Die Wahlplakate 2017 im Experten-Check

Von: Werner Kohlhoff
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Wahlplakate
Am 24. September 2017 findet die Bundestagswahl statt. Vorab plakatieren die Parteien die Straßen und werben um die Aufmerksamkeit und Stimmen der Bürger. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Berlin. Seit einigen Wochen sind die Straßen gepflastert mit den Wahlplakaten der Parteien. Aber sprechen sie die Bürger überhaupt an? Werden sie wahrgenommen, und wenn ja: wie? Sind sie professionell gemacht? Oder zumindest originell?

Wir fragten zwei renommierte Experten, die im Moment für keine der Parteien im Bundestagswahlkampf aktiv sind, aber Erfahrungen mit politischen Auftraggebern und Kampagnen haben. 
 
Karsten Göbel, Jahrgang 1969, leitet die Agentur „Super“ in Berlin-Kreuzberg. Zu deren bisherigen Kunden zählen unter anderem das Deutsche Rote Kreuz, das Entwicklungshilfeministerium und Philips. 2013 machte die Agentur für SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Wahlkampf. Das Agenturmotto: „Für jede Kommunikationsaufgabe gibt es eine solche Lösung. Und die nennen wir Super.“ 
 
Eberhard Bingel, Jahrgang 1958, ist zusammen mit Sabine Claus¬ecker Gründer, Vorstand und Geschäftsführer der Agentur CB.e AG in Berlin-Charlottenburg. Auf der bisherigen Kundenliste stehen unter anderem Daimler, Lufthansa, das Gesundheits- und Arbeitsministerium und die ARD. Agenturmotto: „Wir schaffen Dialog, lieben Design und denken digital.“ Bingel ist Mitglied im Vorstand des Internationalen Design Zentrums Berlin.
 

CDU: Ein Land und seine Mutti

 
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Karsten Göbel: Von der CDU-Agentur Jung von Matt hatte man sich mehr erwartet als schwarz-rot-goldenes Design und das Fehlen jeglicher inhaltlicher Aussage. Dennoch: Zentrale Aufgabe der CDU-Kampagne ist, dass die allgemeine Zufriedenheit im Land nicht in eine Wechselstimmung umschlägt. Wer in den Umfragen bei knapp 40 Prozent Zustimmung steht, kann mehr falsch als richtig machen. Jede zu konkrete Aussage könnte zumindest von einem Teil der eigenen Anhänger abgelehnt werden. Bloß keine Konfrontation.
 
Eberhard Bingel: Die Plakate sind frisch und ansprechend. Der Umgang mit den Deutschlandfarben ist richtig gut gelungen, wirkt modern und assoziiert ein modernes Deutschland. Nicht mehr so altbacken wie man es sonst von der CDU kennt. Der Text ist natürlich von größtmöglicher Beliebigkeit, und niemand kann dieser Aussage widersprechen. Taktisch genau richtig für eine Volkspartei, die versucht, jedermann zu erreichen. Ein interessantes Detail: Die Farbe der CDU findet sich vor allem im Jackett der Kandidatin wieder.
 

SPD: Irgendwie wie immer

 
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Karsten Göbel: Inhaltsleere wird den SPD-Plakaten ebenso wie denen der CDU vorgeworfen. Bei der CDU ist das Einschläfern der Wähler allerdings Teil der Lösung, bei der SPD ist die fehlende Konkretisierung ihr Problem. Die SPD zeigt nette Fotos von Kindern, Jungen und Alten und auch mal den Kandidaten aus Würselen. Niemand würde sich wundern, nutzte der Discounter ums Eck ähnliche Motive für seinen nächsten Abverkauf. Dazu auf einem roten Quadrat die Aussagen. Nichts stört, nichts überrascht, nichts irritiert.
 
Eberhard Bingel: Die SPD macht’s wie immer. Sind die Plakate noch übrig gewesen vom letzten Wahlkampf? Konventionelle Grafik, ähnlich einem Behördenprospekt, sorgt für Langeweile und garantiertes Übersehen werden. Der Grundsatz der Kampagne, „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, scheint nicht mehr besonders wichtig zu sein, er ist unterhalb der Wahrnehmungsgrenze dimensioniert. Bildung ist auch nach wie vor wichtig, aber aktuell beherrschen ganz andere Fragen die Diskussion. Gibt es eine Strategie?
 

Linke: Kein Gefühl, keine Idee

 
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Karsten Göbel: Die Linke will aus der linken Kampfecke. Also wird auf dem Hauptmotiv ausnahmsweise nicht auf „die da oben“ gehauen, sondern das linke Lebensgefühl beschworen. „(Keine) Lust auf (Weiter so): die Linke“. Eine nette Idee, sie hakt nur an zwei Ecken: Zum einen überschätzt die Linke die Auffassungsgabe ihrer Wähler, die nicht nur aus 68ern mit Spaß am Wortspiel bestehen, sondern aus frustrierten Fortschrittsverlierern. Zudem fehlt für dieses „Lebensgefühl-Plakat“ vor allem eines: das Gefühl.
 
