Demenz: Wenn das Kartenspiel zum Ausweis wird

Von: Carmen Krämer
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Seit Beginn des Projektes Demenz Netz Aachen gibt es eine feste Anlaufstelle für Angehörige von Demenzpatienten. Die Förderung hierfür läuft allerdings Ende des Jahres aus. Foto: imago/Werner Otto
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Im Mai 2012 wurde der gemeinnützige Verein „DemenzNetz Städteregion Aachen“ gegründet. Der Vorstand: hinten, v.l.n.r. Günther Drießen, Gudrun Kaiser, Dr. med. Wilfried Duisberg, Inge Nadenau, Dr. Andreas Theilig; vorne: Lotta Hülsmeier, Michaela Hensen, Dr. Hans-Georg Dizinger.

Städteregion. Hallo, entschuldigen Sie die Störung mitten in der Nacht! Hier spricht die Polizei. Sind Sie der Sohn von Herrn S.? Wir haben Ihren Vater bei uns auf dem Revier. Können Sie ihn vielleicht abholen? Wir haben ihn auf einer Kreuzung gefunden, nachdem er einen Autounfall gebaut hat. Er erzählt, er habe die Putzfrau abholen wollen und hat sich dann mit einem Kartenspiel ausgewiesen.

Plötzlich steht der Sohn von Herrn S. vor vollendeten Tatsachen: Sein Vater ist schwer dement. Das erklärt auch die Aggressionen, die er in letzter Zeit entwickelt hat. Ab sofort muss er rund um die Uhr betreut werden. Doch was nun? Wie soll die Familie neben Vollzeitjobs und Hobbies noch Zeit für die Versorgung des Vaters finden?

In der Städteregion leben derzeit rund 8000 Demenzpatienten, vermutlich ist die Dunkelziffer höher. Über 1,5 Millionen Menschen sind bundesweit von der Krankheit betroffen. Und in den nächsten Jahren werden es wahrscheinlich immer mehr, wie man den Statistiken zum demographischen Wandel entnehmen kann. Ähnlich wie Herr S., der seinen Vater ab sofort nicht mehr allein lassen kann, stehen damit vor allem die Angehörigen vor einem Problem.

Neben Beruf und Familie wird ein solcher Pflegefall häufig zur emotionalen und organisatorischen Belastung für das gesamte Umfeld. Denn mit einer Demenzerkrankung (Mens = Verstand, de = abnehmend) gehen häufig auch Persönlichkeitsveränderungen einher, wie zum Beispiel permanente Unzufriedenheit, Aggressivität oder Depressionen.

Im Jahr 2007 starteten deshalb verschiedene Institutionen, wie die Städteregion, die Alexianer Aachen GmbH, die Arbeitsgemeinschaft Aachener Hausärzte, die Aachener Nervenärzte, die Alzheimer Gesellschaft Aachen, das Demenz Service Zentrum Aachen/Eifel und die Katholische Hochschule im Rahmen eines Förderprogramms der Bundesregierung das Projekt Demenz Netz Aachen.

Der Grundgedanke dabei war, den Erkrankten und ihren Angehörigen eine kostenlose Unterstützung zu bieten, den Zugang zu den vielfältigen Angeboten der Städteregion für die Betroffenen zu fördern und den Ärzten einen leichteren Austausch über die Krankheit zu ermöglichen. „Nur gemeinsam können wir dem Gespenst Demenz den Schrecken nehmen“, erklärt dazu Dr. Ivo Grebe, Vorsitzender der Ärztekammer Aachen.

Betroffene wie Familie S. haben dank des Projektes außerdem die Möglichkeit, bis zu fünf Stunden im Monat von einem sogenannten Case-Manager, beispielsweise einem Sozialarbeiter, unterstützt zu werden. Und das zeigt erste Erfolge: „Vermutlich aufgrund des Case-Managements konnten die Krankenhausaufenthalte von Demenzpatienten reduziert werden.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass die sozialen Strukturen in der Familie vorher nicht darauf vorbereitet waren, dass der Mensch wieder nach Hause kommt“, erklärt Dr. Andreas Theilig, der das Projekt leitet. Außerdem hat sich vor einem Jahr der Verein Demenz Netz Aachen e.V. gegründet, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Früherkrankten gebildet, die Beratung in den Arztpraxen hat gut funktioniert, die zweite Auflage des „Wegweiser Demenz“ ist erschienen und es konnte eine Geschäftsstelle im Löhergraben eingerichtet werden. Seit Beginn des Projekts haben sich rund 140 Ärzte und 350 Patienten in das Netz eingeschrieben.

Im Dezember 2013 endet jedoch die Förderung der Bundesregierung und damit muss das Demenz Netz Aachen auf eigenen Füßen stehen. Aus diesem Grund hat das Team um Dr. Theilig Anträge an die Städteregion und die Kommunen zur Förderung des Case-Managements und der Demenz Netz-Geschäftsstelle gestellt. Er ist voller Hoffnung, dass diese Anträge bewilligt werden.

Behandlungen zum Nulltarif

Leider musste er seinen Kollegen auf der letzten Versammlung aber mitteilen, dass die bisherige Vergütung für Demenzpatienten bei Einschreibung in das Netz mit Ende des Projektes nicht mehr gezahlt werden kann. Dr. Wilfried Duisberg, ebenfalls Vorstandsmitglied im Verein Demenz Netz Aachen, erklärte dazu: „Ein Hausarzt hat durchschnittlich 820 Patienten im Quartal. Davon sind höchstens 10 - 15 Demenzpatienten. Der Arzt hat jedoch im Vergleich zu den anderen bei diesen Patienten einen wesentlich höheren Aufwand.“

Termine werden von diesen Patienten häufig nicht eingehalten, die Mitarbeiter müssen ständig alles kontrollieren, sie müssen extra dafür geschult werden und Ärzte, die im Demenz Netz eingeschrieben sind, schreiben für jeden an Demenz erkrankten Patienten einen extra Bericht, den sie zukünftig als „Freizeitbeschäftigung“ verfassen müssen. „Dafür erhielten wir bisher 50 Euro im Quartal, aber das fällt nun weg. Das bedeutet, wir behandeln Demenzpatienten in Zukunft zum Nulltarif.“

Er und Dr. Theilig wollen sich so schnell jedoch nicht geschlagen geben und werden in den nächsten Monaten bei jeder einzelnen Krankenkasse „Klinken putzen“ gehen, denn eine zentrale Anlaufstelle gibt es leider nicht. „Demenz betrifft jeden von uns und wir alle sollten uns darüber bewusst sein, dass wir irgendwann entweder für einen Verwandten oder uns selbst Unterstützung benötigen“, so Dr. Duisberg.

Wer den Verein unterstützen möchte, kann für 30 Euro im Jahr Mitglied werden. Weitere Informationen unter: www.demenznetz-aachen.de, in der Geschäftsstelle im Löhergraben 2 oder unter der Telefonnummer 0241/51002121.

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