Erste Schulabgängerbefragung: Jugend von heute will durchaus etwas bewegen

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Gemeinsam viel erreicht: Diese Jugendlichen aus Herzogenrath haben mit einem Bürgerantrag erwirkt, dass sie auf der Halde Adolf in Merkstein eine Mountainbike-Anlage bauen dürfen. Im Frühjahr geht es weiter. Die jungen Leute wollen die Strecke mit spektakulären Rampen und Hindernissen nach eigenen Entwürfen selbst anlegen und sich auch – mit Unterstützung der Stadt – um die Unterhaltung der Strecke kümmern. Foto: Beatrix Oprée
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Wie tickt die Jugend in der Städteregion? Das Team von der FH Aachen hat dies mit der großen Schuabgängerbefragung ergründet. Foto: Carl Brunn

Städteregion Aachen. „Politik? Nein Danke“: So oder so ähnlich lautet meistens die Reaktion, wenn man Jugendliche nach ihrem Interesse an Politik fragt. Spricht man mit Erwachsenen über das Thema – speziell mit Politikern –, fällt schnell das Wort „Politikverdrossenheit“: Erstwähler gehen nicht wählen, Jugendliche wissen nicht mal, wie der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin vor Ort heißt, haben keine Kenntnisse von Kommunal- oder Bundespolitik. Dabei ist eigentlich ja schon seit Generationen klar, dass „die Jugend von heute nichts taugt“.

Politik, Gesellschaft, Engagement – darunter verstehen die verschiedenen Generationen etwas durchaus Verschiedenes. Prof. Dr. Claudia Mayer von der Fachhochschule Aachen und ihr Team wollten es genauer wissen und haben nachgefragt – bei den Jugendlichen selbst und auch bei Erwachsenen. Über die Hintergründe und die teils überraschenden Ergebnisse der ersten Schulabgängerbefragung in der Städteregion mit dem Titel „YouCheck 2014“ berichtet sie wie folgt:

Was genau verstehen die einzelnen Akteure unter „Engagement“? Was läuft schief im Generationen-Gespräch? Das und vieles andere wollten wir herausfinden, als wir vor drei Jahren damit begannen, uns mit dem Thema „Bürgerbeteiligung“ zu befassen. Diverse Einzelprojekte und ein paar Umfragen weiter, können wir feststellen, dass „die Jugend von heute“ natürlich „etwas taugt“ – und zwar eine ganze Menge.

So haben wir beispielsweise herausgefunden, dass Jugendliche bis etwa 14 Jahren sich für soziale Themen interessieren und viele sich für den Tierschutz oder für sozial schwache Familien einsetzen oder einsetzen möchten. Ältere interessieren sich eher für Sport- und Freizeitangebote, aber engagieren sich auch gerne, wenn sie ihr Umfeld verbessern können. Nur würden sie es nie so nennen.

Mit Zuversicht in die Zukunft

Grundsätzlich sind Schulabgängerbefragungen seit mehreren Jahren bundesweit ein verbreitetes Instrument der Bildungspolitik. Zahlreiche Kommunen führen sie jährlich durch. Das Ziel ist überall gleich: Kurz vor dem Schulabgang möchte man in Erfahrung bringen, was die Jugendlichen nach der Schule machen. Die Erkenntnisse sollen dazu führen, Beratungsangebote zu verbessern und das Übergangsmanagement den Zielgruppen anzupassen. Auch in unserer Region standen diese Überlegungen im Mittelpunkt bei der Erarbeitung der ersten Erhebung. Unser Interesse ging aber noch einen Schritt weiter.

