„Ein schönerer Job fällt mir nicht ein“

Von: Karolin Cremer-Kruff
Letzte Aktualisierung:
10116111.jpg
27 Jahre im Dienst des Pferdes in Aachen: Helen Rombach-Schwartz freut sich bei allem Stress auf den Start des verkleinerten Turniers beim ALRV. Foto: CHIO Aachen/Michael Strauch

Aachen. Ihr Klingelschild könnte Helen Rombach-Schwartz in diesen Tagen eigentlich draußen an die Geschäftsstelle des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) schrauben. Von den 27 Jahren, die das ALRV-Vorstandsmitglied nun beim und für den CHIO Aachen arbeitet, hat sie keine Sekunde bereut.

Auch nach langem Nachdenken „fällt mir kein schönerer Job ein“, sagt sie. Warum das so ist und noch viel mehr erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Das Weltfest des Pferdesports am letzten Mai-Wochenende, Ende August dann die Europameisterschaften – Hand aufs Herz, wie viele Stunden täglich sind Sie in Ihrem Büro?

Rombach-Schwartz: Sagen wir mal so: Wenn ich nach Hause fahre, ist es dunkel, aber dafür ist es bereits (fast) hell, wenn ich morgens ins die Soers komme.

Wünschen Sie sich manchmal Bürozeiten von 9 bis 17 Uhr?

Rombach-Schwartz: Naja, direkt nach dem Turnier gibt es ja solche Tage auch. Aber jeden Tag um 17 Uhr den Stift fallen lassen, das ist für mich unvorstellbar. Das Besondere an dem Job hier ist ja, dass wir alle zusammen mit dem ganzen Team auf dieses eine Turnier hinarbeiten. Alles ist darauf ausgerichtet, da ist es für mich unvorstellbar, auf die Uhr zu schauen – übrigens glaube ich, dass das für das gesamte Team hier gilt. Ich empfinde es immer noch als Privileg, für den CHIO Aachen arbeiten zu dürfen, es macht fast immer riesigen Spaß und ist wirklich ein außergewöhnlicher Job.

Wenn Sie in diesen Wochen vor dem Turnier doch mal Zeit finden, auszuspannen – wie sieht das aus?

Rombach-Schwartz: Schlafen. Zeit mit meinem Mann Udo (der sehr viel Geduld für mich und meinen Job aufbringt) verbringen, gerne auch mal bei einem schönen Abendessen. Mit guten Freunden gemütlich ein Bierchen trinken oder mit unserem Hund im Wald spazieren gehen. Die Gelegenheiten dazu sind derzeit allerdings eher rar.

Wie sind Sie zum Aachen-Laurensberger Rennverein gekommen?

Rombach-Schwartz: Das ist eine lange Geschichte. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre haben meine Eltern auf Gut Soerser Hochkirchen, dort wo heute die Geländestrecke verläuft, einen Reitstall betrieben, später in Brand, bis wir dann 1980 nach Kanada ausgewandert sind, um dort auf einer Farm eine Hengststation aufzubauen. Um dieselbe Zeit herum ist auch Familie Neckermann-Pracht nach Kanada ausgewandert. Auf deren Farm ist dann 1986 die WM der Dressurreiter ausgerichtet worden. Dort haben meine Mutter und ich mitgearbeitet, ich in allen möglichen Abteilungen: Kartenverkauf, Akkreditierung, Verwaltung, Einkleidung, Fahrdienst.

Auch nach der WM habe ich dort immer wieder mal bei Dressurturnieren gearbeitet. Und als Hans Pracht hörte, dass ich plante, nach dem Abitur nach Deutschland zurückzukehren, hat er gleich seinen Freund Anton Fischer, damals ALRV-Sportreferent, angerufen. Der suchte tatsächlich zu dieser Zeit einen Mitarbeiter, und so bin ich Silvester 87 zurückgekehrt, hatte im Januar ein Vorstellungsgespräch und habe am 1. Februar 88 beim Aachen-Laurensberger Rennverein angefangen. Damals eigentlich mit dem Hintergedanken, erstmal eine Zeit lang zu arbeiten und dann mal weitersehen – vielleicht noch studieren, vielleicht etwas ganz anderes. Nun ja, daraus ist nichts geworden, zum Glück.

Das ist lange her. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Turniers in dieser Zeit?

Rombach-Schwartz: Puuuhhh, 27 Jahre in Worte zu fassen, ist nicht einfach. Das Turnier ist in allen Bereichen hochprofessionell geworden, ohne dabei seine Seele zu verlieren oder seine große Tradition aus den Augen zu verlieren. Es ist stark in der Region verwurzelt und wird es auch immer sein. Gleichzeitig hat es sich von einer ehemals reinen Sportveranstaltung zu einer internationalen Großveranstaltung entwickelt, bei der viele Gäste einfach dabei sein möchten, selbst wenn sie keine großen Reitsportfans sind.

