DRK fahndet nach Menschen, die verloren gegangen sind

Von: Margot Gasper
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Arina Pyrlik
„Ich suche...“: Auch mit solchen Plakaten forscht DRK-Suchdienstberaterin Arina Pyrlik nach Vermissten. Foto: Harald Krömer

Städteregion Aachen. Ein Junge aus Afghanistan sucht seine Eltern. Ein halbes Kind ist er noch und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in der Aachener Region gelandet. Seine Eltern haben sich wahrscheinlich in den Iran gerettet. Das ist ein Fall für Arina Pyrlik.

Beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes fahndet sie nach Menschen, die verloren gegangen sind. Für den jungen Afghanen wird sie einen Suchantrag ausfüllen. „Und dann werden wir im Iran nach seinen Eltern suchen“, sagt die resolute 62-Jährige. Arina Pyrlik sieht gute Chancen, dass die Helfer des Roten Kreuzes die Familie des Jungen finden.

Der DRK-Suchdienst wird immer dann aktiv, wenn sich Menschen verlieren in den Wirren von Kriegen, politischen Umwälzungen oder Naturkatastrophen. Der Konflikt in Afghanistan, der Bürgerkrieg in Syrien, der Taifun auf den Philippinen: Die Krisenherde dieser Welt sind stets auch die Krisen, mit denen Arina Pyrlik zu tun hat. Ihr Job sind die Schicksale. Und das Bemerkenswerte: In sehr vielen Fällen hat der DRK-Suchdienst Erfolg. Wenn ein Krieg Familien auseinandergerissen hat, dann schafft das DRK es tatsächlich bei 80 bis 90 Prozent der Suchaufträge, den Kontakt wiederherzustellen.

Die Geschichte des DRK-Suchdiensts beginnt direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Angefangen hat das Rote Kreuz mit der Suche nach Wehrmachtssoldaten und Zivilisten, die im Krieg vermisst wurden“, erklärt Pyrlik. „In den Ruinen der zerstörten Städte hat das DRK damals Anfragen aufgenommen und die ersten Karteikarten angelegt.“

Millionen von Daten hat das Rote Kreuz nach dem Krieg gesammelt. Mit Karteikarten wird schon lange nicht mehr gearbeitet. Aber nach Weltkriegsvermissten forscht das DRK – auch von Aachen aus – selbst fast 70 Jahre nach Kriegsende noch. „Heute kommen zum Beispiel die Enkel und wollen wissen, was aus dem Großvater wurde, der an der Ostfront vermisst ist. Ob es ein Grab gibt, das sie besuchen können.“

Manche dieser Schicksale konnten auch erst in jüngerer Zeit geklärt werden. „Hunderttausende sind in den Lagern in der ehemaligen Sowjetunion gestorben“, weiß Pyrlik. „Aber erst seit 20 Jahren haben wir Kontakt zu russischen Archiven.“ Riesige Mengen von Daten standen plötzlich für die Suchdienste zur Verfügung. Arina Pyrlik hat einigen Frauen in der Aachener Region Jahrzehnte nach Kriegsende persönlich die Todesnachricht überbracht und so jahrzehntelange Ungewissheit beendet.

„Vor gut 20 Jahren hatte ich jeden Monat um die zehn Suchanfragen nach Weltkriegsvermissten“, erinnert sich Pyrlik. Mittlerweile kommen nicht mehr als zehn pro Jahr. „Und mit Hilfe der Archive können wir etwa 90 Prozent dieser Fälle klären.“

Heute hat Arina Pyrlik vor allem mit den Kriegen von heute zu tun. „Wir suchen Menschen, und manchmal übernehmen wir sogar die Rolle der Post.“ Das ist wertvoll in Krisengebieten, in denen die gesamte Kommunikationsinfrastruktur zusammengebrochen ist. Über das Rote Kreuz kann man zum Beispiel eine Familiennachricht auf den Weg bringen.

Dieser Brief wird – im Original – über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) verschickt. „Und dann macht sich ein Mensch auf die Suche“, erklärt Pyrlik. Und wenn es viele Monate dauert: Ziemlich oft kommt so eine Familiennachricht an, auch wenn die Angehörigen zum Beispiel aus Syrien in den Iran, den Irak oder in die Türkei geflüchtet sind. Familiennachrichten des DRK sind oft auch der einzige Weg, Kontakt zu Inhaftierten in Gefängnissen aufzunehmen, etwa in Afrika.

Als die Mauer fiel

Als zwischen den beiden deutschen Staaten die Mauer gefallen war, kamen zahlreiche Suchanfragen nach Angehörigen aus der ehemaligen DDR. Da war zum Beispiel der junge Mann, der seine Mutter suchte. Bei der Flucht aus der DDR hatte sie ihn als Kind in Ostdeutschland zurückgelassen. „Der Mann hat sehr lange gesucht“, erinnert sich Arina Pyrlik. „Wir haben seine Mutter leider nicht gefunden.“

Und als in den 1990er Jahren im ehemaligen Jugoslawien der Krieg tobte, hat Arina Pyrlik für viele Flüchtlinge nach Angehörigen gesucht. Auch da waren die Familiennachrichten oft das erste Lebenszeichen nach Jahren.

Die aktuellen Flüchtlingsströme stellen auch den DRK-Suchdienst vor neue Herausforderungen. „Auf der Flucht nach Europa werden viele Flüchtlinge getrennt und können sich nicht mehr finden“, berichtet Pyrlik. Das neue Projekt „family links“ (Familienverbindungen) veröffentlicht Fotos von Flüchtlingen, die Angehörige suchen. Pyrlik hat die Poster im DRK-Haus in der Robensstraße und in der DRK-Kleiderkammer ausgehängt. „Bisher hat noch niemand einen der Flüchtlinge erkannt“, bedauert sie. Aber sie bleibt – wie immer – optimistisch: „Vielleicht hilft es ja doch.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg sucht das Rote Kreuz mit bescheidensten Mitteln nach Vermissten. Heute arbeitet die Organisation wieder mit ganz einfachen Botschaften: ein Foto und darunter die Botschaft: „I am looking for my brother.“ Ich suche meinen Bruder.

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