Zunächst wollten wir herausfinden, wie sich die Situation der Schulabgänger in der Städteregion aus ihrer Sicht darstellt. Dabei stand einerseits die Frage im Fokus, wie sich der Übergang von der Schule in den Beruf oder das Studium gestaltet, andererseits wollten wir wissen, was die Jugendlichen außerhalb der Schule machen. Wie sieht ihr Freizeitverhalten aus, wie ist ihre Interessenlage? Es geht um die Schnittstelle von Schule und außerschulischem Engagement, um Möglichkeiten und Bereitschaft dazu. Das zentrale Stichwort in diesem Zusammenhang ist Jugendpartizipation als Teil der Bürgerbeteiligung.

Erstmals in der Städteregion wurde dann in diesem Jahr eine Schulabgängerbefragung durchgeführt. Die Region mit ihren fast 14 000 Schülerinnen und Schülern an 95 weiterführenden Schulen im Jahr 2014 sollte wissen, wie es dieser Generation geht und wie es ihr gelingt, den Sprung von der Schule in die Gesellschaft zu schaffen. Die Umfrage hat gezeigt, dass die Jugendlichen in großer Mehrheit davon überzeugt sind, dass sie in der Gesellschaft etwas bewirken und verändern können. Zwei Drittel aller Befragten sind dieser Ansicht. Mehr als 40 Prozent finden sogar, dass man „sehr viel“ oder „viel“ bewirken und verändern kann. Ein solch positives Selbstbild findet man nicht in allen Regionen Deutschlands.

Auch konnten wir feststellen, dass sich außerschulische Bildung und Engagement positiv auf die Entwicklung der Jugendlichen auswirkt. Diejenigen, die sich außerschulisch engagieren (auch wenn sie selbst das nie so nennen würden), blicken zuversichtlicher in die Zukunft und fühlen sich besser für den weiteren Lebensweg vorbereitet als andere.

Wunsch nach Kommunikation

Außerdem zeigte sich, dass zwei Drittel der Befragten zwar Angebote der Kinder- und Jugendarbeit kennen, aber dass nur ein Drittel sie genutzt hat. Der Hauptgrund für die Nutzung liegt im Wunsch nach Kommunikation: Man möchte Freunde treffen und „neue Leute kennenlernen“. Die Themen sind dabei nicht so wichtig, wichtig sind die Form und der Zeitpunkt. Ferienangebote etwa stehen sehr hoch im Kurs.

Bewirbt man ein Angebot jedoch damit, dass Jugendliche sich „engagieren“ können, kann man ziemlich sicher sein, dass kaum jemand kommt. Denn dieses Wort schlägt bei Jugendlichen sofort alle Türen zu. Bewirbt man aber ein Angebot damit, dass man „Leute treffen“ kann, stößt das viel eher auf Interesse. Findet das Angebot dann noch in den Ferien statt oder gibt es regelmäßige Treffs über einen nicht zu langen Zeitraum und hat es mit Freizeit und Sport zu tun, wird der Zuspruch noch besser. Dann macht es auch gar nichts, wenn das Thema eines ist, das „die Erwachsenen“ mit „Engagement“ bezeichnen würden. Denn wenn es etwa darum geht, eine Skaterbahn einzurichten oder eine Mountainbike-Anlage, kümmern sich Jugendliche mit großem Einsatz darum. Sie befassen sich mit den Regeln, nach denen man so etwas umsetzen kann, sie verhandeln mit Verwaltung und Politik, bis sie ihr Ziel erreicht haben, und sind damit Teil der „Politik“. Ganz nebenbei ist das die beste Methode, der heranwachsenden Generation Kenntnisse über Kommunalpolitik zu vermitteln.

