Fundus der Romanistik: Die Bibliothek der verlorenen Schätze

Von: Thorsten Karbach
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Wird diese Tür demnächst für immer geschlossen? Die Bibliothek der Romanistik der RWTH umfasst 50.000 Bände. Doch mit dem Aus der Lehramtsfächer Spanisch und Französisch wird sie in Zukunft kaum mehr gebraucht. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Normalerweise wird in diesen Tagen mehr denn je zu Voltaire gegriffen. Oder einem der anderen französischen Philosophen, die ein paar Meter der Regale in der Bibliothek der Romanistik ausfüllen.

Doch nachdem die Philosophische Fakultät der RWTH Aachen das Aus für die Lehramtsfächer Spanisch und Französisch beschlossen hat, wurden in diesem Jahr dort keine Erstsemester mehr aufgenommen, die zu Beginn des Wintersemesters sonst so viele Stunden in der Bibliothek verbringen. Und so steht Voltaire unberührt im Regal. Die Tische und Stühle zwischen den Regalen sind leer, und Bibliothekarin Nicole Cruz-Dittrich sagt: „Man spürt sehr deutlich, dass keine Erstsemester da sind.“

Die Fragen, die nun hier im Raum stehen, lauten: Was passiert eigentlich mit den 50.000 Büchern, Zeitschriften, Kassetten und CDs, die hier in der Bibliothek der Romanistik und im Belgienzentrum im Technologiezentrum am Europaplatz stehen? Was wird aus den kostbaren Werken, die im Archiv liegen? Was wird aus der portugiesischsprachigen Spezialbibliothek mit portugiesischen, brasilianischen und afrikanischen Werken – einem Regal im Untergeschoss des alten Schulhauses an der Kármánstraße, vor dem nun Helmut Siepmann steht?

Siepmann, Romanistikprofessor und Altdekan der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen, sagt: „So etwas findet man nicht oft. Selbst die großen Universitätsbibliotheken haben keine solche Auswahl.“ Die ersten Bände hatte er in Koffern aus Brasilien nach Aachen getragen. Nun nimmt Siepmann einen Band aus Angola in die Hand und sagt: „Hier steckt viel Herzblut drin. Ich frage mich, was aus diesen Schätzen wird.“

Die Entscheidung gegen die Lehramtsfächer Französisch und Spanisch und damit gegen die Romanistik ist gefallen. Die Hoffnung mag bei den Betroffenen wie Helmut Siepmann noch leben, aber nicht mehr allzu stark. Es gab zwar zuletzt beim großen Lusitanistentag in Aachen, einem Kongress der portugiesischsprachigen Welt, weitere Protestnoten, aber die Philosophische Fakultät müsste die eigene Entscheidung wieder rückgängig machen. Sie steckt mitten im Umbruch, ist hinter den Kulissen dabei, sich neu aufzustellen. Da ist eine solche Entscheidung nicht zu erwarten.

Also, was wird aus dem Schatz der Romanisten? Als die Bibliothek der Komparatistik mit dem Fach aufgelöst wurde, da wurden die Bände auf andere Bibliotheken der Hochschule verteilt. Das ist grundsätzlich immer möglich, auch im Fall der Romanistik-Bibliothek. Doch wissen die Romanisten: Die in Italienisch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch verfassten Bücher würden anderswo nur herumstehen und verstauben.

Kaum Verwendung

Wer liest Petrarca im Original? Auch wenn der in seinem „Familiarium Rerum Libri (I,4: Ad Johannem de Columna cardinalum)“ von Aachen und Karl dem Großen berichtet. In dieser Stadt gibt es kaum mehr Verwendung für ein solches Werk. „Wer würde das in einer anderen Bibliothek lesen wollen?“, fragt Siepmann. Dabei wächst die Bibliothek – wenn auch langsamer als in besseren Zeiten – immer noch. Die belgischen und die portugiesischen Behörden schicken weiterhin neue Publikationen. „Es ist nicht einfach, den Kulturbehörden zu verstehen zu geben, dass dies bald keinen Sinn mehr hat“, berichtet Siepmann.

Es ist noch nicht lange her, da wurde der Aachener Romanistik die Bibliothek des verstorbenen Dieter Woll vermacht. Der gebürtige Aachener zählte zu den bekanntesten Hispanisten und Lusitanisten im Land, lehrte in Heidelberg und Marburg. Im vergangenen Dezember kam die Bibliothek von Professor Alberto Barrera-Vidal hinzu. Alles wurde in den Katalog aufgenommen. Alles ist längst digitalisiert, die Zettelkästen stehen zwar noch und erinnern an längst vergangene Zeiten in der 1966 gegründeten Bibliothek. 450 Quadratmeter ist sie groß, es gibt 84 Arbeitsplätze, weniger als eine Handvoll ist an diesem Morgen besetzt. „Das ist schon traurig“, sagt Cruz-Dittrich.

Inmitten der belgischen Literatur, die am Europaplatz die Regale füllt, sitzen immer wieder Übersetzer. Die Romanistik der RWTH ist anerkanntes Belgienzentrum. Die Anfänge der enormen Aachener Sammlung mit Büchern wie Comics hat die Professorin Anne Begenat-Neuschäfer aus Osnabrück mit an die RWTH gebracht.

Helmut Siepmann nennt es heute ein „kleines Paradies“ für Literaturfreunde. Das „Zentrum für französische Sprache und Literatur Belgiens“ wurde im Jahr 2001 eröffnet und ist das einzige Forschungs- und Lehrzentrum seiner Art an einer deutschen Universität. Dessen Zukunft? Auch so eine Sache.

Die Bibliothek der Aachener Romanistik wäre nicht die erste in Deutschland, die am Ende aufgelöst würde. Und sie wäre mit Sicherheit auch nicht die letzte. Insgesamt sind Hochschulbibliotheken im Wandel. Die Digitalisierung des Lernens macht sie nicht mehr zu einem zentralen Treffpunkt für die, die für Prüfungen lernen oder Hausarbeiten verfassen. Aber sie sind eben immer noch Anlaufstelle für Literaturrecherche und die Auseinandersetzung mit – ja, etwa mit Voltaire. Helmut Siepmann sagt: „Das alles ist noch zu retten.“

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