Finanzielle Not belastet viele Schwangere

Von: Sonja Essers
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Vertrauliche Geburt und Beratung von Flüchtlingsfrauen: Auf Maria Küpper (links) und Brigitte Hermanns-Spilles von der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt kommen immer wieder neue Aufgaben zu.

Städteregion. Knapp 660 Ratsuchenden haben Brigitte Hermanns-Spilles und Maria Küpper im vergangenen Jahr geholfen. Die Sozialpädagoginnen arbeiten in der Beratungsstelle für Sexualität, Schwangerschaft und Familienplanung der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Kreisverband Aachen-Land, mit Sitz in Eschweiler.

Die Schwangerschaftskonfliktberatung umfasste mit 283 Beratungsfällen und 294 Beratungsgesprächen 43 Prozent der Erstberatungen. Am häufigsten nannten Schwangere ihre körperliche oder psychische Verfassung als Grund dafür, dass sie professionellen Rat suchten. Auch das Alter der Frauen spielte eine wichtige Rolle: Entweder fühlten sie sich zu jung oder zu alt oder die Familienplanung war bereits abgeschlossen. Finanzielle und wirtschaftliche Probleme waren ebenso Thema in den Beratungsgesprächen wie die berufliche Situation und das Leben als Alleinerziehende.

Viele Flüchtlingsfrauen

Im vergangenen Jahr mussten sich die beiden Beraterinnen mit einem neuen Phänomen auseinandersetzen. „Wir hatten einen sehr großen Zulauf von Flüchtlingsfrauen“, berichtet Küpper. Oft sei da eine komplexere Beratung notwendig gewesen. Die Frauen lebten überwiegend in Eschweiler. Für Flüchtlingsfrauen aus anderen Städten sei es nicht immer möglich, in die Indestadt zu kommen, meint Küpper.

In der Schwangerschaftskonfliktberatung informieren die beiden Sozialpädagoginnen über rechtliche und familienfördernde Leistungen, potentielle finanzielle Hilfen sowie weitere Unterstützungen, die eine Entscheidung für die Schwangerschaft erleichtern können. Wenn es von der ratsuchenden Frau gewünscht ist, gibt es auch medizinische, rechtliche und finanzielle Informationen zum Schwangerschaftsabbruch.

Während die Zahl der Schwangerschaftskonfliktberatung bei der Arbeiterwohlfahrt im Vergleich zu den Vorjahren stabil geblieben ist, stieg die Zahl der allgemeinen Schwangerenberatungen auf 373 Fälle, bei denen 654 Beratungsgespräche geführt wurden. „Das deckt sich mit den bundesweiten Zahlen, die besagen, dass die Schwangerschaftsabbrüche zurückgegangen sind“, sagt Küpper.

Die allgemeine Schwangerenberatung sowie Erstberatungen zu Themen wie Familienplanung, Verhütung, Sexualität und Partnerschaft, machen 57 Prozent der Arbeit der beiden Sozialpädagoginnen aus. In der allgemeinen Schwangerenberatung werden Frauen und Paare unter anderem über sozialrechtliche Fragestellungen wie Elterngeld, Elternzeit, Mutterschutz, Unterhalt, Betreuungsgeld, Leistungen des Jobcenters und Kindergeld informiert.

Auch grundsätzliche Fragen zur Schwangerschaft, zu Betreuungsplätzen und zur Anmeldung des Kindes in eine Kita werden häufig gestellt. „Oft planen die Frauen schon, wann sie wieder in ihren Beruf zurückkehren können beziehungsweise müssen“, sagt Küpper. Paare, die bereits Kinder haben, fragen oft nach, was sich bezüglich des Elterngeldes und der Elternteilzeitregelung geändert habe. Auch Hilfe bei Behördengängen nimmt eine große Rolle ein, da viele Ratsuchende aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse oder Unerfahrenheit verunsichert seien.

Ein Drittel der von der Arbeiterwohlfahrt beratenen schwangeren Frauen erhielt im vergangenen Jahr finanzielle Unterstützung aus der Bundesstiftung „Mutter und Kind“. Auf unbürokratische Weise konnten ihnen so geholfen werden, die finanziellen Belastungen, zum Beispiel durch eine ungeplante Schwangerschaft, besser zu bewältigen. Die Hälfte der Auftragstellerinnen erhielt diese Unterstützung, weil ihr Erwerbseinkommen für die notwendigen Anschaffungen der Erstlingsausstattung nicht ausreichte. Bei den anderen ergänzten die Stiftungsgelder die einmaligen Beihilfen des Jobcenters.

95 Frauen profitierten vom Verhütungsmittelfond der Städteregion, aus dem bei Bedürftigkeit ein Zuschuss für Verhütungsmittel gewährt wird. Diese Zahl zeigt, dass dieser Fonds weiterhin notwenig ist, so die Arbeiterwohlfahrt.

„Das wird wirklich gut von den Frauen angenommen“, erklärt Küpper.

Ein neues Arbeitsfeld hat sich im vergangenen Jahr mit der sogenannten vertraulichen Geburt ergeben, zu der im Mai 2014 ein Gesetz in Kraft trat. Den Schwangerschaftsberatungsstellen obliegt hier eine zentrale Rolle in der Beratung der Schwangeren, in der Information über das Verfahren und die Folgen der vertraulichen Geburt sowie in der Verfahrensbegleitung. Zudem sind die Beratungsstellen eine Organisations- und Steuerungsinstanz. Dazu gab es im vergangenen Jahr ein erstes Treffen mit allen Schwangerenberatungsstellen aus der Städteregion.

Präventionsveranstaltungen sind Hermanns-Spilles und Küpper sehr wichtig. Rund 700 Schülerinnen und Schüler, schwangere Frauen und Paare haben sie im vergangenen Jahr mit ihren Veranstaltungen erreicht. In Schulklassen arbeiten die Sozialpädagoginnen geschlechtshomogen, das heißt, sie trennen Jungen und Mädchen und besprechen Themen wie Pubertät, das erste Mal, verliebt sein und Verhütung. Brigitte Hermanns-Spilles ist bei den Sechst- bis Neuntklässlern vor allem eins aufgefallen: „Die Jugendlichen haben heute oft nur oberflächliche Informationen.“

Das liege vor allem am Internet. Außerdem sähen sich viele einem enormen Druck ausgesetzt. Auf die Frage, wann der durchschnittliche Jugendliche zum ersten Mal Geschlechtsverkehr habe, antworteten die meisten jungen Erwachsenen: „Mit 14 oder 15 Jahren.“ Die Realität sehe jedoch anders aus. „Da liegen gut zwei bis drei Jahre zwischen“, sagt Hermanns-Spilles.

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