Am meisten werden sportliche und freizeitorientierte Angebote genutzt, gefolgt von Ferienangeboten, künstlerischen Angeboten und Gesundheitsthemen. Wenn Jugendliche eine Wunschliste aufmachen dürfen, dann werden diese Themen ergänzt um schulische und berufsorientierte Angebote sowie mediale/technische Angebote. Politische und soziale Angebote sind bei den Schulabgängern eher unpopulär. Was für Jugendliche interessant ist, hängt natürlich vom Alter ab. Jugendliche möchten mehrheitlich an Projekten arbeiten. Und sie möchten – das war eigentlich erstaunlich – mehr über politische, speziell kommunalpolitische Abläufe wissen, und das soll im Schulunterricht geschehen. Denn: So unterschiedlich die Jugendlichen nach Alter und Schulform auch geantwortet haben, in einem sind sie sich einig: Sie haben zu wenig Zeit außerhalb der Schule. Das ist auch der meistgenannte Grund, warum Jugendliche, die sich gerne außerhalb der Schule betätigen würden, es nicht tun: keine Zeit!

Insbesondere die zahlreichen Interviews, die wir mit Angehörigen aus Politik, Verwaltung, Jugendarbeit und den Jugendlichen selbst geführt haben, haben gezeigt, dass alle Beteiligten unter den zentralen Begriffen etwas anderes verstehen und daraus ihre Erwartungshaltung ableiten. Das muss notwendigerweise zu Enttäuschung und Frustration auf beiden Seiten führen. Zum Beispiel verstehen Politiker unter dem Begriff „Engagement“ oftmals vor allem die Wahlbeteiligung. Und die ist bundesweit gesunken, insbesondere bei Jung- und Erstwählern. Darin erkennen viele die oft zitierte „Politikverdrossenheit“. Jugendliche hingegen verbinden mit dem Wort „Engagement“ nichts, mit dem sie sich in Verbindung bringen lassen möchten. Wörter wie „Politik“ und „Engagement“ sind für Jugendliche unglaublich unattraktiv und sorgen eher dafür, dass sie davon abgestoßen werden. Sie verbinden damit eine aus ihrer Sicht oftmals negativ belastete Parteienpolitik, von der sie sich abgrenzen möchten.

Aber tatsächlich engagieren sich viele Jugendliche ja, 40 Prozent sind in irgendeiner Form ehrenamtlich tätig. Die Bereitschaft, etwas zu tun, ist mehrheitlich vorhanden, in der jüngeren Altersgruppe, die wir mit einer Studie 2013 erreicht haben, ist es jedoch deutlich ausgeprägter. Oft sind Angebote nicht hinreichend bekannt, oder es ist nicht deutlich genug, wer Ansprechpartner ist, oder Angebote sind nicht zielgruppengerecht. Dennoch ist bemerkenswert, dass für fast alle der Befragten (90 Prozent), die sich schon in irgendeiner Form „beteiligt“ haben, das eine positive Erfahrung war.

Die gleiche Sprache sprechen

Politik und Verwaltung einerseits und die Jugendlichen andererseits sprechen nicht nur nicht die gleiche Sprache. Sie benutzen auch nicht die gleichen Medien. Das ist nicht erstaunlich und eigentlich auch nicht problematisch. Es wird aber dann zu einem Problem, wenn Potenziale vergeudet werden. Jugendliche möchten etwas für die Gesellschaft und ihr Umfeld tun. Wenn sie aber schlechte Erfahrungen machen – weil man nicht die gleiche Sprache spricht, weil nichts Konkretes am Ende herauskommt, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen –, entsteht zu viel Frustration, und man hat die jungen Leute verloren. Das aber kann und will sich unsere Gesellschaft nicht erlauben.

Mit „Politik“ verbinden Jugendliche oftmals eine eher negativ besetzte Parteien-Politik, mit der sich viele nicht identifizieren können. Wenn es aber themenspezifisch wird (Stichwort: Mountainbike-Anlage), dann interessieren sich Jugendliche durchaus, und zwar auch für Themen, die nicht unmittelbar mit ihnen zu tun haben.

Wie also kann man das Interesse, das es noch mit 13, 14 und 15 Jahren gibt, nutzen? Da es dank der digitalen Technik einfach ist, bei der Auswertung der „YouCheck 2014“-Fragebögen nach unterschiedlichen Kriterien vorzugehen (Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund, Schulform, Kommune usw.), lassen sich auch relativ einfach die jeweiligen Bedarfe je nach Zielgruppe zusammenstellen.

