Städteregion Aachen - Hightech-„Molch“ zischt durch die Röhre

Hightech-„Molch“ zischt durch die Röhre

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Der Molch wird an der Schleuse in die Gasleitung eingeführt. Insgesamt fahren vier Molche durch die Pipeline. Foto: Open Grid Europe
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Hier fließen Vicht und Münsterbach zusammen: Damit das Wasser gut durch die Pumpen kommt, wurde es mit künstlichen Dämmen gestaut.
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Blick ins Blaue: Christian Hille an den Silos. Hier wird das zuvor entnommene Wasser mit Aktivkohle gereinigt. Foto: D. Kinkel-Schlachter
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Die Verdichterstation mit Molchschleusen: Hier werden die Inspektionsgeräte eingesetzt, um die Pipeline im Abschnitt Bochholtz-Stolberg-Auderath per Ultraschall auf ihre Intaktheit zu prüfen.

Städteregion Aachen. „Für die insgesamt 113 Kilometer lange Leitung werden rund 48 Milliarden Messungen vom Molch vorgenommen. Die untersuchte Oberfläche entspricht dabei der Fläche von circa 47 Fußballfeldern. Schreibt man die Messungen auf Papier, überragt der Stapel den Mont Blanc.

Die Anzahl der Messungen entspricht der Anzahl der Kopfhaare aller 408.000 Duisburger Einwohner!“ Und was ist mit den knapp 540 000 Einwohnern der Städteregion? „Das lässt sich ziemlich einfach ausrechnen“, sagt Christian Hille. Auf die Frage, ob er zu viel Zeit habe, antwortet er mit einem Lachen. Christian Hille ist Projektleiter der „US-Molchung“. Das heißt, dass an der Erdgasleitung eine Ultraschalluntersuchung stattfindet.

Die „Trans Europa Naturgas Pipeline“ (TENP) von Stolberg bis Wallbach an der Schweizer Grenze wird auf ihre Integrität untersucht. Federführend für diese Inspektion ist die Open Grid Europe. Das Unternehmen (ehemals E.ON Gastransport) vermarktet und betreibt das größte Ferngasleitungsnetz Deutschlands. Im Leitungsabschnitt zwischen der Verdichterstation Stolberg, die sich unweit des Gut Schwarzenbruchs befindet, und der Schieberstation Auderath bei Cochem an der Mosel ist der Molch zurzeit unterwegs. Genauer gesagt vier: Drei Molche fahren vorneweg durch die Pipeline, um selbige zu reinigen und sicherzustellen, dass kein Wasser in den mit Luft befüllten Leitungsabschnitt kommt. Molch Nummer vier ist der so genannte intelligente Molch.

Wie bei einer TÜV-Untersuchung

Das High-Tech-Messgerät wurde am Dienstag in die Gasleitung eingesetzt und misst die Dicke der Rohrwand, womit unmittelbar nach der Molchung genaue Aussagen über den Zustand der Leitung möglich sind. „Diese Untersuchungen werden durchgeführt, um langfristig die Integrität und den sicheren Betrieb der Leitung nachzuweisen, vergleichbar mit einer TÜV-Untersuchung an Kraftfahrzeugen“, erklärt Das Inspektionsgerät kann die Pipeline von innen prüfen und Daten zu Länge, Tiefe, Breite und Lage etwa eines Korrosionsfehlers oder eines Risses liefern.

Damit die Ultraschalltechnologie eingesetzt werden kann, ist die Gasleitung abgestellt worden, weil der zu untersuchende Leitungsabschnitt mit Wasser gefüllt werden muss. Das ist notwendig, um den Kontakt zwischen dem Messkopf des Molchs und der Rohrinnenwand herzustellen, ähnlich wie bei einer Ultraschall-Untersuchung bei uns, bei der schließlich auch ein Kontaktmedium nötig ist. Mit Hilfe des Wassers und von Druckluft wird der Molch durch die Leitung gejagt. In den vergangenen Jahren wurden mit dieser Technologie an der gleichen Erdgasfernleitung bereits vier Teilbereiche zwischen Auderath und der Messstation Wallbach in der Schweiz erfolgreich inspiziert.

