Einkommensverhältnisse sind extrem unterschiedlich

Von: Jutta Geese
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Sozialdezernentin der Städteregion: Professor Edeltraud Vomberg. Foto: Grobusch

Städteregion. Alsdorf und Roetgen trennen Welten. Statistisch gesehen. Exakt 378 Plätze liegen zwischen den beiden Kommunen, schaut man auf die NRW-Statistik zum verfügbaren Einkommen je Einwohner im Jahr 2014. Neuere Daten gibt es noch nicht.

Alsdorf belegt in diesem Ranking Platz 392 von insgesamt 396 Kommunen, Roetgen dagegen wird auf Platz 14 geführt. Demnach konnte jeder Einwohner von Roetgen 2014 nach Abzug von Steuern und Abgaben zuzüglich empfangener Sozialleistungen 28.940 Euro ausgeben oder sparen, jeder Alsdorfer dagegen nur 16.313 Euro. Also Armut hier und Reichtum dort? Stimmt und stimmt auch nicht. In beiden Kommunen gibt es natürlich beides, allerdings in eklatant unterschiedlicher Ausprägung, mehr oder weniger sicht- und spürbar. Muss die Städteregion eine solche Ungleichheit bei den Einkommens- und damit Lebensbedingungen ihrer Einwohner nicht bekämpfen? Kann sie das überhaupt?

„Nur bedingt“, sagt Prof. Edeltraud Vomberg. Vor allem, weil die Städteregion und ihre Kommunen kaum Einfluss auf Faktoren wie Einkommensverteilung, Höhe von Sozialleistungen und Schaffung von gut bezahlten Jobs haben. „Gegen Einkommensarmut können wir vor Ort kaum etwas tun, allenfalls indirekt“, stellt die Sozialdezernentin der Städteregion fest. „Die Rahmenbedingungen für die Einkommenshöhen, Familienleistungen und Sozialtransferleistungen werden durch Entscheidungen von Bund und Land sowie von Tarifvertragsparteien und Unternehmen geprägt.“

Gleiches gelte für die Bereiche Beschäftigung und Sozialpolitik. „Gestalterisch haben wir da wenig Einfluss, wir sind eher die Umsetzer: Wir führen Gesetze aus, ob es um Sozialhilfe, die Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsunfähigkeit, Hilfen zur Pflege oder Wiedereingliederung von Arbeitslosen oder Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt geht. Wir können die gesetzten Rahmenbedingungen von der kommunalen Ebene aus nicht ändern.“

Aber: „Gestalten können wir, indem wir Förderprogramme nutzen, um benachteiligten Menschen Chancen zu eröffnen. Über das Jobcenter läuft in dieser Hinsicht vieles“, betont Vomberg. „Und wir können in den gesetzlich gegebenen Rahmenbedingungen gemeinsam mit der Politik entscheiden, welche flankierenden Maßnahmen und Beratungsangebote wir den Menschen in der Städteregion anbieten und vor allem, wie wir diese gestalten.“ Das reiche von der Schuldner- und Suchtberatung über Hilfen für Opfer von Gewalt und für Wohnungslose und den Abbau von Barrieren, die behinderten Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschweren, bis zur Integration von Flüchtlingen und zur Bezuschussung der Teilnahme von Kindern aus einkommensschwachen Familien an kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen. Manche seien sogenannte Pflichtaufgaben, andere freiwillige Leistungen.

Letztere machen im Gesamtsozialbudget von rund 300 Millionen Euro zwar einen verschwindend geringen Anteil aus – im Sozialbereich sind es gerade mal rund 500.000 Euro. Hinzu kommen aber im Bildungsetat Aufwendungen von rund 1,8 Millionen Euro, davon allein rund 300.000 Euro für die sogenannte Bildungszugabe, mit der Kindern die Teilhabe an kulturellen Veranstaltungen ermöglicht wird. Rund 1,5 Millionen Euro an Ausgaben stehen im Gesundheitsetat für die Suchthilfe sowie weitere Leistungen für gesundheitsbezogene Dienste zur Verfügung. „Zusammen mit den Gestaltungsmöglichkeiten, die wir bei der Erfüllung der Pflichtaufgaben haben, können wir schon eine ganze Menge machen“, sagt Vomberg. Auch in Sachen Armutsbekämpfung beziehungsweise Verhinderung von Armut durch soziale Unterstützung und Stärkung der Teilhabechancen.

Eine Armutsdefinition, die primär auf Einkommen und Kaufkraft blickt, hält Vomberg jedoch für verkürzt. „Das muss man sich breiter anschauen. Armut ist vor allem auch ein Mangel an sozialer und kultureller Teilhabe, ein Mangel an Teilhabe an Bildung und Mitbestimmung. Das hängt in Teilen mit finanziellen Aspekten zusammen, aber nicht nur.“ Die finanziellen Ressourcen der Städteregion reichen allerdings bei weitem nicht aus, all dies anzupacken. Da gilt es, die vorhandenen Mittel klug einzusetzen. Nämlich da, wo sie den größten Effekt bringen. „Ungleiches ungleich behandeln“, nennt Sozialplanerin Antje Rüter den Gedanken, der hinter dem Konzept der sogenannten integrierten Sozialplanung steckt. „Das bedeutet zu schauen, wo gibt es welche Ressourcen, wo fehlt etwas, und wie kann man eine Lösung finden, die mehreren Gruppen dient.“

Rüter nennt ein Beispiel: „Vielleicht gibt es ja Stadtteile, in denen viele ältere Menschen mit gutem Einkommen leben, die aber einsam sind, und junge Familien, die Unterstützung etwa bei der Kinderbetreuung oder bei der Bewältigung alltäglicher Probleme bräuchten. Doch beide Gruppen finden nicht zusammen, weil es keine Begegnungsstätte gibt. Schafft man eine solche, profitieren beide Seiten.“ Ein derartiges Projekt würde zwar nicht direkt Armut beseitigen, könnte aber dazu beitragen, dass ein Teufelskreis durchbrochen wird, weil etwa die Kinder besser gefördert werden und das familiäre Umfeld stabilisiert wird. Die Idee der integrierten Sozialplanung ist laut Rüter, Stadtteile – sie sagt: Quartiere – zu entwickeln, in denen die Menschen zueinander finden.

Man könnte auch sagen: Es geht darum, im nahen Lebensumfeld – eben dem Quartier – gegenseitige Hilfe im weitesten Sinne zu organisieren und zu fördern und Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedarfen in Kontakt zu bringen. Vieles, was heute mit öffentlichem Geld aufgefangen wird, kann dadurch im Quartier selber gelöst werden. Die Hoffnung ist, dass dadurch auch finanzielle Luft für die Bearbeitung anderer Problemlagen entsteht. Eine solche Entwicklung soll die integrierte Sozialplanung anstoßen.

Dabei steht die Städteregion noch ganz am Anfang. Die Stadt Aachen ist dagegen schon seit vielen Jahren sozialräumlich unterwegs, im Ostviertel rund um den Kennedypark ebenso wie im Nordviertel an der Jülicher Straße. Auch Stolberg ist seit einiger Zeit mit Sozialplanung aktiv. Diese erfolgt immer mit dem Ziel, möglichst viele Bewohner, Vereine und Einrichtungen aller Art von Anfang an einzubeziehen. Mit Hilfe von Förderprogrammen wie „Soziale Stadt“ haben auch Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler und eben Stolberg schon viel Positives auf den Weg gebracht, sagt Sozialdezernentin Vomberg. „Eschweiler legt jetzt verstärkt das Augenmerk auf die Entwicklung eines seniorengerechten Stadtviertels“, nennt sie eine aktuelle Initiative.

Die Aufgabe der Städteregion sehen Vomberg und Rüter darin, den Kommunen ein Grundgerüst an statistischen Daten zur Verfügung zu stellen, auf deren Grundlage sich zum einen die Stadtteile oder Straßenzüge identifizieren lassen, in denen sich soziale Problemlagen entweder schon zeigen oder die drohen, zu einem Problemviertel zu werden. Zum anderen soll die städteregionsweite Analyse aufzeigen, ob es vergleichbare Viertel in mehreren Kommunen gibt, damit man bei der Entwicklung von Gegenstrategien einander unterstützen und voneinander lernen kann. „Es muss ja nicht jeder immer wieder das Rad neu erfinden“, meint Rüter.

In enger Zusammenarbeit mit den Kommunen sind Sozialplanerin Rüter und ein Team des Geografischen Instituts der RWTH Aachen deshalb seit einigen Monaten dabei, eine Fülle von Daten über die Lebenslagen der Menschen in der Städteregion zu sammeln. In jeder der neun Altkreiskommunen wurden, soweit die Kommunen es nicht schon selbst getan hatten, sogenannte Sozialräume gebildet. Das sind Gebiete, die mit Blick auf die sozialen Beziehungen und Gegebenheiten wie bauliche Struktur, Wohnungsbestand und Freiräume ein Teilgebiet einer Kommune bilden.

„Diese Festlegung war transparent, wir haben das mit den Kommunen gemeinsam aufgrund der Vorschläge der RWTH entwickelt, weil aus der kommunalen Sicht manches drängender schien als aus unserer Perspektive“, erklärt Rüter. „Im Herbst soll das Datengerüst nicht nur stehen, sondern in Teilen von den Wissenschaftlern auch schon so weit aufbereitet sein, dass wir einen Berichtsentwurf haben und dann bald danach in den Kommunen erkennen können, wo die für sie drängendsten Handlungsfelder liegen, thematisch und räumlich betrachtet.“

Daten zu sammeln und diese zu analysieren, ist eine Seite. Umsetzung der Ergebnisse in konkretes Handeln die andere. Und da ist die Städteregion weitgehend aus dem Spiel. „Das muss überwiegend vor Ort organisiert werden“, sagt Rüter, und Vomberg ergänzt: „Wobei es sicher Punkte geben wird, an denen man sagt, dass das alle neun Kommunen betrifft. Da werden wir dann gerne beratend und Prozesse moderierend helfen.“

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