So haben wir in Zusammenarbeit mit der Städteregion in fünf Modellkommunen (Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler, Herzogenrath, Stolberg) Angebote zur Jugendbeteiligung entwickelt. Im Rahmen eines aufwendigen Prozesses entstanden auf diese Modellkommunen zugeschnittene Konzepte.

Wie die Studie gezeigt hat, zahlt sich außerschulisches Engagement aus. Es führt zum Beispiel dazu, dass sich Jugendliche besser als andere auf die Zukunft vorbereitet fühlen. Das bedeutet: Wenn wir wollen, dass Jugendliche sich für die Zukunft gut gerüstet fühlen, müssen wir außerschulische Angebote entwickeln. Hier aber passieren die zentralen Fehler: Angebote gibt es zwar, sie werden aber nicht hinreichend genutzt, weil sie nicht bekannt sind oder nicht attraktiv beworben werden. Nötig sind die richtigen Angebote, das richtige Thema, die richtige Form und die richtige Art, das Angebot zu kommunizieren.

In unserer Studie und begleitenden Forschungsarbeiten haben wir auch das Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen in unserer Region untersucht und konnten bestätigen, was in anderen Studien schon herauskam: Digitale Medien sind Mittel zum Zweck, ohne die es nicht geht; aber auch bei Jugendlichen absolut unersetzbar ist das persönliche Treffen, das Gespräch. Diese direkte Kommunikation ist bei Jugendlichen immer das Ziel.

Projekte in Schulen verankern

Jugendliche möchten durchaus etwas tun, auch wenn die Zeit dafür neben der Schule zunehmend beschnitten wird. Da der Unterricht insbesondere in den Altersgruppen, die sich besonders für gesellschaftliche Belange interessieren, meist weit in den Nachmittag reicht, wird deutlich, dass Beteiligung zusammen mit den Schulen geschehen muss. Das wünschen sich die Befragten im Übrigen selbst. Jugendbeteiligungsprojekte müssen teilweise in der Schule verankert sein und dort sowie außerschulisch durchgeführt werden.

Von Verdrossenheit also keine Spur – von „Politikverdrossenheit“ im Sinne der Akzeptanz etablierter Politik hingegen ist durchaus die Rede. Hier gibt es noch Hausaufgaben zu machen, den Kontakt mit Jugendlichen herzustellen, indem man die Jugendlichen dort abholt, wo sie sind. Den Jugendlichen in den Ausschüssen des Städteregionstages einen Sitz mit beratender Stimme einzuräumen, wie es inzwischen geschehen ist, ist ein wichtiger und guter Baustein in dem Gefüge.

Beteiligungsprojekte können maßgeblich dazu beitragen, dass sich dieses noch eher vage und diffuse Interesse konkreter ausbildet; dass Jugendliche lernen, wie gesellschaftliche und damit politische Prozesse funktionieren, wie sie darin ihre Anliegen kommunizieren, verhandeln und durchsetzen können. Das ist praktische Politik. Eine bessere Schulung darin, wie unser politisches System funktioniert und wie man es mitgestalten kann, kann es kaum geben. In der Tat kann man sehen, dass sich stets ein Teil der Jugendlichen, die sich für etwas einsetzen, später auch partei- und gremienpolitisch engagiert. Dass dadurch auch das Selbstwertgefühl und soziale Kompetenzen gefördert werden, ist ein gewünschter Nebeneffekt.

Insofern kann Jugendbeteiligung als Brücke dienen auf dem Weg der Jugendlichen in die Gesellschaft und in die gesellschaftliche Verantwortung als erwachsene Bürgerinnen und Bürger. Das wäre dann das Ende der sogenannten Politikverdrossenheit.

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