Entscheidungsspiel mit Bravour gemeistert

Von: Albrecht Peltzerund Hans-Peter Leisten
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Sondersitzung: Der Aachener St
Sondersitzung: Der Aachener Stadtrat diskutierte öffentlich und nicht-öffentlich über die Alemannia-Hilfe. Das Votum pro Darlehen für den klammen Verein fiel dann mit 43 zu 24 Stimmen deutlich Foto: Steindl

Städteregion Aachen. Um 19.20 Uhr fallen sich Alfred Nachtsheim und Meino Heyen in die Arme. Alemannia hat soeben den wohl wichtigsten Treffer seiner Vereinsgeschichte gelandet - oder besser: landen lassen. Der Stadtrat stimmte der Finanzhilfe für den klammen Verein zu, und Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzender wissen in dem Moment.

Die Insolvenz ist abgewendet. Fast dreieinhalb Stunden banges Warten finden ein positives Ende. Und vor allem eines, das in der Deutlichkeit kaum einer erwartet hätte. Dass ein Entscheidungsspiel gleich vier „Halbzeiten” hat, ist an diesem Tag so außergewöhnlich wie die Ratssitzung selber. Erst öffentliche Debatte, dann Beratung hinter verschlossenen Türen, dann Fragerunde mit den Alemannia-Verantwortlichen und zum Schluss Debatte plus Abstimmung erneut hinter verschlossenen Türen.

Ein Spiel mit zunächst völlig offenem Ausgang. Und mit deutlichen Unsicherheiten in der Spieleröffnung. Noch bis kurz nach 16 Uhr versuchen die Sprecher der Ratsfraktionen, sich auf einen späteren Abstimmungsmodus zu einigen. Die FDP wollte geheime Abstimmung, wohl auch, um von dem ein oder anderen Kollegen den Druck zu nehmen. Lesart der anderen Fraktionen: Man sollte offen zu seinem Votum stehen. Die Liberalen bestehen nicht auf ihrem Ansinnen. Konsequenz der Debatte. Die Partie wird von Oberbürgermeister Marcel Philipp mit mehreren Minuten Verzögerung angepfiffen. Der Ball kommt langsam ins Rollen.

Das Wie wird hinterher von allen Beteiligten gelobt - fast überrascht ob der eigenen Ernsthaftigkeit, dem Bemühen um sportlich fairen Wettstreit der Argumente. Nur der Einwurf von Hans-Dieter Schaffrath (Freie Wählergemeinschaft) sorgt für kurze Schmährufe aus den anderen Kurven. Wer die vielen Argumente für eine Rettung des Vereins auf Seite schiebe, der müsse für sich die Frage beantworten: „Wie hältst Du es mit Deiner Heimatstadt?” Schaffrath, mit Alemannia-Schal dekoriert auf seinem Ratsstuhl sitzend, wird ausgepfiffen. „Es geht um die Verantwortung für diese Stadt”, kontert die große Ratsmehrheit. Auch wer gegen ein Darlehen für den Fußballverein stimme, stelle sich dieser Verantwortung, Gründe dafür gebe es genug, heißt es.

Es bleibt der einzige verbale Schlagabtausch in dieser Ratssitzung. Es sind die Stunden der Argumente, des ehrlichen Bemühens, eine Entscheidung für die Stadt Aachen zu treffen, von der der Verein Alemannia Aachen ein Teil ist. „Es war eine doch starke Mehrheit, die für die Lösung gestimmt hat. Das Positive ist, dass es eine sehr gute Debatte war”, sagt Linken-Fraktionsvorsitzender Andreas Müller hinterher. Die Linke hatte geschlossen gegen die Rettung gestimmt. Ganz anders als Pirat Felix Bosseler: „Ich habe Ja gesagt. Es war super schwierig, aber ich habe gedacht, dass wir jedes Jahr so viel Geld für das Theater ausgeben, dass das jetzt richtig war.” Und Peter Blum, stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender, resümiert: „Es war eine lange Diskussion. Ich achte jeden, der sich für die Alemannia entschieden hat.” Hans-Dieter Schaffrath ist hinterher „nur noch froh, dass es so gelaufen ist”.

In Alemannia-Kreisen macht die Nachricht schnell die Runde.Vize-Präsident Klaus Dieter Wolf sprach von einer riesigen Erleichterung und dankte dem Rat, der sich seine Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht habe. „Der Rat hat im Interesse der Stadt und der Region richtig entschieden, weil Alemannia für die Region unverzichtbar ist.” Das amtierende Präsidium habe die Weichen für seine Nachfolger gestellt. „Jetzt können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren.”

Und dazu gehört auch die Förderung der Jugendarbeit, die jetzt zum Beispiel Achim Rodtheut, Verwaltungsleiter des Jugendleistungszentrums, weiter ermöglicht wird: „Jetzt muss ein Konzept von unten nach oben entwickelt werden. Die Vorlage kann aber nur verwandelt werden, wenn alle an einem Strang ziehen. Nur so kann man Zuschauer zurückgewinnen.”

Heinz Maubach ist Leiter der Alemannia-Volleyball-Abteilung und Mitglied des Verwaltungsrates des Vereins. So sagt er wenig überraschend: „Man kann jetzt noch die Steine plumpsen hören.” Auch er zieht den Hut vor der „guten Arbeit” im Rathaus - zumal man sich für „das kleinere Übel” hätte entscheiden müssen.

Und wie kommt die Entscheidung bei den organisierten Fans an? Ein bisschen spiegele das Ergebnis auch die Gefühle der organisierten Fans wider: „Einerseits sind wir froh, andererseits sehen wir die Probleme. Das jetzt ist nicht die Rettung, sondern die Chance auf eine Rettung. Die organisierten Fans werden mithelfen - sie sind das größte Kapital”, betont Klaus Offergeld für den IG-Vorstand. Es blieben immer noch viele Risiken.
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