Grundschule führt den jahrgangsübergreifenden Unterricht 1 bis 4 ein

Von: Michael Grobusch
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Die „Katzenklasse“ von Duygu Müller-Giebeler ist eine von neun Klassen der Stolberger Hermannschule, in denen Kinder der ersten drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Ab dem nächsten Schuljahr wird das Konzept auch auf die vierten Klassen ausgeweitet. Foto: Michael Grobusch

Städteregion. Am Anfang war die Skepsis groß: Als an der Stolberger Grundschule Hermannstraße kurz nach der Einführung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts in der Eingangsstufe erste Überlegungen laut wurden, das Modell auf die Klassen 3 und 4 auszuweiten, gab es im Kollegium wie auch bei den Eltern nicht wenige Bedenkenträger.

Zwar hatte sich der neue Ansatz mit zwei Jahrgängen im Laufe des Schuljahres 2013/14 schnell bewährt und breite Akzeptanz erfahren. „Doch das jahrgangsübergreifende Lernen auf die gesamte Schule auszuweiten, das ist natürlich noch einmal eine andere Dimension“, räumt Renate Krickel ein. Dennoch hielt die Leiterin der Stolberger Schule an der Idee fest und kämpfte für sie. Mit Erfolg, wie sie in einem ersten Fazit anlässlich der Herbstferien gegenüber unserer Zeitung feststellt. Seit Mitte August lernen an der Hermannschule Kinder der ersten drei Schuljahre gemeinsam. Und ab nächstem Sommer werden es dann alle tun.

In der Städteregion hat das Seltenheitswert. Bis dato bieten gerade einmal sechs von insgesamt 92 Grundschulen in den zehn angeschlossenen Kommunen das „Jül“, wie es in Fachkreisen genannt wird, für alle Altersstufen an. „Für die Schule ist die Umstellung eine große Herausforderung. Das Konzept geht nur auf, wenn es im Kollegium eine pädagogische und didaktische Geschlossenheit gibt und eine klare Vereinbarung, was das Arbeiten im Team betrifft“, betont Renate Krickel. Um das sicherzustellen, gibt es an der Hermannschule jetzt einen Präsenznachmittag. Außerdem sind alle Lehrerinnen via Internet miteinander vernetzt.

Und die Kinder? „Wir haben noch nie einen solch entspannten Start ins neue Schuljahr gehabt“, stellt die Schulleiterin zufrieden fest. „Normalerweise hatten wir pro Eingangsklasse 25 Jungen und Mädchen, die sich zunächst orientieren mussten. Da war an vernünftigen Unterricht in den ersten Wochen nicht zu denken.“ Jetzt sind in jeder Klasse fünf bis sechs Kinder pro Jahrgang vertreten. „Und die helfen sich wunderbar untereinander“, freut sich Duygu Müller-Giebeler. Mehr noch: „Die Großen haben sich geradezu darum gerissen, den neuen Schülern zu helfen“, schmunzelt die Lehrerin, die eine der neun jahrgangsübergreifenden Klassen, die „Katzenklasse“, leitet.

Der theoretische Ansatz des „Jül“ bestätigt sich also in der Praxis. Dass Schwächere von Stärkeren profitieren und diese wiederum mit ihren Aufgaben, die sich dabei stellen, wachsen, ist eines der Grundprinzipien. Zu diesen zählt auch die Möglichkeit, dass leistungsstarke Kinder sehr viel schnellere Lernfortschritte machen können, als dies in einer Regelklasse der Fall ist. Das geht in geprüften Fällen so weit, dass die Grundschulzeit bereits nach drei Jahren endet. Auf der anderen Seite ist aber auch eine sogar fünfjährige Verweildauer vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule möglich.

Jahrgangsübergreifend steht in den Augen von Renate Krickel auch für Beziehungskonstanz. „Die ist von ganz großer Bedeutung“, erklärt die Schulleiterin. „Kinder brauchen nicht nur einen geregelten Tagesablauf, sondern auch verbindliche und ihnen vertraute Ansprechpartner.“ Wechsel in der Klassenleitung könnten so vermieden werden. „Und um unseren aktuellen Viertklässlern einen solchen Wechsel im letzten Jahr zu ersparen, haben wir sie von dieser Umstellung ausgenommen.“

Jahrgangsübergreifender Unterricht an der Hermannschule bedeutet allerdings nicht, dass die Altersgrenzen in allen Bereichen aufgehoben werden. Zumindest noch nicht. Neben dem offenen Anfang, dem gemeinsamen Morgenkreis sowie dem Wochenplan- und dem Projektunterricht finden zwischen sechs und 13 Stunden jahrgangsbezogener Unterricht statt. Dann stehen Mathematik, Deutsch, Englisch, andere Sprachen und Sport auf dem Programm. „Wir denken aber schon jetzt darüber nach, auch den Fachunterricht in das ‚Jül‘ überzuleiten“, erzählt Renate Krickel. Und das tut sie mit voller Überzeugung.

„Das jahrgangsübergreifende Konzept ist innovativ und inklusiv“, schwärmt die Schulleiterin. Und es habe damit auch für Flüchtlingskinder einen „klaren Mehrwert, weil es den Einstieg auch während des Jahres und zudem eine besonders individuelle Förderung ermögliche. „Das ist der Königsweg für die Inklusion.“

Renate Krickel kann das besonders gut einschätzen: Die Hermannschule, seit 2002 als „internationale Begegnungsschule“ anerkannt und im September 2014 als „Schule ohne Rassismus“ ausgezeichnet, besuchen derzeit 214 Kinder aus 26 Herkunftsländern mit insgesamt 20 verschiedenen Muttersprachen.

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