Eberhard Bingel: Plakate sind toll, sie können Emotionen wecken, informieren, ärgern, lustig sein, kämpfen. Die Plakate der Linken tun leider nichts von alledem. Das Plakat hat noch nicht mal eine inhaltliche Nähe zu den Linken, die sich gewöhnlich als meinungsstark und sachorientiert gibt, aber noch nie als humorvoll aufgefallen ist. Klappt ja auch nicht: Der Witz wirkt gewollt und ist nicht auf Anhieb verständlich. Wer dachte, die anderen Parteien haben wenig Inhalt, kennt die Plakate der Linken nicht.
 

Grüne: Zahme Opposition

 
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Karsten Göbel: Die Plakate der Grünen verdeutlichen, warum die Partei ein Bild der Selbstauflösung abgibt. Die Kampagne erinnert bestenfalls daran, dass die Grünen sich auch zur Wahl stellen. Wenn man aber nicht Merkel ist, ist Antreten alleine zu wenig. „Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts. Darum Grün“. Wir sehen: kein Bild dieser Umwelt, kein Bild der Kandidaten, die für die Umwelt auf eine Bonusmeile verzichten würden. Kein Gefühl für gar nichts, keine Orientierung. Warum also Grün?
 
Eberhard Bingel: Einige der aktuelle Wahlkampfsprüche der Grünen standen schon vor zehn Jahren auf der Kaffeetasse einer Kollegin, die ansonsten aus Diddl- und Schumitassen trank. Für Autofahrer sind die Texte zudem auch noch zu lang. Zuspitzungen wären hilfreich für eine kleinere Partei, sie sorgen für Diskussionen und Sichtbarkeit, vielleicht auch für Einladungen in Talkshows. Aber die Grünen träumen wohl noch davon, eine Volkspartei zu sein. Aber immerhin: der Absender ist farblich gut zu erkennen.
 

FDP: Angesagte Totgesagte

 
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Karsten Göbel: Die FDP-Plakate werden gemocht oder gehasst. Schwarz-Weiß-Fotos und Text in knalligen Neonfarben, alles auf den großen Vorsitzenden zugeschnitten: CL2017, Christian Lindner. In Starpose und kontrastreich, wie angesagte Künstler und Bands fotografiert. „Denken wir neu.“ Twitter gefällt das radikal neue Erscheinungsbild der eben noch totgesagten Liberalen. Die FDP ist nach den alten, weißen Männern plötzlich die Partei der Grafikdesigner, Gründer und jungen Akademiker.
 
Eberhard Bingel: ein Plakat, das heraussticht. Zunächst scheint es um weiße Hemden zu gehen, dann stellen wir fest: Es ist die FDP. Christian Lindner verkauft sich als Popstar aus der Welt der Digitalisierung. Ohne Krawatte, Dreitagebart, cooler Blick, direkt aus einem hippen Start-up gesprungen. Mit einer aus der Werbung entlehnten Fotoästhetik und Grafik stellt er sich als Alternative zu den anderen Parteien auf. Riskant, aber trotzdem eine gute Idee. Er traut sich was! Leider auch etwas eitel. Trotzdem: gut gemacht!
 

AfD: Etwas Angst, etwas Sex

 
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Karsten Göbel: Für die AfD ist es einfacher, alles richtig zu machen, als für die Regierungsparteien. Sie muss nur Ängste schüren, ohne die Grenze zum offenen Rassismus zu überschreiten. Das gelingt der AfD erstaunlich schlecht. Das Motiv bedient zu wenig Ängste. Angst macht, wenn „unsere Frauen“ bald „islamisiert“ würden. Eine verhüllte blonde Weinkönigin als „zu schön für einen Schleier“ zu betiteln, wie die FPÖ in Österreich. Ohne Angst kein Rechtsruck; die Menschen wählen nicht zum Spaß die „hässlichste Partei“.
 
Eberhard Bingel: Das Plakat weist auf das intellektuelle Niveau der AfD hin. Sie ist und bleibt eine Protestpartei. Ohne Hinweise auf eine Zukunftsvorstellung bleibt die AfD in der Qualität der Aussage hier noch hinter den anderen Parteien zurück. Was ein Kunststück ist angesichts der allseits verwendeten Leerformeln. Was das alles mit dem AfD-Claim „Trau Dich Deutschland“ zu tun hat, bleibt ein Rätsel, aber immerhin, man kann es ohne große Anstrengung lesen, das hat keine der anderen Parteien zustande gebracht.

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