Alemannia Ticker

Ein Sprungbrett für den sozialen Aufstieg

Von: Udo Kals
Letzte Aktualisierung:
Zweiter Bildungsweg: Im ablauf
Zweiter Bildungsweg: Im ablaufenden Schuljahr besuchten 400 Studierende das Euregio-Kolleg in Würselen. Foto: Stefan Schaum

Würselen. Von seinen Pappenheimern hat Professor Arno Giesbrecht ein sehr klares Bild. Nicht dass der Leiter des Euregio-Kollegs alle Studierenden noch persönlich kennt. Dafür waren es mit fast 2500 Absolventen in den vergangenen 25 Jahren dann doch ein paar zu viele.

Aber wer in Würselen die Schulbank drückt, das weiß der Mann der ersten Stunde schon genau. „Der typische Studierende bei uns ist 24 bis 25 Jahre alt, hat in der Regel nach der mittleren Reife eine Berufsausbildung abgeschlossen und will nun mehr aus seinem Leben machen, indem er sich weiter qualifiziert”, sagt der 64-jährige Pädagoge.

„Schließlich kommen die meisten zum Euregio-Kolleg, um ihr Abi zu bauen. Wobei in den vergangenen Jahren ein Trend zum Fach-Abitur zu verzeichnen ist”, sagt Giesbrecht, der bislang mehr als 1900 Absolventen das Abi-Zeugnis aushändigen und rund 500 zum Fach-Abi gratulieren konnte. Dabei kommen die Studierenden zu je einem Drittel aus dem kaufmännisch-verwaltenden, aus dem gewerblichen und aus dem Gesundheits-/Sozialbereich, listet Giesbrecht auf und erzählt von Ärzten, Lehrern und anderen Karrieren, die am Euregio-Kolleg durchaus wichtige Impulse erfahren haben.

Elternunabhängiges Bafög

„Der soziale Aufstieg über den zweiten Bildungsweg ist am Euregio-Kolleg Realität - auch heute noch. Obwohl es meine Generation mit dem Bildungsaufstieg leichter hatte”, betont die 62-jährige Doris Harst, die seit zwölf Jahren Vorsitzende des Trägervereins ist. Dabei sei das elternunabhängige Bafög ein „ganz wichtiger Faktor”, der es vielen Studierenden erlaubt, zum Euregio-Kolleg zu gehen. Nicht ohne Stolz erzählt sie, dass „80 Prozent der Studierenden aus Familien stammen, in denen niemand das Abitur hat”. Harst: „Das Euregio-Kolleg ist ein Sprungbrett.”

Entstanden ist die Einrichtung in der Spätzeit des Zechensterbens. Wurde Anfang 1984 in Alsdorf der Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) gegründet, der die berufliche Bildung in den Fokus rückte, wurde mit dem Kolleg in der Nachbarstadt nur wenig später ein Äquivalent für höhere Qualifikationen ins leben gerufen. „Strukturwandel funktioniert nur, wenn der Prozess durch Bildung begleitet wird”, sagt Giesbrecht, der seit der Gründung das Kolleg leitet. Mit einer Hand voll Lehrern ging es im Februar 1986 los - durchaus kritisch von anderen Weiterbildungsträgern wie Abendgymnasium und Berufskollegs beäugt. Heute gehören dem Kollegium fast 40 Lehrer an.

Parallel dazu weitete sich das Angebotsspektrum aus, um möglichst viele Zielgruppen erreichen zu können, sagt Harst. Und so können derzeit die Abschlüsse im Voll- oder Teilzeitkolleg sowie online oder in Vormittagskursen erworben werden. „Gerade die Einführung des Online-Abiturs war eine Punktlandung, mit der wir bei stabilen Studierendenzahlen noch weiter in die Fläche gehen konnten”, sagt Harst, die für die SPD im Städteregionstag sitzt. Kommen 80 Prozent der Studierenden aus der Städteregion, bauen inzwischen immer mehr Menschen aus den Kreisen Düren und Heinsberg oder auch aus Belgien und den Niederlanden ihr (Fach-)Abi in Würselen. Dabei betont Harst, dass die Weiterentwicklung noch nicht beendet sei: „Unsere Möglichkeit, als private Ersatzschule unbürokratisch auf die Bedürfnisse der jungen Erwachsenen einzugehen, werden wir auch in Zukunft nutzen.”

Wie diese Zukunft aussehen kann, wird vielleicht beim silbernen Geburtstagsfest verraten, das am Freitag, 8. Juli, mit Alt-Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes und Städteregionsrat Helmut Etschenberg gefeiert wird.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.