dohmen nur bestätigen. Mehr als 40 „Tools“ hat er inzwischen in seinem Repertoire, von der Zerrbrille über das Krümmkorsett bis zur Bleiweste ist einiges dabei. Besonders nachhaltig, erzählt Dohmen, sei die Erfahrung mit dem Modul „Tremor“, das mittels zweier an einen Stromkreis angeschlossenen Handschuhe das meist im hohen Alter verstärkt auftretende Zittern simuliert. „Bei dieser Simulation wird zwar besonders viel gelacht“, meint Dohmen. „Aber wer das einmal am eigenen Leib erfahren hat, der weiß in Zukunft anders umzugehen mit Kunden, die dieses Handicap haben.“

Das im Lernplan formulierte Ziel ist es, die junge Menschen auf „besondere Verkaufssituationen“, wie es im Lehrplan heißt, gut vorzubereiten. Und in der Tat gibt es nach dem Unterricht im „Lernladen“ noch während der Ausbildung viele positive Rückmeldungen nicht nur von den Schülern, sondern auch von den Arbeitgebern. „Die Hemmschwelle ist fort. Die jungen Frauen und Männer wissen jetzt, wo die unterschiedlichen Probleme bei ihren Kunden liegen, und sie können deshalb viel besser damit umgehen“, stellt Thomas Döring fest.

Noch bis Mai wird das Projekt vom Bund gefördert. Fortgesetzt werden soll es aber auch danach, wie Patrick Dohmen betont: „Wir haben hier so optimale Voraussetzungen vorgefunden und eine so tolle Kooperation entwickelt, dass wir jetzt nicht einfach aufhören können.“ Das wird nicht nur die Verantwortlichen und Schüler des BWV freuen. Denn der „Lernladen“ zieht mittlerweile Kreise. Noch im Laufe dieses Schuljahres wollen alle städteregionalen Berufskollegs, die sich mit Handel befassen, die Unterrichtseinheit in ihren Lehrplan aufnehmen.

Und auch über die Städteregion hinaus wächst das Interesse, wie Dohmen berichtet. In Kürze werden aus dem Kreis Düren erstmals fünf Berufsschulklassen nach Aachen kommen, um im „Lernladen“ ganz neue Erfahrungen zu sammeln. Auch dann dürfte wieder viel gelacht und viel gelernt werden.

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