Generationenprojekte im Quartier gefragt

Von: Andreas Röchter
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Auf gute Nachbarschaft! Auch Nachbarschaftsfeste wie dieses sind ein probates Mittel, Jung und Alt zusammenzubringen und zu einem für beide Seiten fruchtbares Miteinander zu führen. Foto: Stock/Werner Otto
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Die Suche nach der „Heimat im Quartier“ als Herausforderung, die aber auch zahlreiche Chancen biete: Professor Dr. Reinhold Knopp von der Fachhochschule Düsseldorf brachte während der Fachkonferenz „Auf gute Nachbarschaft“ zahlreiche Ideen ins Spiel. Foto: Andreas Röchter

Städteregion. So lange ist es noch gar nicht her, dass eine „gute Nachbarschaft“ (beinahe) selbstverständlich war. Nachbarschaft bedeutete zwar nicht zwangsläufig Freundschaft, doch Menschen, die in unmittelbarer Nähe wohnten, kannten sich, waren sich vertraut und wussten viel voneinander. Diese Zeiten sind vorbei!

In der nicht zuletzt durch modernste Kommunikationstechniken „individualisierten“ Gesellschaft scheint der Mensch weitgehend autark geworden zu sein und den „Nächsten“ nicht mehr zu benötigen!

Doch ist dies wirklich so? Langsam wächst das Bewusstsein, dass die Gesellschaft inzwischen schwerwiegende Defizite im zwischenmenschlichen Bereich aufweist. Um Wege aufzuzeigen, Einsamkeit, Isolation und Anonymität zu überwinden, luden die Verantwortlichen des Herzogenrather Vereins „Senioren ohne Grenzen“ mit der Vorsitzenden Maria Dünnwald an der Spitze in Kooperation mit dem Amt für Altenarbeit sowie dem Kommunalen Integrationszentrum der Städteregion Aachen unter der Überschrift „Auf gute Nachbarschaft“ zu einer Fachkonferenz in das Senioren- und Betreuungszentrum der Städteregion Aachen nach Eschweiler ein.

Beispiele aus Setterich

„Wir reden hier heute über den Quartiersgedanken. Dieser Gedanke ist wichtig und wird noch wichtiger werden. Denn die Menschen sagen, dass sie dort alt werden, falls nötig gepflegt werden und schließlich auch sterben wollen, wo sie gelebt haben. Und das, was die Menschen wollen, sollten wir versuchen, umzusetzen“, begrüßte Günter Schabram, Dezernent für Soziales und Integration der Städteregion Aachen, die Konferenzteilnehmer.

Dann ergriff Maria Dünnwald zu einem kurzen Grußwort das Mikrofon: „Ziel dieser Veranstaltung ist es, gegen die Vereinzelung innerhalb der Gesellschaft positive Signale zu setzen. Es gilt, aus dem Nebeneinander ein Miteinander zu formen. Dabei geht es um die Lebenswirklichkeit im unmittelbaren Umfeld aller Altersgruppen und Bevölkerungsschichten“, so die Vorsitzende von „Senioren ohne Grenzen“.

In seinem interaktiven Vortrag „Heimat im Quartier - Herausforderungen und Chancen“ beleuchtete Professor Dr. Reinhold Knopp von der Fachhochschule Düsseldorf auf sehr anschauliche Weise die derzeitige Situation, arbeitete aber auch Möglichkeiten heraus, das Miteinander der Menschen innerhalb eines Quartiers oder eines Stadtviertels zu verbessern. „Es ist keine neue Erkenntnis, wenn ich sage, Deutschland altert. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass eine 60-jährige Person heute ganz anders alt ist als früher.“

Hätten im Jahre 1968 nur vier von hundert Ruheständlern Sport getrieben, liege die Zahl heute bei 44. „Auch durch den in den 70er Jahren eingeleiteten Bildungsschub haben ältere Menschen heute ganz andere Voraussetzungen als früher.“

Dennoch dürfe man die Augen vor der zunehmenden Gefahr sozialer Ungleichheit nicht verschließen. Versorgung und Pflege seien wichtige Themen. Unterstützungsstrukturen innerhalb der Familie fielen häufig weg, da die Tendenz dahin ginge, dass junge Menschen ihren Heimatort verließen. „Und überhaupt: Wer hat heute noch Kinder und Enkel?“, fragte Professor Dr. Reinhold Knopp.