Unglaublich auch, wie sich die Medienpräsenz entwickelt hat. Rund 800 Journalisten berichten jedes Jahr aus der Soers. 800! Besonders im Gedächtnis sind mir natürlich das 100-jährige Jubiläum des ALRV im Jahr 1998 und die WM Aachen 2006 geblieben. Beeindruckend auch, wie die vier Präsidenten, die ich in dieser Zeit erlebt habe – Konsul Hugo Cadenbach, Kurt Capellmann, Klaus Pavel und Carl Meulenbergh – den CHIO alle auf ihre Weise geprägt haben.

Gibt es ein Erfolgsrezept für die Entwicklung, die der CHIO genommen hat?

Rombach-Schwartz: Sicherlich nicht das eine, aber es gibt eine Reihe von Punkten, die Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten sind: Kontinuität, Unaufgeregtheit oder auch Detailverliebtheit fallen mir da ein. Letzteres bedeutet, dass alle Mitarbeiter immer mitdenken, hier arbeitet Niemand, der unsere Arbeit und den CHIO nicht permanent hinterfragt. Dazu zählt natürlich auch, sich seine Neugier zu bewahren und offen für neues zu sein. Und ganz wichtig für den Erfolg ist natürlich ein sehr gutes Team.

Dazu passt die berühmte CHIO Aachen-Manöverkritik…

Rombach-Schwartz: …genau. Manche schmunzeln darüber, aber in dieser Manöverkritik wird alles festgehalten: Jede Beschwerde, jedes Lob, jeder Leserbrief, der in der Zeitung steht. Und natürlich schreiben wir dort auch jede Kleinigkeit rein, die uns selber auffällt. So geht uns nichts verloren, und wir können stetig versuchen, noch ein bisschen besser zu werden.

Was waren die wichtigsten Veränderungen?

Rombach-Schwartz: Da ist so viel passiert – die Entwicklung des Ausstellerbereichs, der Mitarbeiterzahl, damals 6, heute 26 feste Mitarbeiter, der Turnieranlage mit dem Ausbau des Hauptstadions inklusive der Flutlichtanlage, dem Neubau des Deutsche Bank Stadions. Und diese Entwicklung wird nie aufhören. Obwohl wir jetzt in den vergangenen Monaten 8 Millionen Euro in die Anlage investiert haben, ist unsere Wunschliste noch ellenlang – und wird es immer sein.

Jahr für Jahr überlegen wir aufs Neue: Was kann man machen, um den CHIO für unsere Besucher, für die Sportler und natürlich vor allem für die Pferde noch besser zu machen, die Qualität weiter zu steigern? Und wenn wir die Mittel dafür haben, und wir davon überzeigt sind, dass es langfristig sinnvoll ist, dann wird es auch gemacht.

Was ist für Sie das Besondere am Reitsport?

Rombach-Schwartz: In erster Linie natürlich die Pferde. Sie sind wunderbare, edel anmutende Geschöpfe. Wenn man sich intensiv mit Ihnen beschäftigt, können sie einen die Welt und die Sorgen um sich herum vergessen lassen. Aber der Reitsport ist auch einer der wenigen Sportarten, bei denen Männer und Frauen sich miteinander messen können, bei denen das Alter fast keine Rolle spielt und bei denen der Mensch auf das Tier angewiesen ist, um Erfolge erzielen zu können.

Sie haben viele Reitturniere in aller Welt besucht. Was denken Sie, macht den CHIO so besonders?

Rombach-Schwartz: Neben der Tradition und der Vielfalt, eindeutig das Publikum. Dazu nur ein Beispiel: Vor einigen Jahren fand der Mercedes-Benz Nationenpreis abends unter Flutlicht bei wirklich widrigen, um nicht zu sagen typischen Aachener Wetterverhältnissen statt – der eiskalte Regen peitschte in Schräglage auf die Tribüne. Teilweise ausgestattet mit Schlafsäcken blieben selbst die Zuschauer auf den offenen Tribünen bis zum letzten Ritt sitzen und feuerten die Teams an. Sehr beeindruckend.

Gibt es Momente, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben sind?

Rombach-Schwartz: Die Eröffnungsfeier der Weltmeisterschaften hier in der Soers im Jahr 2006. Die Anspannung in den Monaten zuvor war schon ganz schön hoch und als ich dann die Rede von Prinzessin Haya, damals Präsidentin des Weltverbands FEI, gehört habe und die Worte „I declare the FEI World Equestrian Games open“, da hatte ich, wie es so schön heißt, Pipi in den Augen. Da musste ich auch aus dem Stadion raus gehen, das war alles ein bisschen viel in dem Moment. Die Eröffnungsfeier habe ich dann in meinem Büro im Fernsehen verfolgt. Das werde ich wohl nie vergessen.

