Häusliche Gewalt: Professionelle Hilfe suchen die wenigsten

Von: Lilian Killmeyer
Letzte Aktualisierung:
14644121.jpg
Interessante statistische Auswertung: Die Interventionsstelle von dem Verein „Frauen helfen Frauen e.V.“ – hier mit (v.r.) Sylvia Reinders, Renate Wallraff und Natalia Uslu – bietet professionelle Hilfe. Foto: Ralf Roeger

Städteregion. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben ohne Gewalt und Angst. Doch gerade in Familien und Beziehungen ist häusliche Gewalt kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr hat die Polizei Aachen rund 960 Strafanzeigen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt aufgenommen.

Bei mehr als 70 Prozent der Fälle wurde der Täter der Wohnung verwiesen, und zwar mit der Auflage, zehn Tage lang nicht zurückzukehren. Darüber hinaus benötigen die Opfer zeitnahe, professionelle Hilfe.

Für den Bereich der Stadt Aachen übernimmt diese Aufgabe die Interventionsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“, für die Städteregion Aachen die in Alsdorf angesiedelte „Fachstelle gegen häusliche Gewalt“ des Diakonischen Werkes im Kirchkreis Aachen.

Rund 404 Fälle häuslicher Gewalt vermittelte die Polizei an die jeweils zuständigen Interventionsstellen. „Um in diesen Fällen schnell reagieren zu können, am besten noch, solange die Wohnungsverweisung des Täters anhält, ist eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei sehr wichtig“, betont Natalia Uslu, Leiterin von „Frauen helfen Frauen“.

Denn kommt es zu einem polizeilichen Einsatz im Rahmen häuslicher Gewalt, so erhalten die Betroffenen von der Polizei nicht nur Informationen über ihre weiteren Handlungsmöglichkeiten. Sie können zudem einwilligen, dass ihre persönlichen Daten direkt an die Interventionsstellen vermittelt werden. „Das Besondere dabei ist unser pro-reaktiver Ansatz“, erklärt die Leiterin der Interventionsstelle in Alsdorf, Renate Wallraff. „Die direkte Übermittlung der Daten macht es uns möglich, auf die Betroffenen direkt und ohne Zeitverzug zuzugehen.“

Doch die Statistik zeigt ebenfalls, dass in rund 50 Prozent der Fälle ein Kontakt zwischen den Betroffenen und den Beratungsstellen gar nicht erst zustande kommt. Den Grund dafür sehen die Leiterinnen der Interventionsstellen sowie die Kriminalhauptkommissarin und Oberschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Aachen, Sylvia Reinders, darin, dass die Polizei eine Vermittlung an eine Interventionsstelle zwar anbieten, ohne die Zustimmung der betroffenen Person aber nicht tätig werden kann.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Opfer in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Vorfall nicht in der Lage sind, klar zu denken, und Informationen zu weiteren Handlungsmöglichkeiten nicht bei ihnen ankommen“, berichtet Reinders. Das sei besorgniserregend, da es sogar mit professioneller Unterstützung schwierig sei, Betroffene aus den gewalttätigen Strukturen zu befreien. Doch eine Gesetzesänderung, die eine Übermittlung der Daten von Betroffenen auch ohne deren Zustimmung erlaubt, ist in NRW nicht zuletzt aufgrund des Daten- und Gewaltschutzgesetzes vorerst nicht vorgesehen.

Außerdem zeigt die Statistik, dass lediglich rund die Hälfte der vermittelten Personen das Angebot der kostenlosen Beratung in Anspruch nehmen. Ein noch kleinerer Anteil ist dazu bereit ist, sich aus der schwierigen Situation zu befreien und sich vom gewalttätigen Partner zu trennen. Die Zahl der Anzeigen in diesem Kontext ist im Vergleich zu 2015 um rund zehn Prozent gestiegen – wenngleich diese positiv erscheinende Entwicklung keine Konstanz aufweise. Im Gegenteil, in den vergangenen Jahren beobachten die Experten ein ständiges Auf und Ab.

Das Durchschnittsalter der betroffenen Personen liegt zwischen 26 und 40 Jahren. Die deutliche Mehrheit der von häuslicher Gewalt betroffenen Personen sind nach wie vor Frauen. Doch ist an der statistischen Auswertung des Jahres 2016 augenfällig, dass zunehmend auch männliche Opfer das Beratungsangebot der beiden Interventionsstellen in Anspruch nehmen.

So wurden im vergangenen Jahr 18 Männer beraten. Während Frauen meist von ihrem Ehemann oder Partner misshandelt werden, geht die häusliche Gewalt gegen Männer in der Regel von den nicht immer erwachsenen Kindern aus.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert