Eine eklatante Lücke in der Versorgung

Von: Jutta Geese
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Eine der Hauptaufgaben des Kommunalen Integrationszentrums – unser Bild zeigt Beraterin Kerstin Schneemann (r.) mit den ehrenamtlichen Begleitern Lena Della-Wessels und Rodney Plum – ist derzeit, schulpflichtige Kinder und Jugendliche an eine passende Schule zu vermitteln. Foto: R. Roeger

Städteregion. Eigentlich wollte sich das Team des Kommunalen Integrationszentrums der Städteregion in diesem Jahr schwerpunktmäßig um die Themen „Interkulturelle Schulentwicklung“ und „Älter werden in der Migrationsgesellschaft“ kümmern. Aber das steht derzeit ebenso hinten an wie andere Aufgaben des 2013 gegründeten Zentrums, sagen Timur Bozkir und Andrea Genten vom Leitungsteam.

Das Thema Flüchtlinge und Asylbewerber hat oberste Priorität. „Alles andere bleibt im Grunde liegen“, stellt Bozkir fest. Hauptaufgabe des Zentrums ist aktuell, die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen der Zuwanderer zu beraten und eine passende Schule für sie zu finden. „Seiteneinsteiger zu beraten, gehört ohnehin zu unseren Kernaufgaben“, sagt Genten. „Egal, ob sie Asylbewerber sind oder aus einem EU-Land kommen.“

Recht auf Schulbesuch

Nur: Selten kommen so viele Seiteneinsteiger in so kurzer Zeit – wobei die nur kurzfristig in Notunterkünften zu versorgenden Flüchtlinge gar nicht mal dazuzählen. Schulpflichtig sind sie erst, wenn sie einer Kommune zugewiesen sind, ein Recht auf Schulbesuch haben sie aber von Anfang an.

Und selten bringen die Kinder und Jugendlichen so unterschiedliche Voraussetzungen mit. „Manche standen kurz vor dem Abitur, bevor sie fliehen mussten. Andere sind sehr gut in Mathe, können auch gut schreiben, aber nur arabisch. Andere wiederum haben vor der Flucht gearbeitet und hatten keinen oder nur wenig Schulunterricht“, berichtet Genten. „Und fast alle haben traumatische Erfahrungen gemacht.“

Aber, stellen sie und Beraterin Kerstin Schneemann immer wieder fest: „Die Kinder brennen geradezu darauf, zur Schule gehen zu dürfen. Und sie sind enttäuscht, wenn das nicht sofort klappt.“ Einen freien Schulplatz in der Städteregion zu finden, wird immer schwieriger, weiß Genten.

Obwohl alle Schulen sich bemühen. Fast 60 internationale Förderklassen gibt es mittlerweile, an nahezu allen Schulformen, 18 davon an den Berufskollegs der Städteregion. „Vor drei Jahren gab es solche Klassen nur an Hauptschulen und an zwei Berufskollegs.“ Die Nachfrage von Lehrern nach Fortbildung sei immens. So war eine Fachtagung am Mittwoch in Aachen mit 220 Teilnehmern im Nu ausgebucht.

Mittlerweile erreicht das Thema Integration von Flüchtlingen auch die Kindertagesstätten, berichtet Timur Bozkir. Und da das Integrationszentrum und seine Vorgängerin, die Regionale Arbeitsstelle RAA, schon vor der aktuellen Entwicklung in vielen Kitas mit Projekten für Kinder und Eltern aus Zuwandererfamilien unterwegs war, sind die Kita-Beschäftigten schon ganz gut vorbereitet auf die neue Herausforderung, meint er. „Wir werden sie auch so gut es geht unterstützen und begleiten“, kündigt er an. Wie viele Flüchtlingskinder überhaupt im Kita-Alter sind, weiß er nicht. „Das wird nicht gesondert erfasst.“

Nicht erfasst wird laut Bozkir und Genten auch, wie viele junge Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren hier sind. Das sehen sie mit großer Sorge. Denn: „Die jungen Leute sind nicht mehr schulpflichtig, fallen nicht unter die Jugendhilfe und damit durch alle Hilferaster“, erklärt Genten. Es könne passieren, dass junge Leute ein, zwei Jahre in der Städteregion leben, und es sei dem Zufall überlassen, ob sie beispielsweise beim Jobcenter gemeldet sind. Diese Personengruppe habe auch keinen Anspruch auf kostenlose Deutschkurse oder einen Integrationskurs. „Zum Glück gibt es viele ehrenamtlich Initiativen, die versuchen, hier zu helfen. Sei es durch eigene Deutschkurse oder das Sammeln von Spenden, um Deutschkurse zu finanzieren.“

Wenn es nach Bozkir und Genten ginge, gäbe es auch für die jungen Erwachsenen ein Melde- und Betreuungssystem wie bei den schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen. So aber gehe wertvolle Zeit bei der Integration dieser jungen Leute verloren, klagt Genten. „Das ist eine Riesenbaustelle.“ Dabei gebe es durchaus Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekte.

„Die Arbeitsagentur hat beispielsweise ein Programm aufgelegt für junge Erwachsene, die schon eine Berufsausbildung in ihrem Herkunftsland absolviert haben. Der gemeinnützige Beschäftigungsträger Low-Tec hat den Zuschlag für ein EU-Projekt in dem Bereich bekommen. Da eine zentrale Koordinierung fehlt, finden Maßnahmeträger und potenzielle Teilnehmer aber häufig nicht zusammen“, beschreibt Genten die Lage und fügt an: „Das ist landesweit so.“ Andere richtig gute Projekte, etwa mehrmonatige Sprachkurse, drohten zu scheitern, weil es an Geld fehlt. Manchmal gehe es nur um 500 Euro pro Person.

Schaden für gesamte Gesellschaft

„Zu unseren Aufgaben als Kommunales Integrationszentrum gehört es generell, auf Lücken im System aufmerksam zu machen“, sagt Bozkir. „Und das ist so eine Lücke.“ Alles, was bei schulpflichtigen Migranten gut organisiert sei, greife bei über 18-Jährigen nicht mehr. Das sei ein Fehler, und es schade nicht nur den jungen Leuten, sondern der gesamten Gesellschaft, wenn Potenziale von Menschen brach liegen.

Mit Freude erfüllt es Bozkir zu sehen, wie viele Menschen sich seit Wochen und Monaten für Flüchtlinge engagieren. „Das hat uns alle sehr positiv überrascht. Wir sind überwältigt von der Hilfsbereitschaft und sehr, sehr froh darüber.“ Das ehrenamtliche Engagement müsse man aber auch begleiten, damit es nicht frustrierend für die Menschen wird. Bozkir ist überzeugt davon, dass diese positive Grundstimmung Flüchtlingen gegenüber eine Folge des seit vielen Jahren bewährten Projektes „Miteinander in der Städteregion Aachen – gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ ist. Und er hofft, dass dieses Engagement fortgesetzt wird und dass die Flüchtlinge, die hier bleiben werden, tatsächlich in die Gesellschaft integriert werden.

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