Mit Frank Kemperman zusammen bilden Sie den Vorstand des ALRV. Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

Rombach-Schwartz: Er ist ganz klar für den Sport verantwortlich, ich für Finanzen und Controlling. Das Thema Bau spielt natürlich noch eine große Rolle, ansonsten ist es bei mir ein bisschen wie damals in Kanada: Hier laufen viele Fäden zusammen, vor der WM hing draußen auf dem Flur ein Türschild auf dem stand „Central Coordination“ – das trifft es ganz gut. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass ich in den 27 Jahren beim ALRV auch schon etliche Funktionen übernommen habe – übrigens sogar mal kurz die Pressearbeit.

Sitzen Sie auch selber schon mal im Sattel?

Rombach-Schwartz: Leider inzwischen nicht mehr. Bis vor fünf Jahren noch halbwegs regelmäßig, aber seitdem ist mein Pferd in Rente, und inzwischen fehlt mir auch die Zeit. Um ein Pferd muss man sich kümmern, und diese Zeit habe ich derzeit nicht. Aber irgendwann werde ich diese Zeit auch wieder haben, denn ganz ehrlich: Das Reiten fehlt mir (und meinem Rücken) doch sehr.

Was bekommen Sie eigentlich von einem Turnier mit?

Rombach-Schwartz: Wenig. Aber ich versuche, mir immer für bestimmte Dinge Zeit zu nehmen: Zehn Minuten Eröffnungsfeier, zehn Minuten Mercedes-Benz Nationenpreis, eine schnelle Runde über das Turniergelände inklusive Ausstellerbereich – bis - bis zum nächsten Anruf schaffe ich das dann auch (lacht). Was ich mir jedes Jahr aus dem Richterturm anschaue, sind das Stechen im Rolex Grand Prix mit dem anschließenden Abschied der Nationen. Diese halbe Stunde ist inzwischen ein Ritual. Schön ist auch immer „Pferd & Sinfonie“, das bekomme ich alljährlich mindestens zur Hälfte mit. Ansonsten besteht das Turnier für mich aus E-Mails, Telefonaten und dem Funkgerät.

Wie viele E-Mails bekommen Sie denn derzeit so am Tag?

Rombach-Schwartz: (schaut nach) Heute sind es bislang 180, das geht aber allen hier im Haus so. Und ich befürchte, beim Turnier werden es deutlich mehr sein.

Kommen wir zum Turnier im Mai. Vieles anders, manches neu. Was erwartet die Besucher?

Rombach-Schwartz: Zuallererst natürlich mal Weltklasse-Sport. Im Springen haben wir ein sensationelles Teilnehmerfeld und auch in der Dressur haben sich viele Top-Reiter angesagt. Dazu kommen zehn der besten internationalen Vierspänner-Fahrer. All das in dieser ganz besonderen Atmosphäre der Aachener Soers. Alleine dafür lohnt sich der Turnierbesuch. Es gibt aber noch viel mehr: Zum einen 30 historische Kutschen, die nicht nur auf dem Gelände präsentiert werden, sondern auch durch die Stadt fahren werden. Zum anderen haben wir mit „Aachen Gourmet“ etwas völlig neues entwickelt. Sechs Spitzenköche, angeführt von Johann Lafer, werden hier live vor Ort kochen. Eröffnet wird die Gourmetmeile übrigens bereits am Donnerstag ab 17 Uhr – bei freiem Eintritt.

Im August dann Europameisterschaften in fünf Disziplinen…

Rombach-Schwartz: Die Vorfreude ist natürlich riesig. Fünf Disziplinen an einem Ort – das gab es bei Europameisterschaften noch nie und wird es danach wohl auch nie wieder geben. Die Vorbereitungen dafür laufen seit langer Zeit, und wir sind alle heiß drauf, dass es endlich losgeht. Ich bin mir sicher, dass die ganze Stadt diese Europameisterschaften feiern wird. Zu meinem persönlichen Bedauern haben wir den Zuschlag für die EM Vielseitigkeit leider nicht von der FEI erhalten. Um so erfreulicher, dass der 3 Nationenpreis in der Vielseitigkeit trotzdem als sechste Disziplin Teil des Programms sein wird.

Wie geht es Ihnen am 24. August?

Rombach-Schwartz: Der Tag danach, unser „Neujahr“. Für mich der schlimmste Tag des Jahres. Man kommt die Allee hoch, und auf dem Turniergelände sieht es unbeschreiblich aus. Vorher ist alles wunderschön , das ganze Gelände sieht einfach nur top aus. Und Montag danach? Ein Durcheinander, Müll, Dreck und Chaos, mit Worten kaum zu beschreiben. Inzwischen habe ich mich an diesen Anblick gewöhnt, aber als ich das an dem Montag nach meinem ersten CHIO gesehen habe, habe ich das Auto angehalten und erstmal geheult. Noch so ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert