Im Altkreis kann es schon mal dauern, bis die Beamten da sind

Von: Marlon Gego
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Monschau/Aachen. Irgendwann hat Frau Weiler dann gefroren, weil sie zu Hause nichts anfassen und auch die Haustür nicht schließen durfte. So konnte sie weder die Heizung andrehen noch den Ofen anmachen, sie konnte sich weder eine Jacke aus dem Schrank noch Handschuhe aus der Schublade nehmen. Anfang April stand Frau Weiler in ihrem Haus, das gerade von Einbrechern auf den Kopf gestellt worden war, fror und wartete auf die Polizei, die nicht kam und die ihr gesagt hatte, sie solle bloß nichts anfassen.

Frau Weiler, die anders heißt, aber ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, wohnt in Monschau-Imgenbroich und ist 77 Jahre alt. Ihr Fall ist nicht der einzige, in dem ein Bürger aus dem Altkreis Aachen länger auf die Polizei warten musste, als er vielleicht erwartet hat. An diesem Tag im April musste Frau Weiler geschlagene vier Stunden warten, bis die Kriminalpolizei endlich eintraf, um den Einbruch aufzunehmen. Was um so ärgerlicher war, als die Einbrecher noch nicht weit weg gewesen sein konnten, als Frau Weiler das erste Mal bei der Polizei anrief.

Eine Frage der Prioritäten

Dass es derart lange gedauert hat, bis die Polizei in Monschau war, bezeichnet der Sprecher der Aachener Polizei, Paul Kemen, als „unglücklich“. In diesem Fall habe dies in erster Linie „mit der Prioritätensetzung zu tun“ gehabt: Der Schaden war bereits entstanden, die Täter waren weg, es bestand keine weitere Gefahr. Andere Einsätze gingen vor. Hätte jemand Frau Weiler als Geisel genommen oder wäre sie von den Einbrechern niedergeschlagen worden, „wären wir sehr viel schneller in Monschau gewesen“, sagt Kemen.

Was Kemen nicht sagt: Auch die Aachener Polizei ist personell am Limit. Weil das so ist und weil man vom Polizeipräsidium aus nicht so sehr schnell in Stolberg, Baesweiler oder eben Monschau ist, musste Frau Weiler so lange warten. Problematisch ist: Die Situation wird sich kaum entspannen.

Zwar weist das nordrhein-westfälische Innenministerium, das für die Polizei zuständig ist, darauf hin, dass die Zahl der Polizisten in den letzten Jahren konstant bei rund 40.000 im Land liegt. Allerdings hat die Kriminalität nach Auskunft der Gewerkschaft der Polizei seit 2009 um 11,6 Prozent zugenommen, Einbrüche sogar um 40 Prozent. Alle neun Minuten wird in Nordrhein-Westfalen eingebrochen. Mehr Straftaten, aber nicht mehr Personal. Das hat dazu geführt, dass die Polizisten jährlich mittlerweile zwei Millionen Überstunden machen. Die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen liegt trotzdem unter zehn Prozent. Möglicherweise auch, weil die Polizei, wie im Fall von Frau Weiler, nicht bei jedem Einbruch schnellstmöglich am Tatort sein kann.

41 Millionen Euro weniger

Es gibt Polizisten, die hinter vorgehaltener Hand von einer Mangelverwaltung sprechen, die in den Polizeibehörden herrsche, überall würden ständig Personallücken gestopft. Aachens Polizeipräsident Klaus Oelze will das auf Anfrage unserer Zeitung so nicht bestätigen. Zwar „hätte ich sicherlich gerne hier und dort mehr Personal“, sagt Oelze. „Das heißt aber nicht, dass wir mit einer Mangelverwaltung konfrontiert sind“. Er habe „nicht zu viele Polizisten, aber auch nicht zu wenige“.

Bei der Gewerkschaft der Polizei hört sich das etwas anders an. Der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Landesverbandes, Arnold Plickert, glaubt, dass die Polizei bis 2020 mit etwa 1800 Beamten weniger als im Moment auskommen muss. Was in erster Linie natürlich eine Frage des Geldes ist: Fast 2,7 Milliarden Euro kostet der Polizeibetrieb pro Jahr, es ist nicht abzusehen, dass die Landesregierung den Etat deutlich erhöhen wird, im Gegenteil: Sie hat für 2013 fast 41 Millionen Euro weniger angesetzt als noch für 2012.

Das Innenministerium weist darauf hin, dass jährlich mehr als 1400 Polizisten eingestellt werden. Dem stehen allerdings die Abgänge meist aufgrund von Pensionierungen gegenüber, die bis 2017 bei etwa 2000 im Jahr liegen werden. De facto sinkt also die Zahl der Polizisten, während die Zahl der zu bearbeitenden Fälle steigt.

Wie viele Polizisten im für Wohnungseinbrüche zuständigen Kriminalkommissariat 15 arbeiten, gibt Klaus Oelze offiziell nicht bekannt. Auch deswegen, weil die Zahl sich öfter ändert. Ist die Region wie im Moment von ganzen Einbruchsserien betroffen, sind dort mehr Beamte im Einsatz. Gibt es zum Beispiel aufsehenerregende Mord- oder Entführungsfälle, kann es aber passieren, dass andere Kriminalkommissariate mit Mitarbeitern aus dem Einbruchskommissariat verstärkt werden.

Frau Weiler hat von Personalknappheit bei der Polizei nichts gewusst. An diesem Tag im April musste sie von 11.30 bis 15.30 Uhr auf die Polizei warten, da waren die Einbrecher längst weg. Nachbarn hatten sich das Nummernschild ihres Autos notiert, doch das Nummernschild war gefälscht, wie eine Überprüfung im Verkehrsregister ergab. Die Einbrecher nahmen Geld, Schmuck und Brillen mit, die Versicherung hat bislang nur die aufgebrochene Haustür ersetzt. Von den Tätern fehlt der Polizei jede Spur. Die Polizisten, sagt Frau Weiler, seien zwar spät gekommen. Aber dafür seien sie sehr freundlich und hilfreich gewesen.

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