„Wir können zurzeit die längste Wasserleitung Deutschlands – 100 Kilometer von Stolberg bis Auderath – bieten. Das gab es so noch nie“, schwärmt Projektleiter Christian Hille von der innovativen Methode.

Aufs Gelände im Würselener Wald dürfen Fremde nur in Begleitung einer der hier für das Projekt tätigen 94 Mitarbeiter – und dann auch nur nach eingehender Sicherheitsunterweisung und mit feuerhemmender, körperbedeckender Kleidung. Helm und Arbeitsschuhe inklusive. Traumhafte Bedingungen bei 25 Grad Außentemperatur... Die Unterweisung übernimmt Thorsten Zens sehr gewissenhaft, „Sicherheit wird bei uns ganz groß geschrieben“, betont Hille. Spätestens während der Einweisung wird klar, warum: Wir haben es hier mit Gas zu tun. Man kann es nicht sehen, nicht riechen. Der dafür so typische Geruch wird erst später hinzugefügt. „Gas hat ein explosives Wesen“, sagt Zens und erklärt, was zu tun ist bei einem Gasunfall.

Gut, dass hier noch nie etwas explodiert ist. „Der größte Feind der städtischen Erdgasleitung ist der Bagger“, fügt Helmut Roloff hinzu und lächelt verschmitzt. Und dann erklärt er, dass Open Grid viel in Sachen Sicherheit mache. Neben der Ultraschall-Molchung werden die Leitungen regelmäßig abgegangen, eine Kontrolle findet auch per Hubschrauber statt. Wird an einer Stelle Methan freigesetzt, so könne das mit einem Infrarot-Lasersystem erkannt werden, „und das ist so genau, dass es sogar bei Kuhdung reagiert“, sagt Hille. Liegen Leitung und Kuhweide also so dicht beieinander, dass nicht genau feststeht, woher das Methan austritt, muss im Zweifel ein Mitarbeiter das Ganze vor Ort unter die Lupe nehmen.

Zurück zum Molch: Warum der genau so heißt, wie er eben heißt, kann keiner beantworten. Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia heißt es: „Ein Molch (englisch pig – pipeline inspection gauge) ist ein Reinigungs- oder Inspektionsgerät zum Einsatz in Rohrleitungen.“ Na ja, während im Englischen die Sau durchs Dorf, beziehungsweise durch die Leitung gejagt wird, ist es hierzulande eben der Molch. Der ganze Molchzug, der mit sage und schreibe 90 Millionen Litern Wasser aus Vicht und Münsterbach durch die Pipeline fährt, ist etwa 500 Meter lang und bewegt sich mit 0,8 Kilometern pro Stunde. Gerade ist er durchs Rurtal gefahren, hat ein gutes Drittel der 100 Kilometer langen Süd-Strecke zurückgelegt. Den Lauf des Molches können und müssen die Berechnungsingenieure in der Leitwarte genau verfolgen, und zwar rund um die Uhr.

Das Wasser für die Ultraschall-Untersuchung haben die Mitarbeiter aus der Inde, unmittelbar nach Zusammenfluss von Münsterbach und Vicht entnommen. Der Verlauf der hierfür zum Einsatz kommenden Stahl-Wasserleitung beginnt an der Entnahmestelle an der Münsterbachstraße, quert die Bahntrasse der Euregio und verläuft dann über das Bahngelände in Richtung der Firma Kerschgens. Anschließend wird von der Steinstraße ausgehend der Wald in Richtung Würselener Straße durchquert. Dort liegt die Leitung neben dem Radweg und kommt an zwei mobilen Hochleistungspumpen auf der TENP-Verdichterstation an. Im Anschluss an die Untersuchung wird das Wasser nach einer Reinigung durch Aktivkohle in riesigen Silos der Stolberger Kläranlage zugeführt.

Das eigentliche Projekt dauert nur vier Wochen, die Planung dafür hat laut Christian Hille zwei Jahre in Anspruch genommen „und füllt eine ganze Menge Ordner“. Wenn der Molch am Sonntag wieder zurück ist, prüft er noch die Leitung, die von Stolberg aus 15 Kilometer nördlich in die Niederlande führt.

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