Darüber hinaus steige die Unterschiedlichkeit der Menschen und damit auch die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse. Auch das Problem „Barrierefreiheit“ sprach der Referent an. „Nicht alle Barrieren können entfernt werden, aber natürlich sollten sich die Menschen in ihren Wohnungen bewegen können.“

Es gebe zahlreiche Herausforderungen, aber eben auch Chancen. „Diese liegen unter anderem darin, das Interesse an neuen Wohnformen zu wecken. Stichwort: Generationenprojekte!“ Zu den Zielen müsse gehören, die vorhandene Infrastruktur zumindest zu erhalten. „Einrichtungen der Altenarbeit haben in der Regel Ressourcen, etwa für einen Mittagstisch oder Physiotherapie. Mancherorts stellen Wohnungsgesellschaften eine Wohnung als Treffpunkt zur Verfügung. Entscheidend ist, ein soziales Miteinander zu schaffen, Ressourcen für alle Menschen zugänglich zu machen und so alle Menschen partizipieren zu lassen.“

Eines müsse aber klar unterstrichen werden: „Wir brauchen die Unterstützung durch professionelle Begleiter. Nicht alle Aufgaben dürfen auf das bürgerschaftliche Engagement, sprich, auf Ehrenamtler, abgewälzt werden. Und auch die Kommunen sind alleine überfordert. Land und Bund müssen mitarbeiten“, ließ Professor Dr. Reinhold Knopp keine Zweifel. Einer seiner Vorschläge lautete, Verknüpfungen zwischen den Quartieren herzustellen. So sei es hilfreich, Veranstaltungen nicht immer am gleichen Ort stattfinden zu lassen, sondern möglichst viele Quartiere einzubeziehen.

Darüber hinaus gab der Redner zu bedenken, dass auch früher beileibe nicht alles perfekt gewesen sei. Der Begriff Nachbarschaft´ habe in früheren Zeiten häufig für negative soziale Kontrolle nach dem Motto „Was sollen die Nachbarn von uns denken?“ gestanden. Heute sei die Wahrnehmung umgekehrt. „Was regt heutzutage noch auf? Was wir benötigen, ist eine positive soziale Kontrolle, also Achtsamkeit“, schloss Professor Dr. Reinhold Knopp seine Ausführungen.

Zum Abschluss der Fachkonferenz empfing Moderatorin Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz der Städteregion Aachen, Personen auf dem Podium, die unter dem Motto „Voneinander wissen - sich kümmern - Zusammenleben - Wie geht das?“ fünf außergewöhnliche Beispiele aus der Region vorstellten: Nettie Engels vom niederländischen Netzwerk „Senioren ohne Grenzen“ berichtete über die „Wijk-Platform“ in Kerkrade-West, Maria Mallmann von der „Forster Seniorenberatung“ brachte den Zuhörern ihre Erfahrungen als „Quartiersmanagerin“ näher, Ute Fischer unterrichtete über die Initiativen des „Stadtteilbüros Setterich“ in Baesweiler, Renate Peters stellte die Aktivitäten der „Nachbarschaftshilfe Eschweiler“ vor, während Helmut Königs über die Projekte des „Heimatvereins Noppenberg“ im Osten Herzogenraths berichtete.

Beim darauffolgenden Gedankenaustausch zwischen den Personen auf und vor dem Podium war der Tenor eindeutig: In Sachen „Quartiersarbeit“ dürften die Ehrenamtler nicht alleine gelassen werden. Professionelle Hilfeleistungen seien unabdingbar. Und: „Das Hauptaugenmerk muss auf den zwischenmenschlichen Beziehungen liegen. Und in dieser Hinsicht müssen Einrichtungen wie etwa Seniorenzentren mit ins Boot geholt werden“, fasste Professor Dr. Reinhold Knopp zusammen.

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