Städteregion - Das Team gibt Jugendlichen neuen Schwung

Das Team gibt Jugendlichen neuen Schwung

Von: Jutta Geese
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Sind hoch motiviert und haben viel Spaß an der Arbeit: Dominic Hoppe (v.l.), Andreas Wolff und Kevin Ziegler vom Team „Friss oder stirb“ der Produktionsschule im Herzogenrather Nell-Breuning-Haus. Foto: Jutta Geese

Städteregion. Den Wunsch, Koch zu werden, hegt Dominic Hoppe schon lange. „In der Schule hatte ich in Hauswirtschaft immer sehr gute Noten“, sagt er. Doch bislang hat er keine Lehrstelle gefunden. Woran das liegt, meint der 20-Jährige genau zu wissen: „Ich habe nur den Neuner-Schulabschluss.“

Eine Erkrankung hat ihn vor ein paar Jahren ausgebremst. Irgendwie hat er dann den Anschluss ganz verpasst, erst beim Schulabschluss, dann beim Übergang ins Erwerbsleben. Doch jetzt hofft Dominic auf eine neue Chance. Hoch motiviert besucht er derzeit die Produktionsschule im Nell-Breuning-Haus Herzogenrath. Junge Leute wie er erhalten dort praxisorientiert Einblick in die Gastronomie, speziell in die Bereiche Küche, Catering und Service.

Selbstständig Projekte umsetzen

„Friss oder stirb“ haben die 17- bis 25-Jährigen ihr Team genannt und beweisen damit durchaus Sinn für Humor. Denn für die meisten von ihnen dürfte die Produktionsschule so etwas wie eine letzte Chance sein, doch noch den Dreh hin zu einem Schulabschluss oder einer Berufsausbildung zu bekommen. Sechs Monate lang können sie in der Gruppe vielfältige Erfahrungen sammeln und ein Stück Klarheit darüber gewinnen, wie sie ihr weiteres Leben angehen möchten. Unterstützt werden sie dabei von Fachanleiter Christoph Schian und Sozialpädagogin Wiebke Eilts.

Die beiden sind vom Produktionsschulkonzept begeistert. „Das Tolle ist, dass die Jugendlichen in der Praxis lernen und dass sie das, was sie produzieren, auch selbst vermarkten“, sagt Wiebke Eilts. Hinzu komme: „Nicht wir sagen, was sie tun sollen, sondern sie überlegen sich, was sie machen wollen, und setzen das dann auch gemeinsam um.“

Aktuell bereitet das „Friss oder Stirb“-Team ein Candle-Light-Dinner für den Valentinstag, 14. Februar, im Nell-Breuning-Haus vor (Informationen und Anmeldung: Telefon 02406/955841, E-Mail: produktionsschule-NBH@t-online.de). Alles machen die jungen Leute selbst und verteilen im Team die Aufgaben: die Menüplanung, die Kostenkalkulation, den Einkauf, die Organisation eines musikalischen Rahmenprogramms, die Tischdekoration, natürlich am Tag selbst das Kochen und den Service sowie die Werbung für das Dinner. Lernen in der Praxis halt. Ganz nebenbei haben sie so Mathe- und Deutschunterricht. Und das macht ihnen hier, anders als früher in der Schule, auch Spaß. Denn das Lernen erfolgt hier projektbezogen.

Einmal in der Woche kommen Lehrer des Berufskollegs für Gestaltung und Technik nach Herzogenrath und zeigt ihnen beispielsweise, wie man Tabellen anlegt und liest, wie man ein Vorhaben kalkuliert, um finanzielle Verluste zu vermeiden, oder wie man Texte verfasst. Bei der Diskussion über Projekte oder die Zusammenarbeit im Team fließt automatisch ein bisschen Politikunterricht und Sozialkunde ein. Derzeit arbeiten die jungen Leute parallel zur Planung und Umsetzung kleiner Events an einem Kochbuch mit ihren Rezepten.

Nicht alle Teilnehmer streben tatsächlich eine Ausbildung in der Gastronomie an. Kevin Ziegler beispielsweise würde am liebsten eine Fliesenlegerlehre machen, und Andreas Wolff wollte eigentlich Schlosser werden, will nun aber zur Bundeswehr, um dort eine Mechanikerausbildung zu absolvieren. Trotzdem sind auch die beiden voller Begeisterung bei der Sache, denn vieles, was sie bei „Friss oder stirb“ lernen, könne man immer brauchen, sagen sie. Etwa im Team zu arbeiten, sich auf Neues einstellen – alle Teilnehmer müssen Praktika außerhalb des Hauses machen – oder auch zu kochen.

„Es macht Spaß hier. Man muss sich aber auch anstrengen“, sagt Kevin Ziegler. Andreas Wolff gefällt es sehr, dass das Team selbstständig arbeitet. Dominic Hoppe hebt mit Blick darauf, dass alle jungen Leute im Projekt ähnliche Lebenserfahrungen haben, hervor, es sei „ein gutes Gefühl, nicht alleine dazustehen“. Der Erfahrungsaustausch mit den anderen bringe ihm sehr viel.

An allen Standorten der Produktionsschule, die ein Gemeinschaftsprojekt von sieben gemeinnützigen Qualifizierungsträgern unter Führung der Low.tec ist, wird mit den Jugendlichen wie in Herzogenrath gearbeitet, nur in anderen Branchen. Überall geht es darum, dass die jungen Leute „einen Produktionsprozess von A bis Z durchlaufen und anhand der Produkte, die sie auf Wochenmärkten oder bei selbst organisierten Veranstaltungen verkaufen, erkennen wie man Geld verdient“, wie Low.tec-Geschäftsführer Peter Brendel sagt. „Deshalb gibt es auch ein Bonussystem, eine Art Gewinnbeteiligung für die Jugendlichen. Das Problem ist, dass dem durch gesetzliche Regelungen enge Grenzen gesetzt sind.“

Erste Erfahrungen sind positiv

Wie bei anderen Qualifizierungsmaßnahmen auch, dürfe keine Konkurrenz zu „regulären“ Betrieben entstehen, man müsse sich Nischen suchen. Recht aufwendig sei es, sieben Träger zu koordinieren. Und dass es mit Land und Jobcenter zwei Financiers gebe, mache es nicht weniger kompliziert.

Aber: Die ersten Erfahrungen mit den Jugendlichen – die Produktionsschule hat am 1. September vergangenen Jahres ihre Arbeit aufgenommen – zeigen laut Peter Brendel, dass das Produktionsschulkonzept insgesamt funktioniere. „Die Jugendlichen sind alle hoch motiviert und sind auch bereit, in ihrer Freizeit und an Wochenenden ihre Produkte zu verkaufen. Insofern sind wir alle positiv gestimmt.“ Jetzt müssten nur noch die Rahmenbedingungen einfacher werden.

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